Rezension

Judith Holofernes

Ich Bin Das Chaos


Highlights: Oder An Die Freude // Ich Bin Das Chaos
Genre: Pop
Sounds Like: Wir Sind Helden // Bernadette La Hengst

VÖ: 17.03.2017

Was erwartet man eigentlich von einem neuen Judtih-Holofernes-Album? Mit Sicherheit gute deutsche Popmusik. Hoffentlich intelligente, unterhaltsame Texte. Schlimmstenfalls einfallslose Alltagsbetrachtungen. Möglicherweise eine verkappte neue Wir-Sind-Helden-Platte. Letztere Vermutung kann eigentlich niemand mehr haben, der sich schon mit Holofernes' letztem Album beschäftigt hat. Natürlich erinnern die Soloausflüge stark an die Musik ihrer nach wie vor auf Eis liegenden Hauptband. Judith Holofernes schafft es aber auch mit „Ich Bin Das Chaos“ erstaunlich gut, viele gute Eigenschaften von Wir Sind Helden auf ihre Solomusik zu übertragen, ohne dabei auf ein gewisses Maß an Eigenständigkeit zu verzichten.

So gibt es auf der neuen Platte rockigen Gitarrenpop von der besten Sorte, der die üblichen Fettnäpfchen des Genres geschickt umschifft. Nicht jedes Lied ist so zwingend, wichtig und eingängig wie in den besten Tagen von Wir Sind Helden, aber es gibt trotzdem die ganze Portion Holofernes: Clevere Wortspiele, in Pop verpackte Gesellschaftskritik und auch sogar eine Kritik an der Kritik. In „Analogpunk“ liefert sich Holofernes ein Wortgefecht mit sich selbst, wie man es zuletzt in „Guten Tag“ zu hören bekommen hat. An manchen Stellen wirken die Vergleiche etwas platt oder gewollt („Ich Plug-Ins / du Bilbo Baggins“ oder „Ich Excel / du Texel / Ich Forum / du Amrum“), aber die Message kommt rüber. Äh, die Nachricht natürlich. In „Die Leiden Der Jungen Lisa“ bekommen dann noch alle ihr Fett weg, die sehr gerne öffentlichkeitswirksam leiden und sich in dieser Rolle zu gefallen scheinen. Und, ja, auch Anspielungen auf das Leben als Mutter gibt es auf „Ich Bin Das Chaos“ zu hören. In „Oh, Henry“ beschreibt Holofernes ihre mütterlichen Sorgen und wie schwer es ihr fällt, nicht in die Rolle als gluckenhafte Helikoptermutter zu verfallen. Das tut sie auf eine so sympathische und nachvollziehbare Art und Weise, dass auch Kinderlose sich in dieser Ballade wiederfinden können.

Also, nochmal Erwartung und Wirklichkeit abgleichen: Ansprechende Texte, die weder zu verkopft, noch zu banal sind? Check. Alltagsbetrachtungen? Ja, aber in erträglichen Maßen und immer gut verpackt. Wir Sind Helden? Nur bedingt. Gute deutsche Popmusik? Aber sicher doch, sogar mit der zu erwartenden Mischung aus Uptempo und Balladen. Sogar ein kleines Chanson ist dabei („Unverschämtes Glück“). Das gehört zwar leider zu den Schwachpunkten von „Ich Bin Das Chaos“, aber es zeigt andererseits auch, dass Holofernes noch lange nicht die Ideen ausgegangen sind. Mehr davon? Ja, bitte.

Lisa Dücker

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