Rezension

Der Ringer

Soft Kill


Highlights: Orbit // Apparat // Soma
Genre: Post-Post-Punk / Indie-Rock
Sounds Like: Isolation Berlin // MIT // Die Nerven // Trümmer

VÖ: 27.01.2017

Der Ringer sind fünf waschechte Hamburger Bobos. Jung (so jung?), hip und irgendwie intellektuell, ohne besonders bemüht dabei auszusehen. Ihr Sound ist am Puls der Zeit und gleichzeitig und im besten Sinne super-altbacken. Die Texte hypermodern und modernisierungskritisch. Ein digitaler Zwilling von Joy Division? Die Datenbrillen fest in den Nachthimmel gerichtet auf das, was da auf uns zukommt. So etwa in „Orbit“: „Körper im Weltraum – ich umkreise dich / Schwarze Materie versperrt mir meine Sicht.“ Wir schießen uns ins All und wenn wir dabei der Sonne zu nah kommen, so ist das nichts als ein Rechenfehler.

Die Lyrics auf „Soft Kill“ drehen sich um ein digitalisiertes Weiterleben nach dem Tod, Ohnmachts- genauso wie Allmachtsphantasien und die Grenzen der Menschlichkeit in einer technisch perfektionierten Welt. Im unterkühlten „Apparat“ fragen Der Ringer: Was ist real und was lediglich eine gerenderte Illusion? Lieben wir den Menschen oder bloß sein auf Hochglanz gephotoshoptes Antlitz? Und wie fühlt sich diese Pixelgestalt überhaupt dabei? Eine Frage, die vielleicht absurd klingt und in Zeiten sich selbst perfektionierender künstlicher Intelligenz so abwegig doch nicht ist. Das Ich, das hier elektronisch verstärkt singt, ist programmiert und doch empfindsam: „Nimmst du mich wahr? / Nimm mich doch wahr! / Ich bin nicht da / Für dich bin ich nicht da […] / Du siehst mich auf deinem Screen / Ziehst ganz wild an mir herum / Für dich bin ich nicht real / ein Gesicht im Datenstrom.“

Die Knochen von Der Ringer sind aus Silizium – aber es ist Fleisch darüber. Und so klingt auch „Soft Kill“ metallisch, kristallin und doch ganz weich. Diese Cyborgs analysieren sich selbst. Vom System bis in die Elementarteilchen: „Im Vakuum im Menschenmeer / Man stößt mich ab, man schiebt mich an / Ein Teilchen im System / Folge der DNA zu mir herab! / Hältst du mein Chromosom in deiner Hand“ („Mikroskop“).

Mit dem Kopf in der Cloud, doch hinter allen Effekten und Modulationen steckt ein verletzliches Wesen. Das kommt trotz aller Dröhnung nicht immer so gut klar mit der wackren neuen Welt. „Ein Gramm Soma – ich fühl mich so zerstreut“ heißt es im Huxley-Schlager „Soma“. Doch die Zerstreuung führt zu nichts Gutem: „Wirst du es wagen, gänzlich leicht zu sein? / Deine Schale zu verlassen / hoffnungsvoll allein. / Und die Welt in ihrer Schwere stürzt auf dich herab / Öffne deine Venen und warte einfach ab! / Bitte streu kein Salz um mich herum...“

Der Pressetext tituliert Der Ringer als „melancholische Cyber-Postpunks“. Durch die zehn Songs auf „Soft Kill“ zieht sich das Gefühl, in einer Welt im Umbruch zu leben. Zu einer Generation zu gehören, die Veränderungen miterleben wird, die größer sind als null und eins. Nichts oder alles? Darunter mischt sich eine große Portion german digital angst. Und am Ende ist es nur ein Spiel. „Wer drückte diese Laserwaffe in meine Hand / Wer löschte dieses Wesen aus / das dort vor mir stand? / War das ein Mensch / ein Fabeltier? / Bin ich ein Mensch? / Verrätst du es mir? […] / Sehen wir uns im nächsten Level?“ („Violence“).

Christoph Herzog

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