Rezension

Emel

Ensen


Highlights: Instant // Ensen Dhaif // Thamlaton // Princess Melancholy // Sallem
Genre: Electronica // Tunesisch // Wave
Sounds Like: Portishead // Depeche Mode // Marcel Khalifé // Massive Attack // Ez3kiel // Interpol

VÖ: 24.02.2017

Bei Gefallen an Musik aus fremden Kulturräumen stellt sich immer die Frage, ob dies allein auf den ungewohnten Klängen beruht, oder ob es tiefer geht als eine Bewunderung des interessant Anderen. Und seien wir ehrlich, für die meisten Menschen in Mitteleuropa sind 90% der Welt fremde Kulturräume – inklusive Bayern. Dies Problem stellt sich nicht zuletzt, wenn westliche – sprich anglo-amerikanische oder anglo-amerikanisch inspirierte – Künstler_innen exotische Klänge in ihre Musik einbauen.

Dieser Exotismus ist nicht von vornherein negativ zu sehen, aber doch bleibt bei solcher Aneignung fremder Kulturen ein “Geschmäckle”. In der Tat ist ein solcher Exotismus keine Einbahnstraße. Andererseits stellt sich natürlich auch die Frage, inwiefern es problematisch ist, wenn Künstler_innen jedweder Stilrichtung meinen, Mittel eines Kulturraums aufgreifen zu müssen, um in diesem erfolgreich sein zu können. Diese Gedanken mögen aufkommen, hört man das neue, zweite Album “Ensen” der Tunesierin Emel Mathlouthi.

Emel gilt als eine der musikalischen Stimmen des arabischen Frühlings in ihrer Heimat Tunesien. Dort hat sie das Ben-Ali-Regime selbst erlebt, zog im Jahr 2007 nach Paris und lebt heute in New York. Während der Revolution in Tunesien wurde ihr Stück “Kelmti Horra” zu einer der Hymnen der Bewegung. Der Titel bedeutet “Mein Wort ist frei”.

Während die Gedanken der Einleitung das Hören des Albums beeinflussen mögen und auch das Wissen um die Person Mathlouthi und insbesondere ihre Rolle im tunesischen Frühling im Trump-Jahr eins die Wahrnehmung der Platte in eine bestimmte Richtung schieben können, lässt sich “Ensen” doch vor allem als unabhängige Pop-Musik genießen. Natürlich irritieren die vornehmlich arabischen Texte den Mitteleuropäer möglicherweise zunächst, aber Emels Vortrag ist dermaßen voller Gefühl und voller Intensität und nimmt in einem solchen Maße gefangen, dass die Sprache schnell keine Rolle mehr spielt.

Produziert unter anderem von Valgeir Sigurðsson und Amine Metani, folgt das Songwriting ebenso sehr nordafrikanischen Pfaden und nutzt nordafrikanische Instrumente und Percussion, wie es aber auch aus den Tiefen der westlichen Popmusik zehrt. Einer der Vorzüge des Albums ist tatsächlich, wie in seinen Stücken die Geschwister Postpunk, Synth-Pop/Wave, TripHop/Electro/Techno und, weniger aber doch auch, Industrial zusammenfinden. Die Stücke auf “Ensen” gemahnen einmal an Portishead, einmal an Underworld, einmal an Interpol, einmal an Depeche Mode und sind doch vor allem eigen. Diese Eigenständigkeit der Songs beruht natürlich zum einen auf den für westliche Ohren ungewohnten Klängen. Ein anderer Vorzug ist aber eben auch die Natürlichkeit, mit der hier das traditionell Nordafrikanische oder Tunesische mit den gewählten klassischen Elementen des ‘Pop’ zusammenfindet. Vor allem aber vermag Emel in ihrer Musik poppigen Wohlklang und klangliches Fordern zu verbinden. Das Sanfte und das Harsche stehen hier nebeneinander, fordern sich heraus und finden zusammen in etwas Neuem. Die Stücke verweigern sich den Erwartungen und sind weitgehend unvorhersehbar. Emels Musik erzeugt auch ohne Verstehen der Texte Intensität und Dringlichkeit.

Die ersten Monate des Jahres 2017 waren bereits reich an guter Musik. Emels “Ensen” ist aber sicherlich einer der bisherigen Höhepunkte dieses noch jungen Jahres. Es ist eine Platte ohne Schwächen und voller Faszination.

Oliver Bothe

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"Lost"

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"Thamlaton"
"Ensen Dhaif"

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