Interview

Trümmer


Auf ihrer "Euphorie"-Tour treffen wir die Band Trümmer im Bielefelder Falkendom zum Interview. Mit dabei sind Sänger, Texter und Gitarrist Paul Pötsch und Bassist Tammo Kasper. Schlagzeuger Max Fenski muss sich vor dem Konzert ausruhen und ist darum nicht dabei. Stattdessen aber ein netter Hund, der sich ab und an auch mal einschaltet, und später auch Helge Hasselberg, Produzent des Trümmer-Albums und mittlerweile weiterer Gitarrist bei den Konzerten der Band.

Vor zwei Jahren waren Trümmer schon mal in Bielefeld und spielten am frühen Abend in strömenden Regen auf dem Leinenwebermarkt. Ihr Publikum eine Hand voll Leute und der Currywurstmann in seiner Bude. Das Konzert schlossen sie mit den optimistischen Worten: "Bielefeld! Wir kommen wieder!" – "Ha! Das werden wir mal sehen!", rief der Currywurstmann zu ihnen rüber. Der Optimismus hat sich gelohnt. Heute sind sie zurück – und der Falkendom ist trotz des Winterwetters ziemlich voll.

Trümmer reißen negatives Denken ein und ersetzen es durch eine positive Grundhaltung. Paul Pötsch ist ein Optimist. Er freut sich über Herausforderungen, schafft es, auch in weniger Schönem gute Aspekte zu sehen. Das bevorstehende zweite Album der Band sieht er nicht als beängstigende, sondern als beflügelnde Herausforderung. Schließlich sei auch die Veröffentlichung des Debüt-Albums ein Befreiungsschlag gewesen.

Die Texte für das Debüt-Album hat Paul geschrieben. Teilweise schon vor Jahren. Sie brodelten in der Schublade und haben darauf gewartet, endlich ans Tageslicht zu dürfen. In den Texten stecken ziemlich viele rhetorische Fragen. Eigentlich beantworten diese sich ja selbst schon, trotzdem soll Paul sie nun für uns beantworten.

"Alles oder nichts?"

Paul: Natürlich alles! Das war ein wenig geklaut von Hildegard Knef.

Tammo: Askese ist nicht so dein Ding, oder?

Paul: Askese? Nein. Aber das ist halt einfach so eine schöne Floskel, die sich gut zum Singen anbietet. Ich finde, Poptexte sollten möglichst einfach sein, damit man viel rein interpretieren kann. Solche Fragen haben in der Popmusik ja Tradition, zum Beispiel bei "How deep is your love?" (lacht).

Und: "Wo ist die Euphorie?"

Paul: Das ist ein Appell, den wir raus geschickt haben. Bei uns ist sie auf jeden Fall gerade auf Tour. Durch unsere Konzerte wollen wir einen Mangel an Euphorie ausgleichen und die Leute einladen, da mit zu machen. Das gelingt schon ganz gut!

Noch eine Frage: "Was wurde aus der Revolte?"

Paul: Das ist ein bisschen seltsam, seinen eigenen Text so zu analysieren. Das sind so riesige Worte. Dieser Text ist letzten Endes so eine harte Selbstanklage. Ein Vergleich mit dem, was man mal werden wollte und was man dann letztendlich geworden ist – und wo man sich wieder raus kämpfen muss.

Was wurde denn aus deinen Träumen?

Paul: Wir machen jetzt das, was wir machen wollen. Wir haben uns aus Verpflichtungen und Erwartungen, die an einen gestellt werden, heraus gekämpft. Es wird einem nicht einfach gemacht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dass man im Jahr 2014 eine Rockband mit einer inhaltlichen Intention gründet, ist jetzt nicht unbedingt das, was man machen sollte, wenn man ein abgesichertes Leben haben möchte. Deswegen ist das, was wir machen, schon der Beginn einer Revolte. Der Text ist entstanden durch eine Selbstbeobachtung. Als man 16, 17 war, ist man ja sehr streng gewesen mit seinen Urteilen, denkt nur schwarz-weiß und verurteilt die Erwachsenen. Aber wenn man dann auszieht, anfängt zu studieren, bemerkt man plötzlich eine komische Milde, die sich einstellt – und man fragt sich doch: Ist das eigentlich der Grund, warum ich von Zuhause weg gegangen bin? Oder muss ich wieder mehr Schärfe reinlegen?

Wie sieht es bei dir aus, Tammo? Ist bei dir alles so geworden, wie du es dir vorgestellt hast?

Tammo: Ich hab eigentlich nie so wirklich über Zukunft nachgedacht, sondern hab einfach immer die Sachen gemacht, die ich machen wollte. Wir hatten ja auch keinen Plan, eine Band zu gründen und erfolgreich zu werden, sondern es ist das, was passiert ist, aus dem Moment heraus. Ich glaube, es ist sehr, sehr wichtig, solche Momente ernst zu nehmen und spontan sein zu können, als junger Mensch. Ich hab das Gefühl, dass wir in einer Generation leben, in der das vielen nicht mehr so bewusst ist – und das ist schade!


