Konzertbericht

Sportfreunde Stiller


Lasst uns froh und munter sein

Die frischen abendlichen Temperaturen breiten sich langsam auf den ganzen Körper aus, während man in der gigantischen Warteschlange vor der Chemnitz Arena hofft, endlich den Einlass gewährt zu bekommen. Als wäre das nicht schon genug, erschauert man aufgrund monotoner Technomucke, die nervend aus den verächtlich herabgrinsenden Lautsprechern tönt und bei einigen Wartenden fast zu Frustrationsausbrüchen führt. Zweifelnd blickt man sich um, mit der Frage behaftet, ob man tatsächlich bei einem Rockkonzert gelandet sei oder ob die wahrhaftige Mayday nach Chemnitz verlegt wurde. Stirn runzelnd lenkt man den Blick wieder auf die Massen vor sich, mit dem Verlangen eine Schneise durch die Menschenmenge zu schlagen, um sich selber schnellstmöglich ins Warme zu befördern. Endlich im Innern der gigantischen Arena angekommen, verfliegen die tristen Gedanken wieder und man wartet gespannt auf die e-bay Vorband The Crash. Man ahnt nichts böses, aber es wäre wahrscheinlich besser gewesen, noch eine Weile an der frischen Luft die Tanzbeine zu der inoffiziellen Mayday Veranstaltung zu schwingen. Denn dieser Mix aus tristen 80´s Synthi Pop und anstrengendem Nölgesang ist unzumutbarer Musikmüll. Man holt sich deshalb erstmal ein kühles Pils und wartet ab, bis die Reinkarnation des schlechten Geschmacks die Bühne geräumt hat. Währenddessen philosophiert man über Bands, die einen Plattenvertrag wahrscheinlich beim Lotto spielen gewonnen oder, wie bei unseren Total-Crash-Musikern sicherlich der Fall, über e-bay ersteigert haben. Als die Freizeitmusiker dann doch noch das Feld räumen, hofft man inbrünstig, dass die Sportfreunde einen guten Tag erwischt haben und dass sie, die sich in einer Talsohle befindliche Stimmung einzelner Anwesenden, in positive Regionen befördern können.

Nach halbstündiger Pause, die für den Umbau der Bühne in Anspruch genommen wird, erlebt man doch noch den Moment, für den man ein paar Euro berappelt hat. Sportfreunde Stiller kentern die Bühne mit einem Feuerwerk an guter Laune. Sie arbeiten sich durch neues Material, wie etwa "Frühling", "Ungewöhnlich", "Siehst du das genauso" oder "Ich, Roque" wobei auffällt, dass das Publikum sehr textbewandt hinsichtlich des aktuellen Albums ist. Natürlich dürfen auch die Klassiker wie etwa "Wellenreiten" oder "Ein Kompliment" in der Setlist nicht fehlen. Vor allem bei letzterem scheinen die Glückshormone im Überschuss auszuströmen, was zur Folge hat, dass es kein Halten mehr gibt. Das gesamte Publikum vollführt Freudensprünge, Peter, der Sänger und netteste Mensch dieses Planeten, übt sich im Stagediving und Flo trommelt sich den Frust aus der Seele, da seine Löwen genau heute eine Etage tiefer gerutscht sind. Zwischen den Liedern formuliert Peter immer wieder neue, an das Publikum gerichtete Lobpreisungen und reißt eben dieses durch seine fast schon erhabene Fröhlichkeit mit, so dass es wiederum den Jungs leicht fällt, ihre Lieder bemerkenswert direkt und euphorisch zu präsentieren. Letztlich gipfelt die gegenseitige Wertschätzung in 3 Zugaben, bei denen nochmals 7 Lieder zur Stärkung des positiven Gefühls an den Mann gebracht werden. Als dann das Licht wieder angeht, begreift man noch gar nicht, was eigentlich geschehen war. Dieser fast schon versaute Abend wurde durch den wirklich überzeugenden Auftritt der drei Münchner Jungs noch zu einer Hitparade der Freudenmusik. Man könnte fast glauben, dass die Sportfreunde das Szenario des Vorprogramms so gewählt haben, damit sie den Konzertbesucher mit einer emotionalen Freudenexplosion aus dem Tief herausziehen konnten.

Wie dem auch sei, man verließ die Arena mit einer inneren Zufriedenheit und hatte seinen Wohlfühltank für die nächsten Tage bis zum Anschlag aufgeladen. Heißa!

Marcus Schmanteck

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