Rezension

Beirut

The Rip Tide


Highlights: A Candle’s Fire // Goshen // East Harlem
Genre: Balkan-Indie
Sounds Like: Grizzly Bear // Andrew Bird // Fanfarlo

VÖ: 26.08.2011

Beziehungen vollziehen sich meist immer nach dem gleichen Schema: Man lernt sich kennen, teilt und verbringt viele gemeinsame, unvergessliche Momente miteinander. Doch mit der Zeit verändert und entfremdet man sich und geht letztendlich getrennte Wege. Neue Beziehungen kommen und der Kreislauf beginnt erneut von vorne. So traurig das auch klingen mag, so wahr ist es leider trotzdem.

Als Beirut 2006 mit “Gulag Orkestar“ in die Köpfe und Herzen der Musikgemeinde trat, war es da, dieses ganz große Gefühl jener Anfangstage einer neuen Beziehung. Der reduzierte Sound von Trompeten und Horn – umrahmt von Polka-Rhythmen und Ukulelen – entfachte bei jedem Hörer etwas Einzigartiges, etwas ganz Besonderes. Was folgte, waren unzählige gemeinsame Tage und Nächte, in denen man nicht ohne “Gulag Orkestar“ vor die Türe ging, und in denen man dachte, dieses anfängliche Gefühl würde niemals enden.

Doch die Veränderung hielt auch in dieser Beziehung inne. Bereits ein Jahr später folgte “The Flying Club Cup” und man musste sich nun erstmal auf Beiruts veränderten Sound einlassen – statt Balkan-Indie gab es jetzt vermehrt französische Chansons zu hören, nicht unbedingt minder schön, aber eben anders. Als 2009 letzten Endes jedoch die EP “March Of The Zapotec / Realpeople: Holland“ erschien und mit leidigem, synthie-angehauchtem, elektronischem Pop aufwartete, verflog der Reiz der Anfangstage wie von selbst. Seine Zeit verbrachte man von nun an lieber mit anderer Musik und Beirut geriet immer mehr in Vergessenheit.

Wenn man die Liebe von einst nun nach Jahren im Sinne der neuen Platte “The Rip Tide“ wieder zu hören bekommt, gehen einem viele Gedanken gleichzeitig durch den Kopf: Wie wird es sein, dieses Wiedersehen, beziehungsweise dieses Wiederhören? Hat man noch etwas füreinander übrig? Entfacht es vielleicht wieder etwas ganz Großes oder merkt man, wie man sich in der Vergangenheit nur noch weiter voneinander entfernte?

Bereits der Opener “A Candle’s Fire“, welcher passender wohl nicht hätte betitelt werden können, lässt alle wirren Gedankenspiele verschwinden. Die sanfte, eingängige, von Bläsern getragene Instrumentierung lässt einen sofort wieder erkennen, was man all die Jahre so vermisst hat. Oder auch die fantastische Single "East Harlem", welche beispielhaft die simple Vorgehensweise zeigt, die Beirut für “The Rip Tide“ auserwählt hat: Hypnotische Loops und konstante, rhythmische Melodien. Mag heißen, dass die neun Songs des Albums nahezu alle nur aus kurzen, eingängigen Akkordfolgen bestehen, die geschickt fortgesetzt und immerzu wiederholt werden. Beirut gelingt es dabei jedoch, dass diese zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder langweilig wirken, was vor allem an Zach Condons großartigem Songwriting liegt, durch welches er den Liedern auf diese Weise Raum für Abwechslungen und Variationen ermöglicht.

In Form des Songs “Santa Fe” unternimmt Beirut zwar auch einen kleinen Ausflug in elektronische Gefilde, doch scheinen sie dieses Mal dort deutlich besser angekommen zu sein als noch zu Zeiten von “March Of The Zapotec / Realpeople: Holland“.

Ein weiteres großes Albumhighlight gelingt Beirut mit dem Song “Goshen“ – ein leidenschaftliches, emotionales Stück, welches Zach Condon schon fast in einen einsamen Singer/Songwriter verwandelt. Doch statt der für einen Songwriter typischen Gitarre sitzt Condon am Klavier, während seine sanfte Stimme immer wieder übereinander gesetzt wird, so dass sie am Ende fast wie ein ganzer Chor zu klingen vermag. So ist Beiruts neues Album “The Rip Tide“ ein Beleg dafür, dass glücklicherweise nicht jede Beziehung schemenhaft enden muss, und zeigt, dass man sogar im Hochsommer 2011 einen zweiten Frühling erleben kann.

Benjamin Schneider

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Album-Stream auf NPR
www.npr.org

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