Rezension

Feist

The Reminder


Highlights: So Sorry // I Feel It All // 1234 // Intuition
Genre: Singer-Songwriter // Pop
Sounds Like: Ron Sexsmith // KT Tunstall // Broken Social Scene

VÖ: 20.04.2007

Beim ersten Hören von "The Reminder" bin ich eingeschlafen. Nicht aus Langeweile allerdings, sondern aus Müdigkeit, was einen entscheidenden Unterschied darstellen dürfte, wenn es darum geht, das neue Album von Feist zu bewerten. Dennoch ist die Anekdote auch auf hellwache Zuhörer übertragbar: Wie so oft bei Singer-Songwriter-Platten, erscheinen einem viele Melodien zunächst gewöhnlich, bleiben hinter Rhythmen und Klangschnipseln versteckt, sind unscheinbar.

Automatisch beginnt man, mit dem Vorgänger zu vergleichen, zieht vorschnell Schlüsse über die Qualität des Albums und sitzt im Falle von "The Reminder" nach dreizehn Liedern erstmal dumm da. Wenn man dann auch noch auf dem Infozettel, der dem Promo-Exemplar beiliegt, lesen muss, dass anderen 'beim ersten Kontakt mit "The Reminder" die sonst so standhafte Kinnlade herunterfällt', verliert man jegliche Hoffnung in das Album. Es aufgeben? Wäre ein verdammt großer Fehler.

Denn nur wenige Durchgänge später darf man all die anfänglichen Sorgen frohen Mutes für unbegründet erklären. Alles, wofür man die Kanadierin seit "Let It Die" so gern hat, entdeckt man auf "The Reminder" wieder. Und, so blöd es auch klingen mag, da wartet noch viel mehr. Kurioserweise trifft wohl sogar die reichlich lapidare Erklärung zu, dass das Album schlichtweg mehr Songs als das Debüt enthält. Da findet man ein "I Feel It All", das die Nachfolge von "Mushaboom" als glücklichster Song seiner Platte antritt. Da findet man ein völlig großartiges, euphorisches "1234", eines von vielen Liedern, deren Songwriting an Landsmann Ron Sexsmith erinnert. Da findet man von der discotauglichen und radioerprobten Single "My Moon My Man" über ruhige Folk-Balladen à la "The Park" bis zum angenehm nach Broken Social Scene klingenden "Past In Present" beinahe alles, was das Herz begehrt.

Dass dabei all diese verschiedenen Facetten und Ideen ein so überzeugendes Ganzes ergeben, vermag man sich kaum zu erklären. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass Feist höchstpersönlich vor gar nicht langer Zeit mal sang: "And we'll collect the moments one by one/ I guess that's how the future's done." Nach anstrengender Arbeit klingt "The Reminder" wirklich nicht. Eher nach entspannten Aufnahme-Sessions in einem Pariser Altbau - und genau so ist das neue, wundervolle Feist-Album auch entstanden.

Mario Kißler

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.