Rezension

Karies

Es Geht Sich Aus


Highlights: Jugend // Keine Zeit Für Zärtlichkeit // Überlegen
Genre: Post-Punk
Sounds Like: Die Nerven // Messer // Freiburg

VÖ: 04.11.2016

„Es Geht Sich Aus“, das lässt zunächst einmal an Wiener Schmäh und Österreich denken. Liegt ja auch im Trend. Musik aus der Alpenrepublik ist in den letzten Jahren doch auch nördlich der Zugspitze wieder seltsam massentauglich geworden. Aber die erste Assoziation trügt mächtig. Genauso wenig wie die Stuttgarter Band Karies aus dem Land von Haider und Hofer kommt, genauso wenig ähnelt ihre Musik dem saufnasigen Gehtschobasstscho-Pop von Wanda und Co.

Ganz im Gegenteil. „Es Geht Sich Aus“ tönt genervt, roh, ausgemergelt. Hier geht sich eben nichts mehr aus, denn all die Schwere der Welt hat sich auf den elf Songs des Albums eingenistet. Zwar wirken die Post-Punk-Songs streckenweise maschinell flowig, jedoch ohne jegliche Ausschmückung. Der Opener „Es Ist Ein Fest“ beginnt noch harmlos – bis die kreischenden Gitarren einsetzen und die ersten Textfetzen klarmachen, dass man Harmonie hier vergeblich sucht. Stattdessen geht es um die Dissonanz menschlicher Beziehungen: „In deiner Umarmung will ich heut' Nacht nicht schlafen / In deinem Griff werd' ich nicht länger sein.“ Sänger Benjamin Schröter schafft es, in den spärlich gesäten Lyrics eine große Dringlichkeit zu entfalten. Repetitiv und extrem reduziert. So füllt beispielsweise der Text des treibenden „A“ gerade einmal eine einsame Zeile: „Auf mein Fenster dein Blick zurück: In deinen Augen les' ich das Glück.“ Noch eins drauf setzt hier nur „Ostalb“. Statt Aussicht gibt es hier lediglich ein zerknautschtes „Fernsehflimmern“ in Endlosschleife.

Über weite Strecken wabern die Songs dann auch gänzlich instrumental dahin. Dabei bleiben vor allem die Bassläufe von fast schon stoischer Beharrlichkeit im Ohr. Die vereinzelt eingespielten Textfragmente sind grantig und smart. Im grandiosen „Keine Zeit Für Zärtlichkeit“ wird gar der große literarische Quälgeist unserer Zeit, Michel Houellebecq, zitiert. Ein Verwandter im Geiste? So fragt doch auch das französische Enfant terrible bevorzugt ganz unbequem nach der schieren Möglichkeit von Liebe und Menschlichkeit im technizistischen Zeitalter. Wie auch immer, Karies scheuen alles Populäre, sie drängen und nörgeln. „Es Geht Sich aus“ ist ein Sägen und Bohren – Wurzelbehandlung lässt grüßen. Und doch hat schlechte Laune schon lange nicht mehr so viel Spaß gemacht.

Christoph Herzog

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