Rezension

Beirut

March Of The Zapotec/Realpeople: Holland


Highlights: La Llorona // My Night With The Prostitute From Marseille // Venice
Genre: Mexican Folk // Synthiepop
Sounds Like: Devotchka // Get Well Soon // Neutral Milk Hotel // Calexico // 808 State // New Order // Final Fantasy // Patrick Wolf

VÖ: 13.02.2009

Was tun, wenn man gerne ein neues Album veröffentlichen möchte, aber die Anzahl an frisch geschriebenen Songs die volle Spielzeit nicht ausfüllen kann? Für Zach Condon alias Beirut, der seine Werke gerne als durch Reisen inspirierte Konzeptalben und -EPs auslegt, kein Problem. „March of the Zapotec“ – so der offizielle Titel des neuesten Outputs – umfasst nämlich nicht nur gleichermaßen betitelte EP, sondern zusätzlich noch „Holland“. Eine kleine Selektion von Songs, die – obwohl ebenfalls erst kürzlich im eigenen Domizil aufgenommen – eigentlich der Prä-Beirut-Ära entstammt, als Condon sich noch hinter dem Pseudonym „Realpeople“ verbarg.

Die beiden EPs – in etwa auf halber Strecke des Albums manierlich durch zweiminütige Stille getrennt – könnten dabei unterschiedlicher kaum sein. Das erste neue Kapitel der Condon’schen Weltreise führt diesmal über lediglich eine Landesgrenze hinweg, um sich in der Nähe von Oaxaca, einer Stadt im Süden Mexikos, flugs eine dort ansässige, 19-köpfige Beerdigungsband für die Aufnahmen mit ins Boot zu holen. Derjenige, dem schonmal im Mexiko-Urlaub ein Trauerzug auf der Straße entgegen gekommen ist oder der einfach nur ein paar entsprechende Filme gesehen hat, wird erahnen, dass „March of the Zapotec“ eine auch für „Gulag Orkestar“-Verhältnisse ziemlich blechbläserlastige Angelegenheit ist. „La Llorona“, der erste richtige Track nach einem kurzen Zirkus-Intro, fühlt sich in all seiner schwermütigen Schönheit beinahe so an, als würde man selbst in einem schwarzen Sarg in Richtung Jenseits eskortiert, und auch die folgenden Songs, zwei davon instrumental, halten die Stimmung auf Karfreitags-Niveau. Erst „The Shrew“ bricht dann polternd zum Leichenschmaus auf.

Neben der authentischen Atmosphäre offenbart die bombastische Instrumentierung allerdings auch, wie sehr das Projekt Beirut von Zach Condons warmer und ausgereifter, ein wenig an Antony Hegarty erinnernden Stimme lebt, die hier mitunter zu sehr in den Hintergrund tritt. Mit den ersten Takten von „Holland“, EP Nummer 2 auf der Scheibe, ist all das vergessen, wenngleich sich der Übergang zwischen den beiden Teilstrecken trotz des erwähnten Zwei-Minuten-Breaks so befremdlich anfühlt wie Gülcan Kamps auf einem MENSA-Kongress.

Zach Condon und sein Homerecording-Equipment alleine sind als Protagonisten übriggeblieben, der grottig-liebenswerte Alleinunterhalter-Charme eines „After The Curtain“ vom Erstling ist aber verflogen. Deutlich aufgeräumter geht es mittlerweile zu Werke, was zur Folge hat, dass sich der miserable Drumcomputer erstmals rächt. Dennoch ist zum Beispiel „My Night With The Prostitute From Marseille“ ein verflucht eingängiges musikalisches Kleinod geworden, und auch das verwaschene „Venice“ wabert gespenstisch-schön durch die Gehörgänge. „No Dice“, eine Hommage an 808 State und andere frühe Vorboten des House, geht dann aber doch den berühmten Schritt zu viel und wirkt wie in einer Stunde eilig am Laptop zusammengezimmert. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“, möchte man dem Protagonisten zurufen, oder etwas kontextbezogener „Condon, bleib bei deinen Reisen!“. Die dürfen dann gerne auch wieder etwas länger dauern, wenn dafür am Ende ein stimmiges Konzept auf der Ergebnisliste steht. Von den beiden Vorgängeralben sieht „March of the Zapotec“ nämlich leider nur die Rücklichter.

Johannes Neuhauser

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