Rezension

Blondie

Blondie 4(0) Ever


Highlights: Rave // I Want To Drag You Around
Genre: New Wave // Pop
Sounds Like: The Sounds // Debbie Harry

VÖ: 16.05.2014

1974 war ein aufregendes Jahr: Rumble In The Jungle, Deutschland wird Fußballweltmeister, Richard Nixon tritt wegen der Watergate-Affäre zurück und auch Willy Brandt muss sein Amt räumen. Helmut Schmidt beerbt ihn als Bundeskanzler. ABBA gewinnen mit „Waterloo“ den Eurovision Song Contest, der damals noch Grand Prix d'Eurovision de la Chanson heißt. Und während die heimischen Hitparaden von Michael Holm und Vicky Leandros angeführt werden, bricht in New York der Punk los und Deborah Harry und Chris Stein gründen die Band Blondie. Das ist jetzt genau 40 Jahre her und deshalb wurde es Zeit für ein Jubiläums-Doppelalbum, dass clevere Marketingstrategen „Blondie 4(0) Ever“ getauft haben.

Auf „Deluxe Redux“ haben Blondie ihre größten Hits neu eingespielt. Das ist eine ganz nette Überraschung und auf jeden Fall eine bessere Idee als eine einfache Best Of. Die Lieder klingen den Originalen ziemlich ähnlich, allerdings mit dem Gesang als offensichtliche Ausnahme. Immerhin ist Debbie Harry mittlerweile 68 Jahre alt und da fällt es ihr nicht mehr so leicht, die hohen Töne von „Heart Of Glass“ lasziv zu hauchen. Nur bei „Maria“ ist der Unterschied kaum hörbar. Das ist wenig verwunderlich – die Comebacksingle wurde ja auch erst vor „nur“ 15 Jahren veröffentlicht. In der Zeit hat sich Harrys Stimme sehr gut gehalten. Sie schreit und singt und haucht beinahe so wie früher – nur eben ein paar Töne tiefer. „Deluxe Redux“ ist also durchaus eine gelungene Geburtstagsüberraschung, auch wenn sich so mancher Fan wohl mehr über die Neuaufnahme von den liebsten Stücken der Band oder der Fans gefreut hätte. Die Auswahl der Lieder nach ihrem kommerziellen Erfolg klingt nicht gerade nach dem Punk-Spirit der frühen Tage.

Die zweite CD, „Ghosts Of Download“, enthält 13 neue Lieder, darunter ein beinahe sechsminütiges, balladeskes Cover von „Relax“ von Frankie Goes To Hollywood. Ansonsten bleiben sich Blondie aber glücklicherweise treu und spielen mit allerlei Gaststars ihren altbekannten New Wave mit Einflüssen aus Pop, Calypso und anderen lateinamerikanischen Rhythmen, für die sie schon seit „The Tide Is High“ bekannt sind. Es gibt auch ein paar elektronischere Anleihen und anscheinend hat der Produzent, nachdem die Aufnahmen zu „Deluxe Redux“ abgeschlossen waren, doch noch Mittel und Wege gefunden, wie man Debbie Harrys Gesang unnötigerweise digital bearbeiten kann. Auf der Vorabsingle „A Rose By Any Name“ etwa, das ein Duett mit Gossips Beth Ditto ist, gibt es kaum eine Zeile, die eine der beiden Damen mit unverzerrter Stimme singt. Das ist extrem schade, immerhin sind die Gesangsqualitäten der beiden über jeden Zweifel erhaben.

Das Album ist zwar ganz nett anzuhören, aber nur in den wenigsten Momenten wirklich überzeugend. Es ist ja kein Zufall, dass „The Tide Is High“ die einzige Single mit Karibik-Sound war, die Blondie je erfolgreich veröffentlicht haben. Auswahl hätte es genug gegeben, doch wirken die Cumbia-Elemente oft aufdringlich und nervig. Es ist im Prinzip auch sehr löblich, dass sich Blondie nicht nur auf erprobte Schemata verlassen. Sie waren schon immer dafür bekannt, alle möglichen Einflüsse auszuprobieren, aber so etwas kann immer auch nach hinten losgehen und fehl am Platz wirken. Und auch wenn es wenig Material auf „Ghosts Of Download“ gibt, das wirklich schlecht ist, bleiben die neuen Songs gerade im Vergleich mit „Deluxe Redux“ auffällig blass.

Lisa Dücker

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"Call Me" in der Version von 2014

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