Interview

Ty


Das schicke "Vier Jahreszeiten" am Hamburger Hauptbahnhof. Ich bin fünf Minuten zu früh da und lasse mir von einem steinalten Bellhop für 4,50€ eine Cola bringen. Die Leute schauen mich an, was macht denn jemand mit Kopfhörern, herbstverfärbten Schuhen und einem sichtbar frühsowjetischen Rucksack in der Lobby des "Vier Jahreszeiten"? Ich weiß es selbst nicht so recht. Nippe an meiner Cola, höre irgendwas um den schlimmen Easy-Listening-Pseudoavantgardepop nicht hören zu müssen, der von irgendwoher schallt und warte auf Ty, das gute Gewissen der britischen Rapszene.

Plötzlich trifft eine Menschenbündel in die Lobby ein, über das sich die Grauschläfen und Kragenhochrücker an den Tischen noch mehr echauffieren: Ty samt Gefolgschaft, alle afrikanischer Abstammung und sichtbar müde. Ty, scheinbar abwesend mit den selben Kopfhörern wie ich sie aufhabe, im Gehen an seinem MacBook herumtippend (seine myspace-Seite) interessiert das alles nicht im Geringsten. Ich gehe zu ihm. Wir kommen ins Gespräch. Er hört Can, aus meinen Kopfhörern schallen gerade die nicht überhörbaren Thrash-Metaller The Haunted. Fünf Minuten später sind wir zu zweit auf seinem Hotelzimmer. 3x3m². Nichts mehr von dem Pomp aus der Lobby. Durchaus passend, denn unsere Themen sind: Street-Credibility, das wahre Leben und den Nebenberuf von Hugh Grant.

Hi Ty.

Ty: Du solltest Rapper werden.

Daran hab ich oft gedacht, aber ich bin nicht true genug. Ich hab noch nie jemanden erschossen, bin selbst nie angeschossen worden und die einzige Bitch die ich kenne, ist meine ehemalige Englischlehrerin.

Ty: Guter Eisbrecher. Den hast du dir doch vorher überlegt. Erzähl mir was über dich, was machst du, für wen schreibst du?

Wer führt hier das Interview?

Ty: Wir.

Deine neue Platte, "Closer", ist sie besser als die beiden davor, schlechter, genauso gut oder einfach anders? Näher am Menschen? An dir?

Ty: Eine Frage die sich für mich nicht stellt. Sie spiegelt vor allem mich wieder und was ich gedacht und gefühlt habe, während ich sie schrieb. Ich unterscheide nicht, das bin alles ich. Ich bin nicht mal schlechter oder mal besser, ich bin immer in erster Linie ich.

Eine diplomatische Antwort, wie geschaffen für Interviews. Und jetzt mal ehrlich. Besser oder schlechter? Das was du da sagst ist doch streng genommen verdammt weich.

Ty: Du magst recht haben, ich habe eine Ahnung von dem, was du in etwa meinst, aber ich muss ehrlich sein, versuche es jedenfalls, da gibt es kein Wenn und Aber, wenn du damit nichts anfangen kannst, there's the door.

Erklär mir, wieso es so wichtig ist, so extrem viele Features zu haben? Klar verkauft sich eine Platte dadurch besser, wenn Leute wie De La Soul mitmachen, aber hat das auch noch andere Gründe, dass die Jungs dabei sind, oder Arrested Development?

Ty: Ich hatte da Lust drauf. Man kommt für eine Jam zusammen und produziert Musik.

Musik? Oder Rap? Gibt es da Unterschiede? Ist Rap tatsächlich in der gleichen Form Musik wie Rock, oder Pop? Sag es mir, ich will das aus einem Kopf hören, der sich diese Frage sicher schonmal gestellt haben muss.

