Rezension

Feist

Pleasure


Highlights: Pleasure // Lost Dreams // Any Party // The Wind // Century
Genre: Songwriter
Sounds Like: Cat Power // Bat For Lashes // Broken Social Scene

VÖ: 28.04.2017

Das, was die Musik von Leslie Feist so besonders macht und ihr einen Zauber verleiht, ist nicht nur die Schönheit der Musik an sich. Es ist hauptsächlich die Schönheit dessen, was die Musik und ihre Texte in jedem Menschen, der sie hört, auslösen. Die Schönheit der Themen, die sie behandelt, die bei jedem anzudocken vermögen und mitunter tiefe Dinge bewegen oder anrühren. Wie die größten Künstler*innen es schaffen, so vermag es Feist, stets persönlich zu sein – aber dabei immer auf dem Grat zu balancieren zwischen tief persönlich für sie selbst, aber eben auch persönlich für jede*n, der ihre Kunst rezipiert. Diese Balance hielt sie noch nie so geschickt wie auf ihrem neuen Album „Pleasure“, dem ersten seit sechs Jahren. Die Vorschusslorbeeren nach bislang drei großartigen Alben sind hoch, doch genau aus dem genannten Grund ist das vielleicht ihre spannendste Platte: Weil die Spannung zwischen Künstlerin und Hörer*in am stärksten zu spüren ist.

Wo andere Menschen sich in Liebeskummer und anderen Sorgen des Lebens vielleicht am Liebsten unter der Bettdecke vergraben – was Leslie Feist sicher auch tut – schafft sie eben eine Platte, das ist ihr Umgang damit, ein künstlerischer. Aus der Trauer und aus der Tiefe entsteht etwas. Die Jahre nach der letzten Tour und dem letzten Album „Metals“ aus dem Jahre 2011 ist Feist nach eigener Aussage in ein Loch gefallen. Sie hatte den Anschluss zu ihrem täglichen Leben verloren, und dann ging auch noch eine Beziehung in die Brüche. Aus all diesen Erfahrungen heraus entstand „Pleasure“, Feists reduzierteste Platte bislang.

Waren vorherige Alben oft an vielen Stellen überbordend, euphorisch, obgleich auch stets an den richtigen Stellen zurückhaltend und den Hörer*innen eigenen Raum bietend, so ist „Pleasure“ so dezent wie keine Platte zuvor. Eine sehr spärliche Instrumentierung, Gitarre, etwas Percussion und mehrstimmige perfekt harmonierende Gesänge, zumeist nicht viel mehr, sodass mitunter nahezu Feists Atem zu spüren ist – das lässt den Hörer*innen viel mehr Raum als bei vorherigen Platten. Das macht diese Platte eben so spannend und persönlich wie keine zuvor, denn wer einmal wirklichen Liebeskummer hatte, fühlt jede Sekunde von „I Wish I Didn’t Miss You“ oder „Lost Dreams“.

Wenn Feist im großartigen „Any Party“ singt: „You know I’d leave any party for you // because no party’s so sweet // as a party of two“, dann ist nicht nur der Verlust klar, sondern auch, was eine Liebe und die Sehnsucht danach bedeuten. Glück haben die, die dieses Gefühl nicht kennen, doch die allermeisten können genau hier andocken. Dieses Album bordet nicht über, weil es musikalisch voll ist und den Hörerenden hier schon alles abnimmt, sondern weil die Inhalte und deren Schönheit, Aufrichtigkeit und Reinheit ein inneres Überborden auslösen. Besonders hervorzuheben sind noch das behutsame „The Wind“, das nahezu epische „Century“ mit Spoken Word von Jarvis Cocker und die wundersame Orgel, mit der sich Feist in „Young Up“ aus dem Album schleicht.

„Pleasure“ ist ein Album, dessen voller Zauber sich erst nach mehreren Hördurchgängen erschließt, doch dann ist es ein Zauber, der bleibt. Es ist kein Album für den Sommer im Park wie etwa „The Reminder“, manchmal ist es sogar aufgrund des Tiefgangs schwer zu ertragen. „Pleasure“ ist eben ihr am stärksten berührendes, weil persönlichstes Album, und ganzheitlich betrachtet ihr in sich schlüssigstes Werk. Leslie Feist ist und bleibt eine absolute Ausnahmekünstlerin.

Daniel Waldhuber

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