Rezension

Beirut

Gulag Orkestar


Highlights: Postcards From Italy
Genre: Folk // Klezmer // Polka
Sounds Like: Neutral Milk Hotel // Sufjan Stevens // Devotchka // The Magnetic Fields // Patrick Wolf

VÖ: 10.11.2006

Jemand Lust auf eine eigenartige Platte? Von einem - mit Verlaub - eigenartigen Künstler? Mein Angebot: Zach Condon, mate of state der Shins (Albuquerque, New Mexico), zwanzig Jahre alt und von Beruf hauptsächlich Weltenbummler, mit seinem Debüt "Gulag Orkestar".

Man sagt, er sei durch große Teile Osteuropas gereist, um die Erfahrungen zu sammeln, die er auf diesem Album verarbeitet. Wobei "verarbeiten" viel zu sehr nach Arbeit klingt. Hört man die elf Stücke auf "Gulag Orkestar", gewinnt man eher den Eindruck, dass ihm das alles kinderleicht von der Hand geht, so als hätte er nie etwas anderes gemacht. Hat er vielleicht auch nicht.

Es sind jedenfalls nicht nur die vom Indie-Pop der Magnetic Fields angehauchten "Mount Wroclai (Idle Days)" und "Scenic World", die so unkompliziert daherkommen. Auch die im ersten Moment schwerfällig wirkenden Lieder, und das sind so ziemlich alle, bleiben im Ohr hängen. Oft versucht das Schlagzeug vergeblich, den anderen Instrumenten zu folgen, doch es fällt einem nicht negativ auf. Zum einen, weil man zu fasziniert ist vom einzigartigen Zusammenspiel mit Trompete, Ukulele, Akkordeon und verstimmtem Klavier, um nur die wichtigsten Instrumente zu nennen. Zum anderen, weil das genau so sein muss.

Denn dieses Album ist eben nicht perfekt eingespielt, aufgenommen und produziert, hier und da knackt, knarrt oder knistert ist. Eine Eigenproduktion, wie sie im Buche steht. Doch sie hat all den Charme, den man solchen Werken nachsagt. Und alles wird vereint durch den melancholischen Gesang. Diese ganz besondere äußere Schönheit veredelt die ohnehin schon großartigen Songs zu wahren Meisterstücken.

Es mag merkwürdig erscheinen, "Gulag Orkestar" in den Himmel zu loben, und gleichzeitig nur ein Highlight zu nennen. Doch es ist einfach so: "Postcards From Italy" lässt sich nicht auf eine Stufe mit den anderen Stücken des Albums stellen, seien sie noch so wundervoll. Denn "Postcards From Italy" ist zehnmal wundervoller. Es gibt ein Wort, das oft verwendet wird, wenn Menschen versuchen, das Finale des Songs zu beschreiben: Majestätisch. Und tatsächlich, wenn die letzte Strophe endet, wenn die Trompeten einsetzen, wenn Zach Condon diese simple Akkordfolge auf der Ukulele spielt, wenn er die letzten Zeilen singt, die die Welt vor dem großen instrumentalen Finale unbedingt noch hören muss - dann darf man das majestätisch nennen. Dann kann man gar nicht anders, als genauso zu fühlen wie er, dieser junge Mann, der gerade mal zwanzig Jahre alt ist. And I will love to see that day/ That day is mine/ When she will marry me outside with the willow trees / And play the songs we made.

Ich bin siebzehn, ich weiß nicht, wie es ist, zu heiraten. Doch dank "Postcards From Italy" weiß ich, dass es etwas ist, worauf ich mich freuen kann. Und ich weiß, welchen Song ich auf meiner Hochzeit hören möchte.

Mario Kißler

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