Ty: Jetzt mach mal halblang. Meine Beats sind sehr ausgewogen, ich kenne Jazz, ich kenne Funk und ich weiß, dass deine Weißbrotmusik komplett von uns Schwarzen erfunden wurde. Trotzdem bestehe ich auf den Begriff Black Music bei dem was ich mache. Vielleicht ist es dir kein Begriff, aber amerikanische Sklaven haben den Blues erfunden, ihn später zu Jazz, Funk und Rock'n Roll entwickelt. Alles schwarze Musik.

Danke für die kleine Geschichtsstunde und ich dachte immer Duke Ellington, Charles Mingus und Miles Davis seien die Nachkommen irischer Goldtopfsucher an Regenbögen. Nein im Ernst: Von wo kommt denn mehr Hass. Von Weißen zu Schwarzen oder umgekehrt?

Ty: Eine Frage die sich für mich nicht stellt, mich interessiert das nicht. HipHop hat jedenfalls den selben Charakter wie Punk. Man will uns keine Platform geben, weil wir wissen, was auf den Straßen passiert. Wir haben eine Ahnung von den echten Zuständen und von der Realität, aber das will die Community nicht. Die weiße Chicken Tikka Massala-Gesellschaft in ihren Reihenhäusern will nichts von Schwarzen und Moslems wissen, sie einfach nur unterdrücken, so wie damals die Punks. Denk an die Sex Pistols.

Ja, die konnten auch keine Instrumente spielen. Aber mit irgendwas muss man ja auffallen und wenn es nicht die Musik ist, dann wenigstens die Attitüde. So werden bei uns hier in Deutschland "Rapper" prominent und wohlverdienend. Kids, die Straße cool finden, kaufen es dann indem sie ihrer Mutter das Zigarettengeld klauen. Sozialer Malstrom, gibt es da ein Heraus? Diese Kids haben keine Lust auf Musik im ideellen und klassischen Sinne, wahrscheinlich wärst du ihnen auch noch zu kompliziert.

Ty: Ja wahrscheinlich. Bei uns entsteht gibt es ja den Grime. Electro, Techno, Rave und all diese Sounds prallen auf Lyrcis die ebenfalls in ihrer Härte erstaunen. Das ist die Generation die uns OldSchool-Rapper verachtet, aber die kennen weder Jazz noch Soul, noch sonst etwas. Und machen sich für die Jugend interessant, indem sie am Wochenende in schäbige Drogenclubs gehen und dort Kugeln tauschen. Was ist das denn für ein Zustand? Not my business. Ich will positive Musik für positive Menschen machen, ich will nicht, dass meine Musik als Soundtrack für Mord und Todschlag dient, für Leute ohne Moral und Anstand.

Kommt gerade der Big Dada in dir durch?

Ty: Vielleicht, aber das macht nichts. Es muss jemanden geben, der sowas ausspricht. Ich will keine Art Gewissen sein. Was ich bin ist vielleicht nur eine von vielen Zungen. Aber ein erhobener Moralfinger bin ich nicht, das können andere übernehmen.

Die in Ober-und Unterhaus?

Ty: Eben genau die nicht.

Wer denn bitte dann? Hugh Grant, Pete Doherty und Prince Wiliam?

Ty: Die genauso wenig. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht sagen wer. Jeder sollte sein eigener Mentor sein. Nur so können wir vorankommen. Aber jetzt mal wirklich, Hugh Grant ist der absolute Satan

Aber wer macht denn eigenständig sein Gehirn an und fängt an über die Dinge nachzudenken? In den USA klappt es nicht, hier in Europa klappt es nicht und auch sonst nirgendwo.

Ty: Wie wäre es, wnen du anfängst, Schlaumeier?

Alter vor Schönheit, ich lasse dir den Vortritt.

Ty: Da siehst du es. Es gibt ein prinzipielles Problem. Keiner weiß eine Antwort auf die Frage aller Fragen. Euer Goethe fragt auch, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Heute Abend auf deinem Konzert wird es etwa 300 bekiffte Freunde der ungepflegten Baggyjeans geben. Frag mal jemanden von denen.

Konstantin Kasakov

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Rezension zu "Closer" (2006)

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