Rezension

Fucked Up

Dose Your Dreams


Highlights: None Of Your Business Man // Normal People // Torch To Light // Came Down Wrong
Genre: Hardcore // Indie-Rock // Punk-Rock
Sounds Like: Negative Approach // Black Flag // Titus Andronicus

VÖ: 05.10.2018

Wem gehört eine Gruppe? Dem Sänger, dem Gitarristen, der Rhythmussektion? Gar allen als freudseliges Hippie-Kollektiv? Die Zeit der großen, überbordenden Improvisationsorgien ist längst vorbei, nur die wenigsten Zuhörer wollen sich in zwanzigminütigem Gegniedel verlieren und Songs brauchen nun mal Ideengeber mit klarer Vision. Einer muss als wohl oder übel die Zügel übernehmen. Für normale Bands bereits eine Herausforderung. Für Fucked Up, eine Band, die stets droht, an eigenen inneren Fliehkräften zu zerreißen, eine essentielle Frage.

Die bisherigen Werke von Fucked Up waren stets zweigeteilt. War die Frühphase, die rockenden Hardcore wie Negative Approach herauskeifte, stets von Schlachtschiff Damiam Abraham dominiert, so hat im Laufe der Zeit der Gitarrist Mike Haliechuk die kreativen Zügel übernommen. Seit „The Chemistry Of Common Life“ lässt er Geigen stapeln, Gitarrenwände errichten und gewährt Instrumenten, die der härteren Rockmusik fremd sind, großzügig Eintritt. Den vorläufigen Höhepunkt fand dieses bunte Treiben 2011 mit „David Comes To Life“, welches wohl das wichtigste dem Hardcore entsprungene Album der letzten zehn Jahre ist. Danach folgte die große Leere und Damian Abraham schuf mit „Glass Boys“ einen Nachfolger, der die Ambitionen zurückschraubte und sich auf seine Wurzeln im klassischen Hardcore besann, womit er allerdings weder dem Bandnamen noch dem vorangegangenen Meisterwerk gerecht wurde. „Glass Boys“ war der erste Fehlschlag einer Band, der bisher alles zu gelingen schien.

Dass „Dose Your Dreams“ wieder Haliechuks Handschrift trägt, mag der brachiale Opener „None Of Your Business Man“ gerade mal zwei Minuten (inklusive epischem Intro!) verbergen: Dann knallt das Saxophon rein und wirbelt den Rocksong zu einer Tanznummer um. Doch das ist nur der Beginn des Wahnsinns: Die fast achtzig Minuten von „Dose Your Dreams“ in Worte zu fassen, ist im Rahmen einer mageren Rezension fast unmöglich. Power-Pop auf „Normal People“, psychedelischer Dance-Pop auf „Torch To Light“, Indie-Rock auf „I Don’t Wanna Live In This World Anymore“, Dream-Pop auf „How To Die Happy“, harter Industrial auf „Mechanical Bull“. Und und und. „Dose Your Dreams“ ist das erste offensichtlich gemeinschaftliche Werk von Fucked Up. War Abraham bisher eine alles zermalmende Übermacht, muss er nun zurückstecken und ist gerade mal auf zwei Dritteln der Lieder zu hören. Stattdessen gibt es Streicherarrangements von Owen Pallett und sogar mit „Came Down Wrong“ ein ganzer Songbeitrag von J Mascis. Natürlich gehen Fucked Up mit dem Disco-Pop des Titelsongs völlig über Bord, aber genau wegen solcher geschmacklichen Gratwanderungen haben sie ihren Namen verdient. Wer immer noch nicht genug hat, bekommt zudem noch eine Hintergrundgeschichte, die an das Meisterwerk „David Comes To Life“ anknüpft und das Leben des gleichnamigen Protagonisten weiterspinnt, Perspektivwechsel musikalisch vertont und spätestens ab der Hälfte selbst den gutwilligsten Zuhörer abgeschüttelt hat. Funktionieren tut das Album trotzdem.

Wem gehört Fucked Up im Jahr 2018? Auf den ersten Blick jedem außer Damiam Abraham, doch das ist zu kurz gegriffen. Der geliebte Schreihals bleibt immer noch Aushängeschild und mahnender Türwächter des Undergrounds, muss nur ein paar Schritte zurücktreten. Die wirkliche Antwort lautet daher: Diese Neuerfindung von Fucked Up gehört jedem. Dem, der vor allem die wirren Soundexperimente der Tierkreis-EPs mochte, dem, der nicht bloß den X-Ray Spex das Saxophon durchgehen lässt, dem Dreampopper, dem Noiserocker und dem Mindfuck-Geschichten-Liebhaber. Und natürlich weiterhin auch demjenigen, der einfach bloß im Moshpit ein bisschen Dampf ablassen will.

Yves Weber

Hören


"Normal People" anhören

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.