Rezension

Gerard

Blausicht


Highlights: Alles jetzt // Verschwommen // Lissabon // Nichts // Manchmal // Atme die Stadt
Genre: HipHop
Sounds Like: Chakuza // Casper // Prinz Pi // Maeckes // The Streets

VÖ: 20.09.2013

Es ist der 12. November 2012. Der Winter ist ganz kurz davor, einer der längsten und kältesten zu werden, den die Generation der 20-30jährigen je erlebt hat. Die Orsons spielen im überfüllten Kölner Gloria. TUA, Maeckes, Kaas und Plan B sind gerade das neue, heiße Ding der deutschen HipHop-Szene und sie haben jemanden im Gepäck, der imstande ist, das selbe für 2013 zu werden. Der vormals als Gerard MC bekannte Gerard jedenfalls weiß mit Songs wie "Lissabon" die Menge zu begeistern und mit seiner sympathischen Art und seinem Wiener Akzent kann man gar nicht anders, als ihm den Erfolg zu wünschen.

Wir spulen vor: 20. September 2013. Der Winter wartet bereits wieder auf seinen Einsatz und Gerard hat um "Lissabon" noch zwölf weitere Songs gestrickt, die sich thematisch zwischen Ziellosigkeit und Zukunftshoffnungen bewegen und gefühlt als Debütplatte des Wieners gehandelt werden. Das Ganze findet im Titel "Blausicht" – eine Wortneuschöpfung aus "ins Blaue hinein" und "Aussicht" – einen konzeptionellen Rahmen. Und obschon Songs wie "Irgendwas mit Rot", "Manchmal" und "Alles Jetzt" schon vorab bei Kritikern großen Anklang fanden, ist der ganz große Hype, den beispielsweise Prinz Pi oder Casper auf sich vereinen konnten, zum jetzigen Zeitpunkt ausgeblieben. Das mag daran liegen, dass Gerard alles andere als eingängig ist. Zumindest auf den ersten Blick ist die Mischung aus Wiener Akzent und dem musikalischen Referenzrahmen zwischen The Streets, Hudson Mohawke oder Jamie Woon nicht für die ganz großen Hallen bestimmt.

Textlich ist Gerard einer der Großen und auch hier kommen Erinnerungen an Mike Skinner (The Streets) hoch. Urbane Alltagsgeschichten, persönliche Erlebnisse und die damit verbundene Ziellosigkeit sowie einer aus der Reflektion der Ereignisse entstehenden Zukunftshoffnung liefern nicht nur das Bild der Generation "Maybe". Vielmehr ist "Blausicht" möglicherweise ein Großstadtalbum, so wie es Tomtes "Buchstaben Über Der Stadt" war, das auf persönlicher Ebene das Leben in westlichen Großstädten skizziert. Gerard erzählt von der Wiedereroberung der Stadt, nachdem er sie im Verlaufe einer Trennung vollkommen verloren hat ("Verschwommen"). Er erzählt von der großen Liebe, die meist immer dort wartet, wo man sie am wenigsten erwartet, die sich aber wahnsinnig richtig anfühlt ("Manchmal"). Das rebellische "Wie Neu" ruft dazu auf, die Verhältnisse nicht länger hinzunehmen und aus der Enttäuschung über "die da" Kraft für Veränderung zu ziehen. "Nichts" beschreibt die Geschichte eines Freunds, für den das Leben nicht mehr lebenswert war und der es sich letztlich selbst nahm. Gerard erzählt die Geschichte aus Sicht eines Hinterbliebenen, der immer wieder über soziale Medien daran erinnert wird und der versucht, mit dem Tod im digitalen Zeitalter klarzukommen.

"Blausicht" ist in jeder Hinsicht ein großartiges Album. Produziert wurde es zum größten Teil von Nvie Motho, doch auch österreichische Beatproduzenten wie Fid Mella und Mainloop, sowie der allgegenwärtige DJ Stickle machen "Blausicht" musikalisch zu einem runden Stück gegenwärtiger deutscher HipHop-Kunst. Textlich bewegt sich Gerard ganz eng und reibungslos zwischen den großen zitierfähigen Federmäppchen-Zeilen und einer cleveren, fast prosaischen Alltagsbeschreibung. Im Gegensatz zu anderen Kollegen fühlt er sich nicht im Versagen und der Zukunftslosigkeit wohl, sondern spricht sich deutlich für den Aus- und Aufbruch aus. Sich in diesen zwei Polen nicht zu verlieren, ist eine große Kunst, die Gerard hier bravourös meistert und die "Blausicht" mit Sicherheit zu einer der besten deutschen Platten des Jahres macht.

Andreas Peters

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Video zur Single "Alles jetzt"

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