Rezension

Agnes Obel

Citizen Of Glass


Highlights: Familiar // Stone // Golden Green
Genre: Songwriter // Klassik
Sounds Like: Nils Frahm // Bat For Lashes // Yann Tiersen // Feist

VÖ: 21.10.2016

Seit jeher versteht es die in Berlin-Neukölln lebende Dänin Agnes Obel, mystische Klaviermusik zu erschaffen, die sich behutsam um ihre düster gehauchte Stimme windet. Musik, wie durch Milchglas betrachtet. Für ihr drittes Album ließ sie sich erstens drei Jahre Zeit, zweitens gab sie ihm von Anfang an ein Konzept. „Citizen Of Glass“ stand als Titel, bevor ein Song fertig war. Obel setzt sich mit dem gläsernen Bürger unserer Zeit auseinander, den Mangel an Privatsphäre dem Staat gegenüber, der vollständigen Durchleuchtung des Individuums. Von diesem Startpunkt ausgehend schafft sie ungeachtet dessen ein weiteres, sehr gutes Album.

Wie gewohnt pluckern ihre Klavierlinien mal dumpf, mal klarer durch die Platte, vermengen sich mit gezupften oder gestrichenen Celli oder Violinen. Obel ist eine Meisterin des Schaffens einer ganz eigenen Atmosphäre, weiß ganz geschickt mit Harmonien umzugehen, setzt jedes Instrument nur so viel ein, wie sie muss. Wenn etwa Percussion so spärlich eingesetzt wird wie hier, hat sie in „Trojan Horses“ eine eindringlichere Wirkung. Obels Musik ist eine Art lebendiges Aufstreben in einer trüben, verhangenen Herbstlandschaft, sie ist die mystische Figur, die in ihr wandelt, füllt den tiefen Raum aus. Mitunter passt der Titel „Citizen Of Glass“ auch auf andere Weise, denn Obels Musik klingt oft fragil, gläsern, als würde sie in ihre Einzelteile zerspringen können („Stone“).

Highlights der Platte bilden die großartige erste Single „Familiar“, ein klassischer Obel-Song, der über die Gesangsharmonien sofort seinen Sog ausübt. Der Titelsong „Citizen Of Glass“ besticht durch die Simplizität der Mittel zum Zweck, und „Golden Green“ pluckert lebendig vor sich hin, auch hier verzaubern die Gesangsharmonien. Diese sind im Vergleich zu den beiden Vorgängeralben viel ausgereifter, der Gesang wird viel mehr noch als eigenes Instrument verstanden. Auch wenn dies kleine Highlights sind – hauptsächlich versteht Obel sich darin, gute, schlüssige Platten als Gesamtwerk zu schaffen. Sie hat ihren Stil gefunden, perfektioniert ihn immer weiter – und wenn sie immer wieder einen Anstoß findet, eine neue Platte zu machen, dann werden wir noch viele gute von ihr hören.

Daniel Waldhuber

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