Photo Credit: Elisabeth Moch

Alten Bekannten aus der Schulzeit zu begegnen, die eine ganz andere Vorstellung vom Leben haben, die Häuser bauen und Familien gründen, fühlt sich für Tammo oft krass an. Für die Gegenseite aber bestimmt auch. "Die denken, ich wäre ein Junkie, der in die Großstadt gegangen ist und da an der Spritze hängt oder so! Und ich glaube, dass das, was die da machen, einen Menschen nicht glücklich machen kann." Andere Lebensentwürfe wollen Tammo und Paul nicht verurteilen, das Leben eines Künstlers aber auch nicht glorifizieren. "Eigentlich geht?s ja nur darum, dass man macht, worauf man Bock hat. Das kann ja letzten Endes alles Mögliche sein", sagt Paul.

Die Texte von Trümmer scheinen viele Menschen zum Nachdenken anzuregen. Die oftmals eingängigen Melodien dagegen bieten auch denen, die eigentlich nichts mit Punk, linker Szene oder Ähnlichem zu tun haben, einen Zugang zu ihrer Musik. Die Band wird immer wieder von den verschiedensten Menschen auf Konzerten darauf angesprochen, dass die Texte sie "berührt" haben. "Das finde ich spannend, dass man mit Musik auch Leute emotional und gedanklich erwischen kann, die erst einmal nicht so viel mit der Lebensrealität zu tun haben, in der man sich selbst bewegt", so Tammo.

Die Band hat sich an einem gewissen Punkt dafür entschieden, keine Punk-Platte aufzunehmen, die einfach nur laut, wütend und schnell ist. "Die Gefahr ist dann auch, dass man irgendwann in so einer Suppe hängen bleibt", sagt Tammo. Dass sie sich als Band für andere Genres geöffnet haben, kommt allerdings nicht überall gut an. "Innerhalb der Szene begegnet man schon Leuten, die das richtig scheiße finden!", sagt Tammo, und Paul fügt hinzu: "Der Popansatz, den wir bei einigen Stücken verfolgen, ist einigen Leuten einfach zu poppig. Auf Deutsch kann das auch ganz schnell in eine Ecke abdriften, die ekelig wird. Aber ich glaube, das ist einfach ziemlich ungewöhnlich, was wir machen und dass Leute das deshalb seltsam finden, weil sie es nicht richtig einordnen können. Aber das muss ja nicht das Schlechteste sein."

Den Vorwurf, kitschig zu sein, hören sie dann doch ziemlich häufig. "Wenn man ein Lied über Liebe kitschig findet... naja, man hat wahrscheinlich ein ziemlich trauriges Leben, wenn man noch nie verliebt war. Das stelle ich mir ziemlich öde vor!", sagt Paul und lacht darüber. "Insofern mache ich mir gar keine Gedanken. Wenn man irgendwelche Songs aus der Punk oder Indie-Ecke aus dem Englischen übersetzen würde, wären sie wahrscheinlich auch das, was Leute als kitschig empfinden."

Liebe ist ein wichtiges Thema in den Texten, aber auch für Paul selbst. Er sieht Liebe gerne als positive Kraft, als zarte Revolte, als Haltung dem Leben gegenüber – ähnlich, wie es in der frühen Soulmusik der Fall ist. "Ich hab einfach gemerkt, dass mir Zynismus überhaupt nicht gut tut, dass mich das total abfuckt und kaputt macht... und da ist man eben auf der Suche nach einer anderen Haltung, die einen vielleicht ein bisschen weiter bringt. Die ganzen Texte keimen natürlich aus so einer Wut, Enttäuschung und Angepisstheit. Aber dann versucht man das weiter zu denken. Die Haltung, die lange Zeit im Diskurspop war, war ja eine wie 'Alles ist schlecht!', bis hin zu 'Wir geben auf.',... da überlegt man sich doch, wie kann man da weiter gehen. Ich meine, wir sind ja nicht die einzigen, die das machen. Tocotronic fragen mittlerweile auch: 'Wie wir leben wollen', das ist ja auch schon was anderes als 'Kapitulation!'."

Von Tocotronic gelernt hat Paul nicht wirklich, aber er war froh, sich als junger Mensch mit ihnen identifizieren zu können. "Man hat ja als junger Mensch nicht viel Anderes – Musik und Literatur, oder?" – "Fußball!", wirft Tammo ein. Ob Tocotronic oder Fußball in der Jugend wichtiger waren... da scheiden sich bei Trümmer die Geister.

