Rezension

Heaven Shall Burn

Of Truth And Sacrifice


Highlights: Eradicate // Protector // Expatriate
Genre: Metalcore // Melodic Death Metal // Thrash Metal
Sounds Like: August Burns Red // Make Them Suffer // Unearth

VÖ: 20.03.2020

Metalcore hat nicht den besten Ruf. Zu Unrecht, natürlich, denn Genrehierarchien sorgen höchstens dafür, dass sich Menschen in ihren selbstauferlegten Geschmacksbeschränkungen wohler fühlen. Es ändert nichts an der Qualität der Musik. Trotzdem kann die Aussicht auf hundert Minuten Doublebass und Breakdowns verständlicherweise einschüchtern. Ein Stück Arbeit ist es, aber zum Glück haben Heaven Shall Burn über zwanzig Jahre Erfahrung und zeigen sich auf ihrem neunten Album abwechslungsreich und spielfreudig.

„Of Truth And Sacrifice“ ist das erste Doppelalbum der Band. Ein Zeichen sicherlich, angesichts der bedenklichen Entwicklungen in ihrer thüringischen Heimat, in Deutschland und der Welt. Heaven Shall Burn überlassen Faschisten und anderen menschenverachtenden Ideologen nicht die Deutungshoheit und verstecken ihre Meinung nicht hinter blumiger Sprache. Sänger Marcus Bischoff nutzt das Mikrofon als Lautsprecher, im doppelten Sinn. In harschen Schreien fordert er Menschlichkeit, Engagement für Schwächere und Unnachgiebigkeit gegenüber denen, die das friedliche Zusammenleben verhindern wollen.

Die Stärke des Albums ist der hohe Detailgrad und das Songwriting, das wie gewohnt Platz für Härte und Melodie lässt, aber raffinierter geworden ist. Die erste Hälfte bleibt in bekannteren Gefilden, aber jeder Track zeigt gekonnt einen eigenen Einschlag: „Eradicate“ ist schnell und heftig, „Protector“ schwenkt Richtung Göteborger Melodic Death, „Übermacht“ beginnt elektronisch und überrascht mit einem Synth-Interlude. Mit „Expatriate“ ist die nötige Pause gesetzt – mehr Schwelbrand als Feuerwerk, im Aufbau schon fast Prog Rock, lassen sich Heaven Shall Burn hier neun Minuten Zeit, mit Streichern, Klavier und doomigen Gitarren wütende Spoken-Word-Passagen zu untermalen.

Die zweite Hälfte ist weniger homogen und wenn man die Schere hätte ansetzen wollen, dann sicherlich hier. In ihrer Vielseitigkeit zeigt sich aber auch die Lust der Band, Neues auszuprobieren. Am auffälligsten ist da „La Résistance“, das Techno und Industrial mit Referenzen an Heidegger verbindet. Das Nuclear-Assault-Cover „Critical Mass“ beweist hingegen, dass Heaven Shall Burn thrashigen Hardcore und Gitarrensoli nicht scheuen und die Zeilen „Another oil spill / Atomic waste displaced / Another forest dies / Bring on the acid rain“ leider auch dreißig Jahre nach Erscheinen des Originals nichts an Aktualität verloren haben.

„Of Truth And Sacrifice“ ist in großen Teilen eine Verfeinerung der Formel, von der hier und da aber gerne abgewichen wird, was meistens auch funktioniert. Ein Doppelalbum war vielleicht nicht nötig, aber sicherlich sind Heaven Shall Burn an einem Punkt angekommen, wo man ihnen ein bisschen Schwelgen, ein bisschen Experimentieren gönnen darf.

Marc Grimmer

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Video zu "Eradicate"
Video zu "My Heart And The Ocean"

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