Rezension

Justin Timberlake

The 20/20 Experience – 1 Of 2


Highlights: Pusher Love Girl // Strawberry Bubblegum // Tunnel Vision // Let The Groove Get In
Genre: Pop // R&B
Sounds Like: Frank Ocean // Michael Jackson // Prince // D'Angelo

VÖ: 15.03.2013

Justin Timberlake hätte nach dem Tod von Michael Jackson 2009 eigentlich direkt den Titel des „King Of Pop“ übernehmen können. Drei Jahre zuvor ging er mit seinem zweiten Album „Futuresex/Lovesounds“ richtig durch die Decke, entledigte sich damit endgültig des Status eines Boygroup-Posterboys und weitere Konkurrenz war weit und breit nicht vorhanden. Er hätte es tun können. Stattdessen ließ er vier weitere Jahre ins Land ziehen, in denen er sich stattdessen verstärkt seiner Schauspielkarriere widmete. Jetzt ist JT zurück mit einem Riesenwerk namens „The 20/20 Experience“ und nun wird klar, warum er damals die Füße still hielt. Timberlake wollte nicht einfach als bloßer Erbe einer der größten Pop-Ikonen in die Musikgeschichte eingehen. Er wollte selbst eine werden.

Dafür bedient er sich bei seinem dritten Album zuerst einmal eines geschickten Schachzug. Angesichts von Song-Spielzeiten von durchschnittlich 7-8 Minuten werden erstmal auch die schärfsten Kritiker hellhörig. Pop im Oversized-Format? Der traut sich ja ganz schön was zu, kann der Junge vielleicht doch was? Aber auch die Radioformatshörer werden locker bedient, schließlich lassen sich nahezu alle Stücke dank geschickten Arrangements bequem zu Radio-Edits herunterkürzen. Und auch die breite Masse an pubertierenden Girlies hat Timberlake weiterhin im Sack, denn in seinen Texten betreibt er einmal mehr Women-Worshipping, gegen das selbst Alice Schwarzer abstinken kann. Gibt’s noch jemand, der was für Pop übrig haben könnte und aus dem Raster fällt?

Das klingt ganz schön berechnend und vielleicht ist es das auch. Allerdings kommt es letztendlich auch bei einem Justin Timberlake auf den musikalischen Inhalt an und hier ist es nun mal so, dass er auf „The 20/20 Experience“ alle Argumente auf seiner Seite hat. Niemand kann behaupten, dass 2013 moderne Popmusik besser und hochwertiger klingen kann als das, was auf diesem Opus magnum geboten wird. Es gibt Momente, da wird man erschlagen von der schieren Masse an großartigen Harmonien und die stimmliche Wandlungsfähigkeit von JT macht es möglich, dass Genregrenzen immer wieder überschritten werden, ohne aber den Gesamtrahmen dabei zu sprengen.

So hat Timberlake beispielsweise gut bei Frank Oceans „Channel Orange“ aufgepasst und erkannt, dass der Zeitgeist viel R&B atmet. Mit „Pusher Love Girl“, „Spaceship Coupe“ und „That Girl“ hat er daher gleich drei solche Nummern am Start, die auch noch allesamt ganz vorne mitspielen. Wäre Justin Timberlake tatsächlich der offizielle Nachfolger von Michael Jackson, müsste er sich hierfür konsequenterweise schwarz pigmentieren lassen. Stattdessen haut er aber lieber weitere Hits wie das unverschämt coole „Tunnel Vision“ oder die Dancehall-Bombe „Let The Groove Get In“ raus. Sowieso fällt einzig ausgerechnet die erste Single „Mirrors“ etwas ab, wo es wirklich nur noch ein schmaler Grad zum Weichspül-Pop aus *NSYNC-Tagen ist.

Ein Mann, bei dem sich JT sicherlich auch für die Klasse des Albums zu bedanken hat, ist Produzent Timbaland. Auch wenn er es sich einmal mehr nicht nehmen lässt, aus dem Off seinen Senf zuzugeben, muss man einfach sagen, dass seine Produktion für derartige Musik einfach das Nonplusultra darstellt. Timbaland lässt damit zwar wohl jeden Pop-Musiker gut aussehen, Justin Timberlake aber eben noch ein gutes Stück besser als den Rest. Deswegen gibt es nach dieser Platte auch keine Zweifel daran, wer in den nächsten Jahren (Jahrzehnten?) die Poplandschaft dominieren wird.

Achja, die Deluxe-Edition kommt noch mit zwei Bonus-Tracks, auf die man allerdings gut verzichten kann. Auf „The 20/20 Experience“ dagegen nicht.

Benjamin Köhler

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Live-Performance zu "Mirrors" bei den Brit-Awards

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