Rezension

Deichkind

Befehl Von Ganz Unten


Highlights: Leider geil // 99 Bierkanister // Partnerlook
Genre: Dialektischer Proletariats-Techno
Sounds Like: Bratze // Mediengruppe Telekommander // Egotronic

VÖ: 10.02.2012

Ja, man darf diese Platte doof finden. Man darf sie sogar hassen. Das Cover, die Attitüde, die Beats – charmant wie die Grabbeltische bei KIK. Und dennoch muss man ihren Machern eine gehörige Portion Witz, (Selbst-)Ironie und sogar ein musikalisches Händchen für Melodien attestieren, die so schnell nicht verloren gehen. Also alles beim Alten im Deichkind-Universum des Jahres 2012?

Nicht ganz. Gewohnt wortgewandt ziehen die Könige des Proletariats alles und jeden durch den Kakao – vor allem sich selbst ("In diesem Lied hat sich gar nichts gereimt, hat keiner gemerkt. Leider geil."). Gerade in "Leider Geil" skizzieren sie die Schizophrenie unserer Gesellschaft, die unzählige Missstände einfach nur ausblendet, in perfekt schnoddriger Manier ("Kleine Kinderhände nähen schöne Schuhe. Meine neuen Sneakers sind – leider geil." "Ich dekoriere besoffene Freunde, ist zwar gemein, doch – leider geil."). Während Wissenschaftler und Politiker zunehmend größere Probleme haben, die technischen Entwicklungen in der Gesellschaft einzuordnen und mit der Rolle der Jugend in der Gesellschaft etwas anfangen zu können, machen Deichkind einfach ein paar knackige Songs draus, die sich noch dazu gut verkaufen lassen. "99 Bierkanister" ist eine simple, intuitive Aneinanderreihung von Personen und Ereignissen dieser Tage ("Tina Turner, USA, Kindergarten, Wonderbra, Kerner da, hahaha, Autobahn und Türkenpizza, St.-Pauli-Girl und Kriegsminister – 99 Bierkanister") , unterlegt von einem tiefen "Ghetto-Beat". Dennoch: Eine derart treffende Zustandsbeschreibung liefern weder Der Spiegel noch Die Zeit.

Natürlich dürfen auch ein paar discotaugliche Rumpelnummern ("Bück Dich Hoch") nicht fehlen, bei denen der Text zweitrangig ist, Hauptsache, jeder kann nach zehn Bier noch mitgrölen. Hier vertrauen die Deichkinder auf ihre billigen Beats, die einfach so prägnant sind, dass sie sich spätestens nach dem zweiten Hören im Hirn eingenistet haben – ob der Hörer das nun will oder nicht.

Nein, was anders ist in dieser Melangerie aus Größenwahn und Nihilismus, ist ein Song wie "Der Mond". Merkwürdig melancholisch, zugleich durch Audiotune gejagt musikalisch sehr konformistisch. Vielleicht ein Indiz dafür, dass auch die Hamburger Jungs langsam müde werden, Schritt zu halten mit den Entwicklungen der Zeit beziehungsweise, diesen immer einen Schritt voraus sein zu müssen. Denn davon lebt die Band. Ihre Festival-Auftritte haben etwas von Ersatzmessen, auf denen planlose 17jährige auftauchen, um sich darin bestärken zu lassen, dass der übermäßige Konsum von Alkohol (vorzugsweise aus der "Zitze") etwas Gutes ist. Deichkind sind so etwas wie moderne Propheten, die ohne Rücksicht auf Verluste die Stärkung des Egos anpreisen und auf ihren Konzerten zelebrieren ("Egolution").

Trotzdem bekommt die Fassade der vorgelebten Egomanie Risse. War aufgrund der Klugheit der Textfetzen schon immer anzunehmen, dass es sich um aufgeklärte Personen hinter dem Projekt Deichkind handelt, sind auch die zunehmende Zitation eigener Songs (Ideenlosigkeit?) und die komischen Audiotune-Ausrutscher (so z.B. auch in "Der Strahl") möglicherweise zu deuten als Zeichen von... Menschlichkeit.

Mischa Karth

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