Rezension

Kamasi Washington

Heaven & Earth


Highlights: Fists Of Fury // Connections // Street Fighter Mas // Show Us The Way // Will You Sing
Genre: Jazz
Sounds Like: Ornette Coleman // Miles Davis // Flying Lotus // Sun Ra // James Brown // Herbie Hancock

VÖ: 22.06.2018

Kamasi Washington ist nicht nur der Saxofonist, der mit Kendrick Lamar, Thundercat und Flying Lotus gearbeitet hat, sondern vor allem derjenige, der gefühlt – und nicht unverdient – im Alleingang Jazz wieder für diverse Zielgruppen ‘cool’ gemacht hat. Sein Album “The Epic” hat seinem Titel vor drei Jahren alle Ehre gemacht. Nachdem letztes Jahr seine “Harmony Of Difference”-EP erschien, folgt nun sein neues Album “Heaven & Earth”, das erneut episch ist mit knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit.

Washington sieht ein klares Konzept in diesem Doppelalbum. Der erste Teil, “Earth” betitelt, reflektiere die Welt, deren Teil er sei, während “Heaven” ein Ausdruck der Welt in ihm sei. Insofern lässt sich “Earth” nicht zuletzt dank des Texts des eröffnenden “Fists Of Fury” durchaus als politisches Statement hören: “Our time as victims is over / We will no longer ask for justice / Instead we will take our retribution”. Das Original ist Teil des Soundtracks des Bruce-Lee-Films “Todesgrüße Aus Shanghai”. “Heaven” wiederum beginnt mit “The Space Travellers Lullaby” weitaus introvertierter, um sich gegen Ende in enorme emotionale Höhen zu steigern.

Das Negativste, das sich über “Heaven & Earth” schreiben lässt, ist, dass die Platte zu wohlgefällig ist mit ihren Inspirationen aus der Jazzgeschichte, aus Soundtrack, aus Funk und aus Pop, der wiederum von brasilianischem Jazz inspiriert war. Ehrlicher ist anzumerken, dass beide Platten eine außergewöhnliche Intensität entwickeln. “Earth” reißt den Hörer von Anfang an mit, “Heaven” steigert sich ausgehend von introvertierter Melancholie hin zu kaum fassbaren Emotionen.

“Heaven & Earth” wird erneut seine Hörer sowohl im Alternative- wie im Pop- wie auch im Jazz-Publikum finden. Es ist ein gutes, ein sehr gutes Album. Es kann niemandem übel genommen werden, wenn er es großartig oder fantastisch findet. Es ist aber im Kern auch eine musikalisch konservative Platte. Sie mag politisch progressive Themen transportieren, sie mag erneut das Jazzpublikum zu neuen Zielgruppen hin erweitern, im Kern bedient sich Washington aber in den letzten 70 Jahren der Jazz-Geschichte und ihren Einflüssen auf Funk, Soul und Soundtrack. Manches ist so im positiven Sinne wohlgefällig und eingängig, dass man versucht ist, herauszufinden, welcher Standard oder welcher jazz-inspirierte Soundtrack hier Pate stand.

Nicht zuletzt hieraus resultiert auch, dass die Platte bei all ihrer überragenden Qualität durchaus Längen hat. Nicht jedes zehnminütige Stück trägt über seine Gesamtdauer, und auch die Spannungsbögen beider Teile, “Earth” und “Heaven”, hängen streckenweise durch. Gelegentlich kippen die beiden Platten sogar ein wenig in Richtung Fahrstuhlmusik. Einerseits fallen diese Schwächen auf die Länge von 150 Minuten besonders auf, andererseits haben sie aber durch die Länge besonders wenig Einfluss auf den Gesamteindruck. Es ist einfach zu viel Gutes drumherum zu hören.

Oliver Bothe

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"Fists of Fury" live on Later ... with Jools Holland

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