Rezension

Godspeed You! Black Emperor

Asunder, Sweet And Other Distress


Highlights: Peasantry Or ‚Light! Inside Of Light!’
Genre: Postrock
Sounds Like: Godspeed You! Black Emperor

VÖ: 27.03.2015

Ein sehr lieber Freund sagte einmal, es falle ihm immer schwer, über Musik zu sprechen, wenn es um Godspeed You! Black Emperor geht. Das bringt sehr vieles, was das Post-Rock-Kollektiv aus dem kanadischen Montreal betrifft, auf den Punkt. Nahezu nichts lassen die Mitglieder öffentlich sprechen, außer ihre Musik. Ausnahmen gibt es fast keine. Entstanden aus einem Kreise Menschen, die bei Underground-Konzerten gemeinsam musizierten, veröffentlichten diese um die Jahrtausendwende drei Alben und eine EP und erreichten damit in Kennerkreisen einen unglaublichen Status. Jede der Platten erschafft eine Welt für sich, und dann waren God’s Pee, wie sie sich manchmal selbst nennen, 2003 auf einmal in Seitenprojekten verschwunden.

2010 war die Band dann auf einmal wieder da, spielte wieder Shows, veröffentlichte 2012 unvermittelt ihr viertes Album. Dieses ist ein Relikt aus der Zeit um die Jahrtausendwende, damals unaufgenommene Stücke fanden nun den Weg auf Platte. „Asunder, Sweet and Other Distress’“ ist das erste Godspeed-Album, das neugeschriebene Musik enthält. Es ist das erste Album der Band, das nur mit einer Schallplatte auskommt. Zwei Hauptstücke sind darauf enthalten, „Peasantry Or ‚Light! Inside Of Light!’“ und „Piss Crowns Are Trebled“, diese rahmen zwei lange Drone-Parts in der Mitte des Werks ein. (Anmerkung: Wenn über Musik zu sprechen schwer fällt, dann fange mit Fakten an.)

Der folgende Versuch, die Musik zu besprechen, geschieht vor dem Hintergrund, dass es sich um Godspeed You! Black Emperor handelt. Das klingt banal, aber es ist wichtig, in Betracht zu ziehen, was das Kollektiv bisher veröffentlicht hat, und welche Welten es damit geschaffen hat. Denn: Wäre diese Platte die erste Godspeed, sie würde Horizonte eröffnen, sie wäre unglaublich. In Kenntnis der bisherigen Godspeed-Welten allerdings ist sie greifbar. Denn die Horizonte, innerhalb der sie sich bewegt, sind bereits da. Und deshalb weiß „Asunder, Sweet and Other Distress’“ nicht zu überraschen. Godspeed haben für diesen Moment in ihrer Geschichte ihr Rezept für Musik gefunden, und nach diesem wird Musik gemacht.

Das Rezept bedeutet: Epischer Beginn, diesmal etwas heavier als gewohnt. Nachdem dieser etwas ausgeladen ist, setzt eine knautschige, schrubbelige Gitarre ein. Dann wird es noch einmal lauter, bis sich Geigen einschleichen. Mit den Geigen wird es dann noch einmal laut, ehe sie ihren leiseren Teil bekommen und das Stück langsam ausfadet. Die Melodien sind unglaublich – klar. Das Zusammenspiel ist unglaublich – klar. Und dann versinkt alles in einem Drone. Irgendwann steigt dieser wieder auf zu einem zweiten Stück, das nach dem selben Schema abläuft.

Während auf früheren Platten die Elemente öfter vermischt wurden, Parts mit fast schon westernmäßiger Lässigkeit (etwa „Dead Flag Blues“) und Verwegenheit vorkamen, sind die verschiedenen Teile hier klarer voneinander getrennt und stechen in ihrer Funktion stärker hervor. Der schwere Gitarrenteil ist sehr dramatisch und laut, der Geigenteil mehr süßlich-romantisch als verwegen-melancholisch. Die Unberechenbarkeit ist verloren gegangen. Früher gab es kein Schema. Etwa die Drone-Parts klingen für lange Teile nur vor sich hin, wo sie früher mit tiefsitzenden Spoken-Word-Parts übermalt waren, passiert auf dieser Platte manchmal einfach nahezu nichts. Und dieses Nichts, das gab es auf Godspeed-You!-Black-Emperor-Platten bislang nie. Selbst ein Nichts hatte immer Gewicht.

Die Kritik mag harsch klingen. Doch sie ist nur vor dem von der Band selbst gegebenen Kontext so möglich. Godspeed You! Black Emperor machen immer noch gemeinsam Musik, und sie sind die letzten Musiker, die einfach nur ihre zwanzig Jahre alte Musik runterdudeln möchten (wie man an der aktuellen Tour, bei der nur neues Material gespielt wird, merkt), also schreiben sie neue. Dass dieses besondere Kollektiv noch zusammen ist und Dinge erschafft, daran Spaß hat, es sei wenigen mehr gegönnt und ist nicht hoch genug zu bewerten. Für ihren Schaffensprozess haben die Mitstreiter nun ein Kochrezept gefunden. Es ist ein richtig gutes Rezept mit richtig guten Zutaten, die alle für sich und in ihrer Interaktion immer wieder ein höheres Erlebnis erschaffen. Aber es ist ein Kochrezept, und mittlerweile weiß der Liebhaber, wie die einzelnen Zutaten schmecken. Eigentlich fällt „Asunder...“ somit nur Liebhabern schwer. Trotzdem bewegen sich Godspeed You! Black Emperor ausschließlich in der von ihnen erschaffenen Welt und entziehen sich damit jeglicher den Orientierungspunkten unserer Welt entsprechenden Wertung.

Daniel Waldhuber

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