Rezension

DJ Koze

Amygdala


Highlights: Nices Wölkchen (feat. Apparat) // Ich Schreib' Dir Ein Buch 2013 (feat. Hildegard Knef)
Genre: Ambient // Deep House // Weird House
Sounds Like: Pantha Du Prince // Apparat // International Pony //Tiefschwarz

VÖ: 22.03.2013

Ein typischer Morgen in Disneyland: süßes Vogelgezwitscher, samtweiche Tautropfen, die von gähnenden Glockenblumen herabrieseln, um den harfenbegleiteten Sonnenaufgang zu begrüßen. Ein weißer Elch kommt auf die rosa Lichtung getrottet und auf seinem Rücken sitzt – nein, nicht Prince Charming - sondern DJ Koze mit Fliegerhelm und Trenchcoat, schnauzbärtig und teilnahmslos dreinblickend.

Irritation und Inspiration, Geniestreich und skurriler Bierzelthumor, DJ Koze gelingt die Gratwanderung zwischen Genialität und Banalität. In den letzten Jahren sah man den Tausendsassa Stefan Kozalla eher vom Thron der elektronischen Tanzbühne aus seine schwitzenden Fans dirigieren oder in der Remix-Klammer hinter namhaften Künstlern auftauchen. Acht Jahre musste die anspruchsvolle Fanbase auf „Amygdala“ warten. Die Erwartungen sind hoch – und Koze weiß mit ihnen zu spielen.

Verstörendes Artwork, verwirrender Titel und der schräge Teaser „Maulguss“ ließen auf Klamauk à la Adolf Noise oder eine verrückte Tanzexplosion von International Pony hoffen. Die neue Platte berührt die Amygdalae, das zweiteilige Lust- und Erinnerungszentrum im Gehirn nämlich, jedoch auf ganz andere Art. Ein Klangspektakel aus Vogelgezwitscher, Straßenlärm und Glockenspielen, gepaart mit einem überraschend deepen und nachdenklich-nostalgischen Sound zeugen davon, dass Koze die acht Jahre Wartezeit genutzt hat. Die speziellen Klänge und Instrumente sammelte er auf Reisen durch die Weltgeschichte, immer das Diktiergerät im Anschlag. „Amygdala“ wird bereits als Kozes "Sgt. Pepper" gehandelt und ist kein einfaches Tanzalbum, sondern ein Kunstwerk.

Nachdem man durch den Opener „Track ID Anyone?“ in einen tranceähnlichen Zustand geklingelt und getrommelt wurde, kann man nur noch dem vorangestellten Mantra gehorchen: „We need to eat, we need to sleep and we need music“. Es folgen 78 Minuten wabernden Klangteppichs, versatzstückhafte Soundcollagen, die manchmal den Eindruck vom Song-im-Song erwecken, bilden geparrt mit rauschenden Patterns à la Steve Reich bilden den Sound für die After-after-Hour in anderen Sphären - elektronische Meditationsmusik für den tibetanischen Tanztempel.

Auch die Gästeliste des Remix-Gurus ist hochkarätig. Dirk von Lowtzow, Caribou, Apparat und als Highlight Hildegard Knef werden hier nach Lust und Laune zerlegt und neu zusammengebastelt, was zeigt, dass Koze seine Liebe zum Sample aus Fischmob-Tagen nicht verloren hat. Genretechnisch wird viel experimentiert, was dem Album eine gewisse Zeitlosigkeit verleiht. Auf Apparat-Melancholie in „Nices Wölkchen“ folgen hüpfende Acid Sounds in „Magical Boy“, die zunächst unpassend albern wirken, sich aber immer ins Gesamtkonzept einfügen. Neben den gängigen Four-to-the-Floor-Tracks wie „Royal Asscher Cut“ finden sich in „Marilyn Whirlwind“ aber auch überraschend Discoanleihen sowie funkige Gitarrenelemente in „Don’t Lose Your Mind“.

Insgesamt ein erfreulich facettenreiches Album, dessen Komplexität nicht zu leicht zu erfassen ist, dafür aber jeden Track umso interessanter macht.
Das Fadeout in „NooOoo“ am Schluss des Albums holt noch einmal zum disneyreifen Finale aus, Konfettiregen, scheppernde Weihnachtsmelodien aus dem tanzenden Plastikweihnachtsmann, und wenn wir nicht gestorben sind, dann tanzen wir noch heute.

Laura Aha

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