Konzertbericht

The Hotelier


Es gab Zeiten, da bezeichneten sich The Hotelier einfach selbst als Emo, um die Diskussion darüber zu ersticken. Live zeigt das Quartett aus Massachusetts, wie sehr sie solche Genreschubladen aufgebrochen haben – trotz einer auf den ersten Blick unglücklichen Entscheidung.

Denn einer gewissen Ironie entbehrt es ja erstmal nicht, wenn eine sogenannte Emo-Revival-Band dann einen Support mit dem schlichten Namen Crying mit auf Tour nimmt. Die streifen alle Assoziationen zu diesem Begriff jedoch schon nach Sekunden ab und gewinnen das Bremer Publikum mit ihrem quirligen Nintendo-Indierock, einem dafür eigentlich viel zu virtuosen Gitarristen und vor allem einer extrem drolligen Sängerin für sich, die an eine Mischung aus Kimya Dawson und einem Chipmunk erinnert. Größter Sympathiebeweis: Selbst bei einer minutenlangen Zwangspause aufgrund einer zerrissenen Gitarrensaite bleibt das, zugegebenermaßen hier noch kleine, Publikum so ruhig und gesittet, wie es sich so manche andere Band während ihrer ruhigsten Balladen wünschen würde.

Deutlich besser gefüllt ist der Tower, als The Hotelier ihr Set mit "Goodness Pt. 2" eröffnen. Der Quasi-Titeltrack des fantastischen aktuellen Albums und "An Introduction To The Album", der Opener des Vorgängers "Home, Like Noplace Is There" als spontane letzte Zugabe, rahmen das Konzert und geben gewissermaßen die Richtung vor: Immer wieder wird Christian Holdens Stimme im Vordergrund stehen; auch die Interludes von "Goodness", in denen er beispielsweise ein Gute-Nacht-Lied rezitiert, vermitteln diesen Eindruck. Die reine Wärme, die ihr innewohnt, wird durch die inhärente Positivität der Songs des Neulings, die den Großteil der Setlist ausmachen, schließlich auch am besten transportiert, an diesen Stellen wirkt das Konzert am homogensten.

Und doch: ein deutlicher Teil der Bremer Fanschar ist für die alten Stücke hier, bewegt sich zu "In Framing" und "The Scope Of All This Rebuilding" vom zweiten Album und bejubelt vor allem die spärlich eingestreuten Songs des Debüts "It Never Goes Out" frenetisch. Diese wirken mit ihren vergleichsweise simplen Poppunk-Strukturen zwar manchmal wie Fremdkörper im Konzert, ließen jedoch 2011 bereits erahnen, zu was für Großtaten The Hotelier einmal fähig sein würden. "Settle The Scar" etwa, zu dem Bremen und Holden den Schlagzeuger Sam mehr oder weniger erst überreden müssen. An dieser Stelle im Set hat die Band aber sowieso schon alte wie neue Fans im Sack – und dazu wieder einmal demonstriert, wie man sich an kalten Januartagen auch ohne Wolldecke oder Glühwein aufwärmen kann.

Jan Martens

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Rezension zu "Goodness" (2016)

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