Rezension

Kele

2042


Highlights: St Kaepernick Wept
Genre: Experimental // Indie // Electronics
Sounds Like: M.I.A.

VÖ: 08.11.2019

Das mittlerweile vierte Album von Bloc-Party-Frontmann Kele Okereke (jetzt wieder als Kele unterwegs) mutet nach seinen zwei elektronisch gehaltenen Platten „The Boxer“ (2010) und „Trick“ (2014) und dem Akustikalbum „Fatherland“ (2017) beim Betrachten des Covers fast schon sakral an – voller Symbolik zwischen Futurismus und Traditionalismus, mit ihm selbst als zentrale Heilsfigur. Und genau so vielfältig wie das Cover entfaltet sich auch die dazu gehörige Musik, auch wenn Okereke sich selbst eher als kritischer Betrachter soziopolitischer Strukturen denn als Heilbringer positioniert.

Entsprechend auffällig ist die sehr deutlich artikulierte politische Haltung. Der erste Song „Jungle Bunny“ thematisiert das allgegenwärtige Thema Rassismus, das für Betroffene auch im Fall von Popularität und Ruhm nicht verschwindet: „Als farbiger Mensch, der in der westlichen Gesellschaft lebt, ist es vollkommen egal, wie viel Reichtum du anhäufst: Das Rassenthema verfolgt dich überallhin. Mit ‘Jungle Bunny’ wollte ich genau dieses Thema beleuchten: Welche Aufgabe, welche Verantwortung hat man als schwarzer Entertainer in einer Zeit, in der öffentlicher Rassismus und spalterische Tendenzen dermaßen um sich greifen?“ Dass sich daran „Let England Burn“ mit seinem sprechenden Titel anschließt, ist also nur folgerichtig. „St Kaepernick Wept“ ist dem amerikanischen Footballspieler Colin Kaepernick gewidmet. Der hatte durch seinen Protest-Kniefall während der amerikanischen Nationalhymne bei einem Footballspiel auf rassistisch motivierte Polizeigewalt aufmerksam gemacht und war daraufhin nicht nur von Donald Trump, der ihn als „Son Of A Bitch“ bezeichnete, als Vaterlandsverräter geächtet worden. Im Interlude „A Day Of National Shame“ ist ein Auszug der Rede vom Labour-Party-Mitglied David Lammy im britischen Parlament vom April 2018 zu hören, in dem dieser rassistisch motivierte Ungleichbehandlung der sogenannten Windrush-Generation (Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg legal aus ehemaligen britischen Kolonien in der Karibik nach Großbritannien migrierten) kritisiert und das auch von Theresa May getragene politische Klima anprangert: „If you lay down with dogs, you get fleas. And that is what has happened with this far-right rhetoric in this country!” Schwere Worte, ernste Themen.

Diesen ernsten Charakter gibt die Platte musikalisch jedoch nicht immer wieder: „2042“ klingt verspielt, verbindet Afro-Beat, R’n’B, Hip-Hop, Electronics, Indie- und Ambient-Sounds und führt in 62 Minuten Spielzeit durch ein weit gefächertes Potpourri von Stilen. Trotz allem bleibt der Sound der Platte insgesamt aufgeräumt, ohne dass die Songs mit Einflüssen überladen sind oder die Hörer*innen überfordern. Stimmverzerrer neben Bossa Nova, elektronisch gehaltene Balladen neben Industrial-Sounds. Die Songs stehen für sich, entfalten ihr Wesen mal düster („Cyril’s Blood“), mal verträumt, wie im spirituellen „Between Me And My Maker“, dessen Ende auch auf einer post-2010 Coldplay-Platte hätte erscheinen können. Hin und wieder blitzen sogar mal klassische Bloc-Party-Gitarren durch, ohne jedoch zu starke Assoziationen an die Indie-Helden hervorzurufen. Vielmehr fügen auch sie sich harmonisch in Keles Gesamtkonzept für „2042“ ein, seine bisher stärkste Platte, in der sich der 38-Jährige als reifer und kritischer Künstler präsentiert und auf der Suche nach seinem Sound, so facettenreich dieser auf „2042“ auch ist, einen großen Schritt vorwärts gemacht zu haben scheint.

Abhilash Arackal

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Kele - Guava Rubicon

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Kele - Jungle Bunny

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