Rezension

Andreas Spechtl

Thinking About Tomorrow, And How To Build It


Highlights: Future Memories // Tmrrw // The Age Of Ghost
Genre: Ambient // Elektro // Experimental
Sounds Like: Sleep // Neu! // Ja, Panik // Boards Of Canada

VÖ: 10.11.2017

Andreas Spechtls künstlerisches Leitmotiv ist die Utopie. Das ist gut, denn Utopien sind überlebenswichtig, immer, und erst recht in Zeiten, in denen eine rechtsradikale Partei im Bundestag sitzt und offen rechte Tendenzen gesellschaftlich immer weniger tabuisiert werden. Schon auf dem letzten "Ja, Panik!"-Album „Libertatia“ war die Frage nach Utopien das Hauptthema, Spechtl war Sänger und Songwriter der Band, von der er sich nicht sicher ist, ob sie noch einmal die Form seines künstlerischen Ausdrucks werden kann. Auch auf seinem ersten Soloalbum „Sleep“ von 2015 war sie ein Thema, im Sinne dessen, Schlaf als politischen Ort zu verstehen, den letzten, an dem die Klauen des Kapitalismus uns noch nicht zu greifen wissen, der letzte Ort, an dem wir wirklich frei sein können.

In seinem Ausdruck dieses Leitmotivs ist Spechtl immer unterschiedlich. Einfach nur die nächste Platte machen, reicht ihm nicht aus, er fordert sich jedes Mal aufs Neue, schmeißt seine Gewohnheiten komplett über Bord, um jedes Mal eine maximale Reibung zu erzeugen. Letztlich macht er das alles wohl für sich, und das macht es künstlerisch ungemein spannend, und außergewöhnlich authentisch. Seine Art zu arbeiten ist das beständige Streben nach Neuem, das sich ständige Einlassen auf neue Umstände, das er als logische Schlussfolgerung im Leitmotiv der Utopie auch thematisiert. Und das beständige Sich-selbst-Fordern, das sich auf Unbekanntes einlassen, wenn das mehr Menschen tun würden, wäre die Welt vielleicht eine andere, oder zumindest würden Debatten auf anderem Niveau geführt.

Doch nicht nur die Art der Arbeit inspiriert, auch wenn es wichtig ist, sie hier genau zu thematisieren, auch der Inhalt ist eine Bereicherung. Diesmal ist Spechtl für zwei Monate nach Teheran gegangen, in die Hauptstadt des Iran. Seine Erfahrungen dort hat er zu einer Platte gemacht, die ein äußerst vielseitiges Klangexperiment ist. Spechtl schichtet Klänge und Geräusche übereinander, versieht sie mal mit einem Beat, mal mit seinem Gesang. Weitgehend bleibt das Album jedoch instrumental. Es ist am ehesten Ambient, dafür aber oft auch zu zielstrebig. Dem Ort gerecht werdend treten oft klassische persische Perkussion- oder Saiteninstrumente auf, werden gesampled, neu zusammengesetzt und mit statischen Rhythmen versehen. Das ist für Hörer*innen zeitgenössischer elektronischer Musik zugleich vertraut und spannend neuartig.

„Thinking About Tomorrow, And How To Build It“ ist der Titel und das Thema der Platte. Die Erfahrungen in Teheran haben Spechtl geprägt. In einer Stadt, in der Repression ganz offensichtlich wirkt, hat Kunst einen ganz anderen Stellenwert. Utopien sind dort viel wichtiger, und die Menschen haben keine Angst vor der Zukunft, da es nur besser werden kann. Spechtl betrachtet dies im Gegensatz zum Deutschland der vermeintlichen Freiheit, einer Gesellschaft der repressiven Toleranz, in der scheinbar alles möglich ist und genau dadurch oft gelähmt. Indem er über diese Fremde reflektiert, reflektiert er auch über sich selbst. Dass und wie er uns an diesen Reflektionen teilhaben lässt, macht ihn zu einem wichtigen Künstler, und „Thinking About Tomorrow, And How To Build It“ zu einem in Entstehung und Ergebnis zugleich zeitgenössischen und zeitlos beeindruckenden Kunstwerk.

Daniel Waldhuber

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