Rezension

Angelika Express

Alkohol


Highlights: Wann Lässt Du Endlich Los? // Phil Collins
Genre: Indie
Sounds Like: Planetakis // Schrottgrenze // Hund Am Strand

VÖ: 11.11.2016

Lieder über Drogen zu schreiben, ist keine einfache Aufgabe. Zu groß ist die Gefahr, am Ende entweder als die Moralkeule schwingender Spießer oder drogenverherrlichend abgestempelt zu werden. Und letzteres ist heutzutage eigentlich nur noch für Althippies und Gangsterrapper akzeptabel. Außerdem war da ja noch die Sache mit dem Sex, den Drogen und dem Rock’n’Roll und dann steht man möglicherweise ziemlich schnell als Heuchler da, wenn man mit dem Finger auf Drogenkonsum zeigt. Eine Gratwanderung also, die nur wenigen gelingt. Da gehen Angelika Express also ein ziemliches Risiko ein, wenn sie sich nun auf Albumlänge mit dem Konsum der Volksdroge Alkohol beschäftigen. Das kann doch gar nicht gut gehen, oder?

Angelika Express, waren das nicht die mit „Geh Doch Nach Berlin“? Ja, eigentlich schon. Von der Band von damals ist heute – abgesehen von Sänger und Texter Robert Drakogiannakis und dem Namen – nicht mehr allzu viel übrig. Aus dem Trio von einst ist mittlerweile ein Quintett geworden und seit dem Comeback versuchen sich die Kölner in alternativen Veröffentlichungsstrategien. Nach frei verfügbaren Downloads und Albumverkäufen in Anlehnung an Aktiengeschäfte folgt nun das erste Konzeptalbum von Angelika Express. Dass Drakogiannakis Lieder über Alkohol schreiben kann, ist bereits vorher bekannt gewesen: „Du Trinkst Zu Viel“ war eines der besseren Lieder auf dem 2009er Album „Goldener Trash“.

Auf Albumlänge geht das Konzept auch tatsächlich ziemlich gut auf. Wobei man das Konzept vielleicht doch eher in Anführungszeichen setzen sollte. Ja, alle Lieder des Albums handeln (mal mehr, mal weniger) vom Alkohol, seinem Konsum und dessen Nachwirkungen, aber einen roten Faden gibt es trotz allem nicht. Um dem eingangs erwähnten Dilemma zu entgehen, haben Angelika Express nämlich eine ziemlich offensichtliche Strategie gewählt: Sie beziehen einfach keine klare Stellung für beziehungsweise gegen den Alkohol. Stattdessen zeigen sie alle möglichen Blickwinkel, halten sich aber mit Bedacht von den Extremen Verherrlichung und Moralkeule fern. Natürlich wird der Hörer auch vor den Risiken des übermäßigen Konsums gewarnt: „'ne Orgie der Toleranz killt deine Kontrollinstanz / Großhirn, Kleinhirn, alles zu / Bis jeder auf Phil Collins tanzt / Deine Freundin, deine Oma, dein Chef und du“. Neben den eher humoristischen Begleiterscheinungen („Phil Collins“) geht es auch mal um die ernsteren Seiten des Alkoholismus („Wann Lässt Du Endlich Los?“). Aber andererseits hätten wir natürlich alle gerne „Mehr Kohle Für Cocktails“ und mit dem besungenen „Flachmann Im Büro“ wäre so mancher Kollege sicher leichter zu ertragen.

Angelika Express überlassen also ihren Hörern die Aufgabe, aus dieser thematischen Sammlung selber die Moral zu ziehen. So ziehen sich die Kölner sehr geschickt und ziemlich unterhaltsam aus der Affäre. Musikalisch ist auf „Alkohol“ immer noch der Indierock der alten Tage zu hören und textlich ist das Ganze vielleicht nicht immer erste Sahne. „Erlebst du noch den Morgen, du Kuscheltier aus Sorgen?“ („Wann Lässt Du Endlich Los?“) ist zwar nicht gerade eine Qualitätszeile, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Referenzpunkte für deutsche Alkohollyrik „Alkohol ist das Dressing für deinen Kopfsalat“ und „Mit Gefühl / schubidu / kippt ich mich heut‘ zu“ sind, machen Angelika Express ihre Sache eigentlich schon ziemlich gut.

Lisa Dücker

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"Kurze oder Longdrinks"
"Du bist kaputt"

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