Rezension

Deichkind

Arbeit Nervt


Highlights: Arbeit Nervt // Travelpussy // Urlaub Vom Urlaub
Genre: Elektrotrash
Sounds Like: Bratze // Jeans Team // Fledermannkackaffen // KIZ

VÖ: 17.10.2008

Was macht eine Band wie Deichkind, die mit „Remmi Demmi“ Crowds von der Ischgler Après-Ski-Party bis zur hippen Freiburger Indie-Disco dazu gebracht haben, lautstark die Entsorgung des Mobiliars zwecks effektiver Vergrößerung des Tanzflurs zu fordern, auf Album 1 nach dem Überhit? Den gewonnenen Einfluss auf die 14-30jährigen dazu nutzen, relevante Themen wie das Waldsterben, die prekäre Lage von Hartz-IV-Empfängern oder die sofortige Entfernung des blöden neuen Kinderschokoladen-Kindes anzusprechen? Sich neu erworbener kreativer Freiheiten bedienen und überlange Freejazz-Epen featuring John Zorn aufnehmen? Oder einfach versuchen, soviel Scheiße an die Discowand zu schmeißen, dass mindestens ein Klumpen davon nicht sofort wieder abperlt und in den Bodenritzen versinkt, sondern langfristig als neuer Tophit kleben bleibt?

OK, für eine solche Frage müsste bei Jauch wahrscheinlich die 5-Euro-Stufe neu eingeführt werden. Denn Hedonismus an Elektrotrash serviert scheint partout zu munden, auf „Arbeit Nervt“ ist nur die Feinabschmeckung eine andere. Faulheit und Arbeitsunlust auf dem Titeltrack, Fresssucht und Alkoholsucht auf „Dicker Bauch“ und „Hört Ihr Die Signale?“, Wollust und Wege, sie mittels preisgünstiger Fernfahrerfotzen zu besänftigen auf „Travelpussy“ – man wird das Gefühl nicht los, als hätten Deichkind einfach einmal probiert, zumindest jeder coolen der sieben Todsünden ein Lied zu widmen.

Das Niveau verkriecht sich angesichts solcher Songs zwar unter dem Bett und heult, aber eine ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit, dass „Kein Mensch ist illegal, erst recht nicht, wenn er breit ist“ oder „Truckdriver – geh’n ab auf Fun mit Travelpussy“ neue Mantren einer Generation alkoholisierter Mittzwanziger werden könnten, ist trotzdem gegeben. Dazu noch dicker Pöbelbass und einprägsame Melodien, zu denen man bereits wieder Deichkindmitglieder mit Pogosticks über Trampoline hotten sieht, und fertig ist der Trashhit – da hilft selbst ein schlagereskes Ende wie in „Arbeit Nervt“ mehr, als dass es schadet.

Und wem das alles immer noch zu blöd sein sollte, dem wird auch angezeigt, was Deichkind anno 2008 abseits von Partysongs schaffen können – nämlich eigentlich gar nicht sooo viel. So ist beispielsweise „Luftbahn“ eine Art Peter Schilling meets Alexander Marcus – vielleicht ironisch gemeint, aber lange nicht ironisch genug vollendet, als dass man sich nicht aus Furcht vor einem NDW-Revival unter der Bettdecke verstecken müsste. Und weil die Witzigkeit eines Textes wie dem von „Ich Und Mein Computer“ wiederum nach dem dritten, vierten Hörgang auch schon wieder erschöpft ist, freut man sich dann doch, dass auf dem abschließenden „Urlaub Vom Urlaub“ wieder auf die Partytrommel gekloppt wird. Denn das will man ja eigentlich nur von Deichkind: Den Soundtrack für die Stunden, wenn die Eltern auf dem Tennisturnier sind.

Jan Martens

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