Newcomer

Chelsea Wolfe


In Zukunft wollen wir unser Augenmerk immer wieder auf neue interessante Bands und Musiker legen. Den Auftakt hierzu macht eine Künstlerin aus den USA, die als Inspiration so schwere Brocken wie den Film "Mulholland Drive" von David Lynch und den Roman "Tod auf Kredit" des französischen Schriftstellers Céline angibt. Meine Damen und Herren, Chelsea Wolfe.

Kalifornien: Hollywood, Silicon Valley, San Francisco – nirgends wird das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so sehr sichtbar im Südwesten der USA. Träume von endlosen Stränden, von der Sonne, von wirtschaftlichem Wohlstand, von technischem Fortschritt und von Bildung werden hier Tag für Tag geträumt. Doch Kalifornien hat auch ein anderes Gesicht: Umweltzerstörung, industrieller Verfall, gesellschaftliches Ungleichgewicht. Der Grat zwischen dem "Land der Träume" und einem "Land der Alpträume" ist ein schmaler.

Fernab dieser Welten wabert die Musik von Chelsea Wolfe durch den US-Bundesstaat. Mit verzerrten Gitarren aus Röhrenverstärkern, röhrenden Bässen und klagendem Gesang erschafft sie einen dritten, luftleeren Raum. Es ist ein enorm reduzierter Sound der Zwischentöne, der sich auf die Umwelt legt wie ein Bleimantel. Existenzialistisch bis zum Anschlag gibt es dennoch kleine, nein, winzige Momente, in denen ein Funken Schönheit hervorkommt. Wie das Bild von einer Gruppe Aussteiger, die sich um ein brennendes Fass inmitten einer verlassenen Fabrik versammelt hat, nagen sich Wolfes Klänge ins Unterbewusstsein. Ein Amerika der Randnotizen, der Vergessenen baut sich da im Kopf auf. Es sind minimalistische Bilder, die Wolfe mit ihrer Stimme malt. "Mulholland Drive" von David Lynch habe sie beeindruckt, ebenso der Roman "Tod auf Kredit" des französischen Schriftstellers Céline.

Und dann sind da ihre eigenen Erfahrungen, die ihr Verständnis von Musik geprägt haben. So zum Beispiel der Besuch einer verlassenen Spielzeugfabrik in Estland. Vor einigen Jahren hat sie dort, inmitten der weiten Hallen, gesungen. Es sind diese Momente, diese Einflüsse, die man auf äThe Grime And The Glowä spürt. Die düstere, aber nie hoffnungslose Platte, hat es bislang nicht nach Deutschland geschafft, aber dank des Internets lassen sich nationale Schranken spielender überwinden denn je. Kürzlich ist die junge Amerikanerin durch Frankreich getourt, auch Konzerte in Deutschland sind noch in diesem Jahr im Rahmen des Möglichen. Ob das deutsche Publikum für ihren reduzierten und kantigen Sound bereit ist? Das wird sich zeigen müssen. Das Spröde und Repetitive ist nicht leicht zu konsumieren.

Am stärksten bleiben jene Stücke hängen, in denen Chelsea Wolfe ausbricht aus den eigenen Strukturen und mehr Melodie ins Spiel bringt. So zum Beispiel wenn in "Halfsleeper" eine akustische Gitarre erklingt oder sich in "Benjamin" ein Klavier durch Raum und Zeit schlängelt. Mitsamt des Gesang entsteht hier ein spürbarer Kontrast zu den monotonen Hintergrundklängen. Wie Chelsea Wolfe diese bunten Nuancen erklärt? "Manchmal ist mir einfach danach...", sagt sie.

Die Ideen entstehen in ihrem Kopf, ihre Band unterstützt sie bei der Umsetzung. "Manchmal habe ich die einzelnen Teile bereits fertig, mitunter improvisiert aber auch jeder so lange, bis es sich richtig anfühlt." Einfach sei es nicht, die Elemente in Balance zu halten: "Hell und dunkel, Realität und Rätsel, das Raue und das Funkeln: Ich versuche das Gleichgewicht zu halten zwischen all dem, in meinem Geist und in meiner Musik.

Keine leichte Aufgabe dieser Tage, weder in Kalifornien noch sonst wo. Dennoch braucht es jene, die es zumindest versuchen.

Webseite: www.chelseawolfe.net

Mischa Karth

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