Rezension

Cancer

Totem


Highlights: Esca // Die One More Time // Tears // Animals
Genre: Art-Pop
Sounds Like: Antony & The Johnsons // Artur Russel // Inc. No World

VÖ: 27.01.2017

Der Bandname führt erstmal in die Irre. Cancer sind keine Death-Metal-Band, auch wenn es die wirklich ebenfalls gibt. Tatsächlich klingt das dänische Duo Nikolaj Manuel Vonsild und Kristian Finne Kristensen wie das genaue Gegenteil. Feinfühligen, intimen und melancholischen Sound gibt es auf „Totem“ zu hören. Allerdings nicht von der Sorte, die nach zwei Wochen wieder im Plattenregal verschwindet, weil einfach zu wenige Reibungs- und Berührungspunkte geboten werden um zu überdauern. Cancer liefern berührenden Art-Pop, mit dem man sich auseinandersetzen muss und auseinandersetzen will.

Vonsild und Kristensen, bisher beide in dänischen Indie-Bands aktiv, die kaum bekannt sind, ersterer als Sänger bei When Saints Go Machine und letzterer solo unter dem Pseudonym Chorus Grant, haben sich gesucht und gefunden. Keine Frage. Das außergewöhnliche Timbre von Vonsild, der mit brechender Stimme immer wieder zwischen Anohni und Arthur Russel changiert und die butterweichen Klanglandschaften, die Kristensen mit behutsam eingesetzten Gitarren und Synthies entwirft, passen hervorragend zusammen. Dazu gibt es immer mal wieder ein Jazz-Schlagzeug und komplexes Bass-Spiel.

Es ist erstaunlich, wie es Cancer auf „Totem“ immer wieder schaffen, den Hörer fast abwechselnd mit einem eingängigen Song zu umschmeicheln, um ihn dann im nächsten Stück wieder ordentlich zu fordern. Dieses Auf und Ab der benötigten Aufmerksamkeit machen das Album aber erst so richtig spannend. Wer dazu bereit ist, sich nach einer fast schon radiotauglichen Uptempo-Nummer wie „Tears“ einem siebenminütigen Weltschmerz („Mr. Exorcist“) hinzugeben, wird auch die auf den ersten Blick etwas sperrigeren Songs nach kurzer Zeit lieben lernen.

Letztendlich heißen Cancer auch deshalb Cancer, weil tatsächlich ein Elternteil von Vonsild dem Krebs zum Opfer fiel und die Band eine Art Auseinandersetzung mit der tödlichen Krankheit sein soll. Deswegen bewegen sich auch die Lyrics im Themenfeld von Tod und Verlust, aber auch Hoffnung und Lebensmut. Musikalisch wie textlich gelingt den beiden Dänen nicht zuletzt wegen dem Kontext des gesamten Bandprojekts ein außergewöhnliches Album, das vollkommen eigenständig klingt und gänzlich ohne Referenz-Namedropping auskommt. Eine Kunst, die man würdigen sollte.

Benjamin Köhler

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Video zu "Die One More Time"
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