Konzertbericht

Iron & Wine


Wolken auf der Bühne, Sonne im Herzen: Sam Beam alias Iron & Wine bringt seine Folk-Inszenierungen ins Hamburger Uebel & Gefährlich.

Wolkig mit Aussicht auf Vollbärtchen: Ein bisschen kitschig wirken sie zu Beginn ja schon, die flauschigen Wattewölkchen, die über der Bühne des Uebel & Gefährlich hängen. Und wenn sie denn wenigstens etwas regnen könnten – sie hätten nicht nur für eine nötige Erfrischung im wieder einmal fast schon unverschämt überfüllten, ausverkauften Bunkerclub sorgen können, sondern wären auch als Ausrede für die Technikprobleme bei Half Waif in Frage gekommen. Deren Versuch einer Light-Version von Fever Ray tut nicht weh, ist aber auch für die wenigsten ein Grund, die Freitagabend-Gespräche einzustellen.

Letztlich dienen die Wolken aber nicht nur – im Zusammenhang mit der stimmigen bunten Beleuchtung – dem Schaffen von wunderbar verträumten Bühnenbildern, sondern eben auch der gesellschaftlich anerkanntesten Aufgabe von Regenwolken: Blumen wachsen zu lassen. So mancher Song von Iron & Wine öffnet sich in seiner Live-Version nämlich ähnlich einer Knospe, die nach und nach ihre Blüten ausbreitet: Den Anfang bilden stets die etwas knarzige Gitarre und die potentielle Telefonbuchvorleserstimme Sam Beams, der sich dann dezenter Hintergrundgesang, Cello und verschiedenste Percussion-Elemente anschließen. Diese Arrangierungen schwanken stets zwischen den jazzigeren Strukturen von "Kiss Each Other Clean" und dem samtigen Folk seiner Anfangstage, zu denen er mittlerweile zurückkehrte. Da sie sich aber, ebenso Beams Gitarrenzupfmuster, von Tour zu Tour oft grundlegend unterscheiden, ist die Aufgabe, angespielte Songs zu erkennen, hier immer wieder eine besonders fordernde – nicht jeder ist so markant wie die Mammut-B-Seite "The Trapeze Swinger", die den Opener macht.

Aber mit solch einer guten Begleitband wie der von Iron & Wine gelingt natürlich jedem ein opulenter Sound – Sam Beam gelingt er notfalls auch alleine, ob er die Gitarre perkussiv bearbeitet, sich kurz als bärtigster Beatboxer der Welt präsentiert oder mit seiner Stimme spielt. Die nutzt er nämlich gleich einem Performancekünstler nicht nur zum Singen, sondern auch, um Emotionen und Textzeilen der Songs durch Wein-, Lach- oder Kaugeräusche zu untermalen. Die Hamburger quittieren's mit einem Lachen, bleiben darüber hinaus aber auch in den hinteren Reihen erfreulich respektvoll und still. Dafür bedankt sich Beam ausdrücklich, bevor das Set nach knapp anderthalb Stunden mit "Claim Your Ghost", dem Opener des aktuellen Albums "Beast Epic", beendet wird. Zu diesem Zeitpunkt hängen die Wolken zwar immer noch über der Bühne – in den Herzen der Anwesenden strahlt die Sonne.

Jan Martens

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