Konzertbericht

Fever Ray


Zu den Geheimkandidaten auf das Album des Jahres, oder zumindest eine hohe Position im Wettbewerb um dieses, gehört wohl für viele das diesjährig erschienene selbstbetitelte und unter dem Namen Fever Ray veröffentlichte Album von Karin Dreijer Andersson. Beachtung gefunden hatte Andersson bislang vor allem mit ihrer Band The Knife, mit der sie, gerade was die Liveumsetzung der Musik anging, vielfach in höchsten Tönen gelobt wurde. So fand auch die erste Fever-Ray-Tour vor allem aufgrund beeindruckender Lasershow breiten Anklang. Außerdem soll wohl eine leicht schamanische Show die Performance begleiten, Kollege Martens beschrieb dies mit den Worten: „ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, die wollen unsere Seelen fressen“. Da Seelen verkaufen seit Doktor Faust ein wenig aus der Mode gekommen ist, schienen Fever Ray dort also eine Marktlücke in Sachen Bühnenshow entdeckt zu haben.

Das Licht geht aus. Dazu etwas Nebel. Eine Frau mit einem Cello und beachtenswerter Kopfbedeckung betritt die Bühne. Zunächst gelingt es der Dame mit dem unaussprechlichen Namen Hildur Guðnadóttir auch, mit ihrem Soloauftritt zu überzeugen. Leider kommt sie ohne die Hilfe ihres Notebooks nicht aus, was der Stimmung, die die Musik vermitteln soll, ziemlich viel Raum entzieht. Noch mehr Nebel leitet den Übergang zu Fever Ray und deren Song „If I Had A Heart“ ein. Selbst in der dritten Reihe vor der Bühne sind nur noch Konturen zu erahnen. Dann jedoch ein Leuchten, nein, ein Flackern im Dunklen: Aufgestellte Lampenschirme hellen sich mit jedem Taktschlag etwas mehr auf. Man kann im dichten Nebel Gestalten erahnen. Menschlich sehen diese nicht aus. Die einsetzenden Gesangsstimmen sind weder zu verorten, noch gut zu hören, es geht zunächst alles in einer Masse aus wabernden Keyboardflächen unter. Im Laufe des Sets wird sich das jedoch ändern, zumindest ein perfekter Sound wird von diesem Konzert hängen bleiben. Mehr allerdings nicht. Zur Bühnenshow kann man nichts sagen, da wirklich alles, was auf der Bühne passiert, im Nebel erstickt wird.

Einzelne Stücke sind von relativ aufwendigen Lasereffekten untermalt, die zwar interessant sind, jedoch ein wenig an die Werbepausenbespaßung in Großraumkinos erinnert. Ab und zu blitzen aufwändige Kostümierungen in einem Lichtstrahl auf, man sieht Anderssons weiß geschminktes Gesicht. Das ist allerdings viel zu wenig. Man wird das Gefühl nicht los, nur in einem Raum zu stehen, in dem laut Musik läuft, die genauso gut vom Band kommen könnte. Nur wenige Stücke erreichen so das Publikum - „Seven“, „Triangle Walks“, das bassgewaltige „Concrete Walls“ oder das Highlight des Abends - das Nick-Cave-Cover „Stranger Than Kindness“ - welches mit dem üblichen Fever-Ray-Sound bricht und sich in Richtung eines monumentalen Industrialbrechers entwickelt. Nach etwa einer Stunde ist dann bereits Schluss. Seelen gefressen wurden nicht, da sich das fellartige Ungetüm auf der Bühne wohl im Nebel verlaufen hatte.

Klaus Porst

Lesen


Rezension zu "Plunge" (2018)
Rezension zu "Fever Ray" (2009)

Finden


Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.