Rezension

Daphni

Fabriclive 93


Highlights: Medellin // Tin // So It Seems // Always There
Genre: Techno // House // World // Funk
Sounds Like: Four Tet // Caribou // Ricardo Villalobos

VÖ: 21.07.2017

Dan Snaith, studierter Mathematiker und Kopf der experimentellen Rockband Caribou, pflegt eine komplizierte Beziehung zu elektronischer Tanzmusik. "It's great that this music exists as it serves a musical function which is allowing teenagers to rebel and do drugs and behave badly“. Während ihn EDM anfangs nicht sonderlich zu interessieren schien („I don't want to invalidate that music, it's just not relevant to me“), legte er sich trotzdem bald das Pseudonym Daphni zu, um nun doch unter dem Strich äußerst tanzbare Musik für seine wochenendlichen DJ-Ausflüge zu produzieren. Und damit nicht genug, der musikalische Ansatz Daphnis gewann in der Folge immer mehr Einfluss auf die Musik seiner Hauptband. Deren zuletzt erschienenem Werk „Our Love“ hört man Snaiths Weiterentwicklung deutlich an.

Da überrascht es mittlerweile kaum noch, dass Snaith mit „Fabriclive 93“ dem Londoner Club Fabric, einer europäischen Partyinstitution, huldigt. Doch tut er dies auf seine ganz eigene Art und Weise mit einem Werk, das weder als lupenreines Album noch als herkömmliches DJ-Set durchgeht. Alle Tracks stammen ausschließlich von Daphni selbst – darunter vier Überarbeitungen fremder Interpreten und 23 völlig neue Songs, die Snaith unmittelbar, oder, wie er es selber ausdrückt, in-situ, während des Mischens, produzierte.

„Fabriclive 93“ bietet ebensoviele lose Enden wie begonnene und dann schnell wieder verworfene Ansätze. Es gäbe wahrscheinlich zig Wege, diesen Mix behutsam zu beginnen und sich langsam steigernd zu einem grandiosen Finale aufzubauen. Doch Snaith schert sich einen Dreck um solche Gepflogenheiten. Der Opener „Face To Face“ schleudert einem einen trockenen Beat direkt vor die Füße. Schneidende Synths durchbrechen das sich anschließende „Xing Tian“ – ohne Vorwarnung befindet man sich mittendrin in der Welt des Dan Snaith aus harten Clubsounds, die mal nach Chicago oder nach Detroit schielen, arrangiert mit einer Weitsicht, die diese mit psychedelischen Rocksounds ebenso wie mit abgedrehten Synthie- oder seltenen Funksamples oder afrikanischen Tanzbeats untermalt. Nach 25 Minuten durchbricht das starke Edit „You Can Be A Star“ der Luther Davis Group den Mix. Danach beginnt Daphni quasi von vorne.

Dieser zweite Teil entwickelt sich deutlich zwingender und vor allem flüssiger. „Tin“ oder „Life’s What You Make It“ erklingen wie Echos vergangener Caribou-Tage, „So It Seems“, „Screaming Man Baby“ oder „Always There“ zelebrieren mit ihren fernöstlichen Referenzen den Culture-Clash. „Vs“ liefert druckvollen Funk, „Fly Away“ ein Piano-Stakkato, das an 90er-Techno erinnert.

“When DJing, I always like that surprise of two worlds colliding”, so Daphni einst. „Fabriclive 93“ beherbergt viele Kollisionen unterschiedlichster Welten. Sucht man hierbei einen roten Faden, findet man ihn vor lauter Wollknäuel nicht. Doch darum geht es hier nicht, bei einem Musiker wie Dan Snaith macht das Suchen und Entdecken alleine schon genug Spaß.

Jonatan Biskamp

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"Tin" im Stream
"Hey Drum" im Stream
"Face To Face" im Stream

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