Konzertbericht

The Twilight Sad


Spätestens ab Oktober zeigt sich Berlin von seiner grauen Seite. Der Herbst, so scheint es, zieht in der Hauptstadt mit besonderer Härte ein. Was gibt es da passenderes, als die Abende mit der dazugehörigen schwermütigen Musik zu begehen. Wie auch schon im letzten November eignet sich dafür, wenn man auch einmal rausgehen möchte, wunderbar ein Besuch bei The Twilight Sad: Auch wenn die Begleitumstände alles andere als einladend sind – und das liegt nicht einmal am Wetter.

Die großstädtische Übersättigung mit Konzertlocations und daraus resultierenden Erfahrungen führt manchmal zu einem Dilemma: Man würde ja ganz gern hin, wenn eine bekanntermaßen gute Band sich die Ehre gibt – aber muss es denn wirklich in genau diesem einen Laden sein? First-World-Probleme. Früher, in der Jugend auf dem Land, war man über jede Rumpelkapelle froh, die es einmal in die Nähe des eigenen Dorfes geschafft hat und nun genügt ein Blick auf den Spielort, um Zweifel aufkommen zu lassen. Und sowieso. Berlin. Die kommen eh wieder. Dann eventuell woanders.

Das Gretchen ist einer dieser Läden. Eigentlich ein Elektroschuppen, ein Schlauch dazu, miese Sicht auf die Bühne dank Säulen im Raum, die WCs hinter der Bühne, sodass man sich durch die Massen drängeln darf – genau diese Massen, die die zahlreichen Rauchverbotsschilder sowieso ignorieren werden. Warum hier ausgerechnet The Twilight Sad aufschlagen, deren Elektroanteil sich auf die teilweise Robert Smith geschuldeten Keyboardparts reduzieren lässt, muss man nicht verstehen.

Also gut. Gammelklamotten angezogen und auf in die verregnete Kreuzberger Nacht. Support sind Man Of Moon, zwei jung aussehende Typen, die klingen, als wären sie zu viert, dabei mal noisigen, mal krachenden Indierock spielen und dabei mit tiefem schottischen Akzent singen. Idealer kann man eine Vorband nicht aussuchen, wenn man, nun ja, eine noisige, mal krachende Indierockband mit tiefem schottischen Akzent ist. Die beiden wissen zu unterhalten, werden im Auge, beziehungsweise Ohr behalten. Debütalbum steht noch aus.

Gegen 21 Uhr betreten Twlight Sad die Bühne, "[10 Good Reasons For Modern Drugs]" donnert los, Sänger James Alexander Graham scheint erst einmal zu warten. Kurzer Blick: Nein, die Lippen bewegen sich. Der Sound ist anfangs grottig, pendelt sich aber schnell ein. Weitere Dinge, die sich schnell einpendeln: Grahams Beziehung zur Säule auf der Bühne und zum Publikum. Die schottische Community der Stadt scheint sich komplett eingefunden zu haben. Bewegung gibt es wenig, von Graham mal abgesehen, der wie besessen auf der Bühne hin- und herspringt. Da lebt einer wirklich seine Musik.

Je fortschreitender die Setlist, welche zu über der Hälfte aus dem aktuellen Album "It Won/t Be Like This All The Time" besteht, desto mehr zeigt sich, dass an diesem Abend Band und Publikum zueinander finden. Kurz vor Schluss ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Jedes Stück wird mittlerweile frenetisch gefeiert, bis das Frightened-Rabbit-Cover "Keep Yourself Warm" an der Reihe ist, welches Scott Hutchinson gewidmet ist. Es wird der emotionale Höhepunkt, bei dem Graham zum einen zeigt, zu welch hohen Gesangsleistungen er fähig ist und zum anderen das Publikum große Teile des Stückes in wunderschöner Manier übernimmt. Dann der Closer "And She Would Darken The Memory" und wenige Minuten später ist Schluss. Wo andernorts das Licht langsam angeht oder passende Musik dafür sorgt, das Publikum langsam in den Abend zu entlassen, entscheidet man sich an diesem Ort für einen Rausschmeiß-Schlager – schließlich ist es kurz vor Elf und Mitternacht steht schon das nächste Konzert im Laden an. Schnell raus also, die überragenden Momente dieser Show im Kopf behalten und doch noch irgendwie froh sein, den Weg durch den Berliner Regen in Kauf genommen zu haben.

Klaus Porst

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