Paul hat schon als Teenager angefangen, Geschichten und Gedichte zu schreiben. In der Bandkonstellation hat es sich dann auch ziemlich schnell ergeben, dass er in der Position des Sängers die Texte "anschleppen musste". Natürlich hat er aber auch Spaß dabei und freut sich auf die Herausforderung, die Erfahrungen der letzten Jahre, in denen sie als Band viel erlebt haben, in Musik und Texte zu packen.

Durch die Art, wie die Texte geschrieben sind, kann jedenfalls schnell ein Gemeinschaftsgefühl entstehen. Die Zuhörer fühlen sich angesprochen, wenn Paul eine Zeile z.B. zuerst mit "ich" singt, und diese dann mit einem "wir" wiederholt. Aber Paul sieht das Wort "Gemeinschaftsgefühl" kritisch, immerhin kann so etwas ja auch nach hinten los gehen, wie man zur Zeit zum Beispiel in Dresden bei Pegida-Demonstrationen sieht. Es kann aber auch ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, das in eine positive Richtung geht. "Dieses 'Wir', das wir herbeisingen, das gibt es, glaub ich, noch gar nicht. Das ist ein utopisches Wir, das man sich herbeiwünscht. Wohl eine Versammlung von Freaks, Ausgestoßenen und nicht Dazugehörigen!".


Photo Credit: Elisabeth Moch

Die Wahlheimat Hamburg bietet genügend Gelegenheiten selbst auf die Straße zu gehen und für seine Ansichten zu kämpfen. Die Demos mit dem riesigen Polizeiaufgebot und dem ziemlich harten Agieren der Polizei im letzten Jahr haben die Jungs auch vor ihrer Haustür miterleben müssen. Das war aber nicht mehr witzig, denn dadurch sind auch sie in Gefahr geraten. Auf ihrem Album setzten sie sich auch mit solchen Themen auseinander. Interessanterweise war es aber schon vor den Krawallen im Kasten.

Ursprünglich kommen die Jungs von Trümmer alle aus verschiedenen Provinzstädten. Dort haben sie gelernt, dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen muss, wenn man möchte, dass was passiert. In der Stadt erwartet man, dass einem alles geboten wird. So kam es, dass Tammo früh Konzerte veranstaltet hat, Paul sehr früh angefangen hat aufzulegen.

Am Internet sind Trümmer vielleicht nicht so interessiert, wie es andere sind. "Katzenbilder? Keine Ahnung." Im letzten Interview hatte Martin Hasselgren, alias Boy Omega, ins Interviewbuch eine Frage an die nächste Band notiert: "What are your thoughts on the deep web and how many times have you been down there?" – "Ich hab mir gerade, als Max Soundcheck gemacht hat, Beweisvideos von Aliens angeguckt. Ist das schon deep genug?", fragt Paul. Tammo klärt ihn über das Deepweb auf. Er war schon mal "da unten" und erzählt von den Abgründen und Möglichkeiten dieser versteckten Welt. Auch Trümmer überlegen sich eine Frage für den nächsten Künstler: "Habt ihr jemals vor weniger als 5 Leuten gespielt und wie war das so?" lautet sie.

Als Helge zum Interview dazu kommt, gewinnt es nochmals an Leben, es werden Geschichten über betrunken gespielte Konzerte und über die beste Festivalerfahrung berichtet, bei der man, weil man so betrunken war, angefangen hat, ganze Ingwerknollen zu essen und sich gegenseitig Gurkenscheiben aus dem Gesicht zu lecken. "Das war dann auch irgendwann etwas unangenehm, weil mich Tobias Siebert von Klez.e, den ich schon länger kenne, angesprochen hat: 'Was sind denn das unten für verrückte Penner? Die nehmen den ganzen Laden auseinander, bewerfen sich mit Obst und so...' Und ich so: Eh, das ist meine Band!", erzählt Tammo und alle lachen und sind sich einig, dass die Aktion richtig super und befreiend war.

Betrunken auf der Bühne sind die Jungs nicht besonders häufig. Beim allerersten Trümmer-Konzert sah das aber anders aus. Fürs Konzert hatten die drei ihren gesamten erweiterten Freundeskreis ins Molotow eingeladen, die versammelte Hamburger Musikprominenz war anwesend. Der Laden war voll, Trümmer waren es auch. Seitdem gibt es die Tradition, Pastis bei Konzerten zu trinken, wie Paul anmerkt. "An diesem Abend haben wir uns bei mir in der Küche getroffen und und haben so eine Flasche weg gesoffen und sind dann mit den Instrumenten in der Hand runter ins Molotow gelaufen. Deswegen ist das so diese kleine Reminiszenz an die frühen wilden Tage dieser Band, die jetzt natürlich vorbei sind." "Inzwischen sind wir halt ausgebuffte Profis!", sagt Tammo. "Und es gibt nur noch alkoholfreien Pastis!", wirft Helge noch lachend ein.

Das Interview zum Nachhören gibt es bei unseren Kollegen von Hertz 87.9, dem Bielefelder Campusradio.

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Interzone" (2016)
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