Konzertbericht

Muse


Da muss man schon ein zweites Mal hinschauen: Fast 40 € soll die Karte für das Muse-Konzert kosten? Bei der Absolution-Tour vor drei Jahren ist es noch knapp über die Hälfte gewesen, obwohl das damalige Konzert in exakt derselben Halle stattgefunden hat. Die Fans scheinen die horrenden Preise allerdings nicht zu stören, denn im Gegensatz zu 2003 ist das Zenith im Norden Münchens jetzt mit ungefähr 6000 Tickets restlos ausverkauft. Naja, solange man nicht wieder mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat (beim letzten Mal hatte der Bass alle anderen Instrumente übertönt), nimmt man die Preise eben als notwendiges Übel hin.

Was man bei einem derartigen Eintrittspreis allerdings normalerweise erwarten kann, ist eine ordentliche Organisation. Leider ist dies alles andere als gegeben, denn sonst müsste man sicherlich nicht fast eine volle Stunde an der Garderobe warten, um seine Jacke loszuwerden. So allerdings kann es dann durchaus dazu kommen, dass man die komplette Vorband lediglich aus der Warteschlange mitbekommt. Die heißen "The Noisettes", kommen aus England und stehen noch vor ihrem Debütalbum. Stilistisch irgendwo zwischen den Yeah Yeah Yeahs, Clash-Punk und den White Stripes einzuordnen, bringen die drei, soweit das vom anderen Ende der Halle auszumachen ist, ihr Programm zwar gefällig und mit ordentlich Power rüber, doch zu Muse wollen sie nicht so wirklich passen und in eine derart große Halle erst recht nicht. Sicherlich aber ein Geheimtipp für den kleinen Indieclub!

Ganz anders natürlich Muse, die mittlerweile in nahezu jedem europäischen Land in großen Hallen zu Hause sind. Schon als der Aufbau der Bühne das erste Mal enthüllt wird, macht sich Erstaunen ob des enormen Aufwandes breit. Nicht nur, dass sich hinter der Band eine riesige Leinwand befindet, Schlagzeuger Dominic Howard sitzt noch dazu unter einer Art überdimensionalem Videowürfel, auf den ebenfalls die verrücktesten Lichteffekte projeziert werden. Was die Setlist anbelangt, scheinen Muse trotz der aufwändigen Lichtshow-Choreographie recht flexibel zu sein, da sich diese von den zuvor im Internet aufgetauchten Setlists anderer Gigs in Deutschland deutlich unterscheidet. Den Anfang macht zum Beispiel "Knights of Cydonia", eigentlich ein klassischer Abschluss-Song, der aber auch zu Beginn des Konzertes hervorragend passt und dazu führt, dass das Publikum von der ersten Sekunde an voll mitgeht und niemand stillsteht. Die Atmosphäre in der Halle ist eigentlich kaum noch in Worte zu fassen, so bombastisch wirkt die Kombination aus diesmal sehr gutem und klarem Sound, der überwältigenden Lichtshow und der ekstatischen Menge.

Mit "Map of the Problematique" und "Supermassive Black Hole" schließen sich zwei weitere Highlights des neuen Albums direkt an und garantieren, dass auch der jüngere Teil des Publikums, der die älteren Muse-Werke nicht kennt, einen gelungenen Einstieg findet. Aus gutem Grund, denn der Altersdurchschnitt ist sicherlich einige Jahre niedriger als 2003. Wie auch schon "Knights of Cydonia" zu Beginn, wird jeder Song, als ob er für sich alleine nicht sowieso schon wirkungsvoll genug wäre, zudem noch mit allerhand Lichteffekten und Videosequenzen garniert, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Technisch sitzt alles perfekt, die Band macht keinen einzigen erkennbaren Fehler und Matt Bellamys Stimme erreicht auch live scheinbar mühelos nicht für möglich gehaltene Höhen.

Doch nicht nur auf technischer Ebene wissen Muse zu überzeugen: Besonders im Vergleich zu den Festivalgigs im Sommer ist das ganze Konzert diesmal emotional enorm mitreißend, was wahrscheinlich an der geringeren Distanz zur Band liegt. Besonders die Stücke ihres zweiten Albums "Origin Of Symmetry", wie zum Beispiel "New Born" und "Bliss", das mit der B-Seite "Forced In" zu einem zusammenhängenden Song verbunden wird und bei dem die obligatorischen, mit Konfetti gefüllten Riesenluftballons von der Decke fallen, reißen vor allem die eingefleischten Muse-Fans zu Begeisterungsstürmen hin, und zu "Time Is Running Out" 5000 Leute kollektiv springen zu sehen, sollte man auch einmal erlebt haben. Dies fordert aber auch bei diversen Fans ihren Tribut, die benommen aus der Menge geschleift werden müssen.

Nach insgesamt 4 Zugaben und ca. einer Stunde und 40 Minuten Spielzeit zieht man Resümee: Ein perfektes Konzert? – Fast! Auch wenn die Setlist im Grunde überzeugt hat, "Citizen Erased" und "Muscle Museum" haben auf jeden Fall gefehlt. Vielleicht den ein oder anderen Song von "Black Holes & Revelations" weniger (das für Muse-Verhältnisse eher schwache "City of Delusion" hätte man sich beispielsweise sparen können), und dafür "Showbiz" nicht nur mit einem einzigen Song, "Sunburn", abspeisen. Im Grunde genommen kann man der Band dafür aber keinen Vorwurf machen, bei einer solchen Fülle an tollen Livesongs müsste sie wohl drei bis vier Stunden auf der Bühne stehen, um die Song-Bedürfnisse jedes Zuschauers zu stillen.

Als nach der letzten Zugabe vier 16-Tonner direkt in die Halle fahren und das Equipment wieder eingeladen wird, versteht spätestens der letzte Besucher, wo die fast 40€ gezahlter Eintritt hingeflossen sind. Wert gewesen ist es auf jeden Fall jeden einzelnen Cent davon.

Johannes Neuhauser

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