Rezension

Dota

Die Freiheit


Highlights: Raketenstart // Zwei Im Bus // Internetshop // Prinz
Genre: Deutsch // Singer/Songwriter // Pop // Chanson // Politisch
Sounds Like: Franz Josef Degenhardt // Joni Mitchell // Bosse // Judith Holofernes

VÖ: 14.09.2018

Deutscher Pop dieser Tage ist dominiert von männlichen Künstlern, die von “Menschen Leben Tanzen Welt” singen. Einschmeicheln und niemanden stören, scheint der Leitsatz.

Das Einschmeichelnde ließe sich auch bei Dota Kehrs 2018er Album “Die Freiheit” diagnostizieren, aber das würde musikalisch wie im Gesamtbild zu kurz greifen. Es wäre zu oberflächlich gehört.

“Die Freiheit” mag tatsächlich das wichtigste deutschsprachige Album des Jahres 2018 sein, da es durchaus explizit politisch auftritt, ohne dabei zu sehr den Zeigefinger zu zeigen. Andererseits aber ist gleichzeitig doch auch ausdrücklich ein Pop-Album, das die Themen des Pop aufgreift. Aber selbst hier ist es besonders. Dies gilt nicht nur für die poetischen Texte der Dota Kehr, sondern auch für die Arrangements. Diese unterstützen mal die Thematik der Stücke und mal versuchen sie diese zu brechen, indem dystopische Texte von treibender Rhythmik und eher frohsinniger Melodie begleitet werden.

Musikalisch ist die Platte also Pop. Dies ist in erster Linie Singer/Songwriter-Pop, den die Akustikgitarre dominiert, darüber hinaus gibt es aber auch sehr Verspieltes, elektronisch Angehauchtes sowie latent Experimentelles. Die Arrangements sind dabei von Schlagzeuger Janis Görlich geprägt, so Dota im Interview mit SPIESSER. Dieser besitzt ohrenscheinlich eine Vorliebe für minimalistische Spielereien. Diese tun den Stücken im Regelfall gut, führen aber gelegentlich auch zu Stirnrunzeln.

Zentrales Element der “Freiheit” sind aber immer Dota Kehrs Texte. Sei es das Romantische, das Private oder das Politische, sie vermag die Probleme der Zeit überzeugend in Pop zu fassen. Es sind Texte, die zu einem Großteil nicht nur kleine Geschichten erzählen, sondern fast Film-Exposés sind.

Da sind Geschichten über Zwischenmenschliches wie etwa das Finale eines romantischen Verwirrspiels in “Intershop” oder das Stück “Prinz”, in dem jemand dem männlichen Partner klar macht, dass dieser nur eine Zwischenlösung ist beim Warten auf den Prinzen. Letzteres kann man entweder abstoßend oder sehr emanzipiert finden. Ähnlich zwiespältig kann man der subtil gewalttätigen Vertonung einer Vergewaltigungs-Rache-Situation in “Nackte Beine” gegenüberstehen. Beide Stücke aber sind in ihrer Nutzung der deutschen Sprache großartig.

Beeindrucken tun aber vor allem die explizit politischen Texte. So thematisiert “In der Hand” die Datenkraken im Netz – oder vielleicht sogar eher unsere Bereitschaft, unsere Daten jeder und jedem unkritisch zur Verfügung zu stellen. “Raketenstart” ist ein dystopischer Zukunftsentwurf, in dem sich die Wohlhabenden auf den Start der Rettungskapsel vom untergehenden Planeten Erde bereit machen. Ob der Planet dabei mehr von Umweltverschmutzung und Klimawandel oder von diktatorischen Machtfantasien zerstört wird, bleibt offen. “Zwei Im Bus” beschreibt zum einen den alltäglichen Rassismus in unserer Sprache. Zum anderen aber führt es den Hörer*innen vor Augen, wie oft wir Rassismus oder auch andere Ismen unbeantwortet lassen. Dass “Die Freiheit” aber kein depressives, fatalistisches Album ist, zeigt “Schwangere Frauen”. Auch “Internetshop” verheißt Optimismus für die Welt im zwischenmenschlichen Glück.

“Die Freiheit” steht in einer langen Tradition deutschsprachiger Popmusik, die vermag, neben Pop auch politisch zu sein. In der sprachlichen wie musikalischen Qualität gehört die Platte aber auch in dieser Tradition zu den Höhepunkten. Und zu denen des Jahres 2018 gehört sie sowieso.

Oliver Bothe

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https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_la38QqUUVlFXJFTO1ImzLAp-oV7pf7fZ4

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