Rezension

Amenra

Mass VI


Highlights: A Solitary Reign // „Plus Pres De Toi (Closer To You)
Genre: Doommetal // Postmetal // Dronemetal
Sounds Like: Chve // Neurosis // Cult Of Luna // Isis // Minsk // Celeste // Tool

VÖ: 20.10.2017

Wirkliche Differenzierung kennen Amenra nicht. Ihre Welt ist ziemlich schwarz-weiß, wobei das Schwarze – beziehungsweise Graue in vielen Facetten – überwiegt. Die Optik der Albencover, Musikvideos, Liveaufnahmen – überall Tristesse. Allen voran Sänger Colin H. Van Eeckhout, dessen Leidensgeschrei durch Mark und Bein geht. Zwei Seiten hat die belgische Band – die lärmenden, brachialen Doommetalmonster der Albenserie Mass I-V, dem nun ein sechster Teil hinzugefügt wird, ist die eine. Andererseits sind da „Afterlife“ und „Alive“. Veröffentlichungen, in denen die Band ein gänzlich reduziertes, akustisches Set spielt und in dem van Eeckhout klare Gesangslinien zeigt, die sehr stark an Maynard James Keenan von Tool erinnern.

„Mass VI“ schickt sich nun an, das bisher Beste zu sein, was das Quintett je veröffentlichte. Was auch daran liegt, dass hier zumindest in Grenzen beide Seiten der Band aufeinandertreffen, was wiederum stark mit der Person van Eeckhouts zusammenhängt. Auf „Mass VI“ tritt er auf drei verschiedene Arten auf: Als schreiender, kreischender Sänger in „Children Of The Eye“, der zum Einstieg dem Weg der bisherigen „Mass“-Alben folgt. Roh, brachial, düster, gewaltig. Trotz dessen, dass Amenra keineswegs das Rad neu erfinden, sondern einfach nur besonders heftig zu Werke gehen, ist es jedes Mal erstaunlich, wie mitreißend die Orkane sind, die das Quintett über den Hörer hereinbrechen lässt. „Plus Pres De Toi (Closer To You)“ beginnt ähnlich, lässt man den Umstand außen vor, dass van Eeckhout dieses Mal auf französisch schreit. Was aber im Grunde auch egal ist, denn in dieser Variante ist der Gesang nur ein ausdrückendes Stilmittel. Gen Mitte nimmt die Band jedoch Fahrt heraus und lässt van Eeckhout Platz, um klar zu singen.

Statt permanent aufs Gaspedal zu drücken, nehmen sich Amenra auf „Mass VI“ öfter mal Zeit für melodische Zwischenläufe, Ruhepole während der jeweils etwas zehn Minuten andauernden Stücke. Diese Lücken füllt van Eeckhout mit seinem schon genannten, an Maynard James Keenan erinnernden hellen, wunderbaren Gesangslinien. Dies führt soweit, dass das beste Stück, welches Amenra jemals schrieben – „A Solitary Reign“ – nicht nur entfernt an die Kalifornier erinnert. Dort zeigt van Eeckhout zudem sein ganzes Können – zum Schreien und cleanen Gesang kommt nun, teils übereinandergelagert, sogar noch ein tiefes Growlen hinzu. Ein zusätzliches Element ist die hervorragende Soundqualität von „Mass VI“. Klingen die ersten Alben noch sehr nach Proberaumstudio und scheppern einen furchtbaren Soundmatsch zusammen, können Amenra mittlerweile bessere Technik nutzen, was Ihnen hörbar gut zu Buche schlägt. Die vielschichtige Produktion kommt voll zur Geltung, das Dröhnen und Bollern ist jedes Mal perfekt auf den Punkt und ausbalanciert. So kommt dieses Monster an Album, bei dem alles richtig gemacht wurde, erst komplett zur Geltung.

Klaus Porst

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"Children of The Eye"

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