Rezension

Happyness

Floatr


Highlights: Title Track // Milk Float // Seeing Eye Dog
Genre: Indie-Rock // Dream-Pop
Sounds Like: Elliott Smith // Wilco // Pavement

VÖ: 01.05.2020

Bei Happyness ist ganz schön viel passiert in den letzten Jahren: Nachdem die Band aus London nach ihrem letzten Album „Write In“ eine vorübergehende Pause einlegte, verließ Gitarrist Benji Compston seine Mitmusiker. Das verbliebene Duo um Sänger Jon Allan und Drummer Ash Kenazi verpflichtete daraufhin gleich mehrere Bandmitglieder von Yuck, Social Contract und Heavy Heart. Happyness sahen plötzlich ziemlich anders aus. Zumal Kenazi dann auch noch sein Coming Out als Dragqueen feierte. Eine waschechte Frischzellenkur hat die Band also hinter sich.

Die spiegelt sich auch im Sound auf „Floatr“ wider. Zwar verschreiben sich Happyness immer noch in erster Linie einem Indie-Rock-Sound, der direkt aus den 90ern zu stammen scheint. Darüber hinaus lassen sich aber einige neue Elemente finden, die den Briten äußerst gut zu Gesicht stehen. Direkt im umwerfenden Opener „Title Track“ gibt es ganz sanfte elektronische Streicher zu hören, die sich wunderbar in den Gesamtsound des Songs einfügen. Ebenso der Drumcomputer und das Sampling im nachfolgenden „Milk Float“. Hierbei klingen Happyness fast nach den frühen Radiohead, die zum ersten mal ein wenig mit elektonischen Spielereien experimentieren. Vielleicht ja ein erster Vorbote für die Zukunft?

So ganz in diese neue Richtung trauen sich Happyness allerdings noch nicht zu gehen. In der Folge gibt es „klassisches“ Songwriting im Stile von Größen wie Pavement, Wilco oder Yo La Tengo. Etwas überraschungsarm, aber halt immer noch sehr gut gemacht und mit einem nach wie vor guten Händchen für Melodien, die allesamt in wohliger Melancholie baden. Und ja, die Stimme von Jon Allan klingt auch auf „Floatr“ wie die Reinkarnation von Elliott Smith, was einmal mehr zu einiger Verwirrung bei denjenigen führen wird, die Happyness bisher nicht kannten.

Was die Band ebenfalls nicht verlernt hat, ist ihr Album mit einem großen Song abzuschließen. „Tunnel Vision On Your Part“ von der Vorgänger-Platte schien ja eigentlich kaum zu toppen zu sein. Tatsächlich bewegt sich das fantastische „Seeing Eye Dog“ aber mindestens auf Augenhöhe. Zuerst prescht der Song mutig nach vorne, zieht dann aber abrupt die Handbremse und fadet ganz sachte mit anmutiger Schönheit aus. Selten war ein Seufzer nach den letzten Klängen besser angebracht. Happyness mögen zwar in neuem Gewand erstrahlen, starke Emotionen hervorrufen können sie mit ihrer Musik aber genauso gut wie vorher.

Benjamin Köhler

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"Seeing Eye Dog" im Stream
"Ouch (Yup)" im Stream

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