Interview

Tobias Thomas (c/o pop)


Seit 2004 gehört die c/o pop in Köln zu den interessantesten und außergewöhnlichsten Musikfestivals in Deutschland. In Locations auf beiden Seiten des Rheins finden in diesem Jahr vom 23. bis zum 28. Juni Konzerte von Phoenix, Bonaparte, Die Sterne, Robyn und Parties mit Uffie, Timid Tiger, Bratze und vielen mehr statt. Mit Tobias Thomas, verantwortlich für das Festivalbooking, sprachen wir über den frühen Termin, die Fußballweltmeisterschaft und natürlich die Highlights der c/o pop.

Tobias, ihr seid dieses Jahr richtig früh dran, wie kommt's?

Tobias: Als die Popkomm nach Berlin umgezogen ist, haben wir den Termin bewusst besetzt, damit die Tradition weitergeht und an diesem August-Wochenende wieder etwas in Köln stattfindet. Es hat sich aber auch über die Jahre gezeigt, dass der mittlere bis späte August kein idealer Festivaltermin ist. Die Saison geht langsam zu Ende, viele Bands sind nicht mehr auf Tour oder haben schon auf anderen Festivals gespielt. Zudem sind zu dieser Zeit viele für den Businessbereich wichtige internationale Gäste im Urlaub. Dann haben wir nach der letzten c/o pop festgestellt, dass die GamesCom, die seit 2009 in Köln stattfindet, unabsichtlich für 2010 das dritte August-Wochenende als ihren Termin gewählt hat, da sie wohl dachten, wir seien auf dem zweiten. Auch das Politikum um den Umbau des Schauspielhauses und den Opernplatz, im letzten Jahr unsere Festivalzentrale, spielte eine große Rolle. Wäre dort im August gebaggert worden, hätten wir keine Zentrale mehr gehabt. Zu guter Letzt hat sich auch noch die Popkomm in Berlin neu aufgestellt, zusammen mit dem Hamburger Reeperbahn-Festival hätte es also innerhalb weniger Wochen drei ähnliche Festivals mit Convention in Deutschland gegeben und uns komplett die Zielgruppe verhagelt. Dazu kamen einige Gründe für den Juni-Termin. An diesem Wochenende sind außer dem Fusion-Festival keine weiteren größeren Festivals angesetzt, es ist eines der ersten Festivals, was das Booking erleichtert. Die ganzen Studenten und Schüler in Köln, die eine große Zielgruppe für uns darstellen, haben noch keine Ferien oder sind im Urlaub. Von der Stadt Köln und vom Medienforum NRW gab es das Angebot, für die Konferenz für diesen Zeitraum die Rheinparkhallen nutzen zu können. Die einzige Schwierigkeit ist vielleicht die Fußball-Weltmeisterschaft, die während der c/o pop voll im Gange ist.

Ist für die Fußball-WM denn irgendetwas geplant? Leinwände oder Fernseher bei Veranstaltungen?

Tobias: Es gibt auf jeden Fall viele Locations, die eh Fußball zeigen, wie der Stadtgarten oder das Gloria. Einzelne Partner haben es auch für ihre Veranstaltungen angekündigt, dass es Public Viewing gibt. Ich bin mir sicher, auch bei Chic Belgique wird es den ein oder anderen Laden geben, in dem Fußball gezeigt wird. Grundsätzlich haben wir aber für unseren Eröffnungsabend erst ab 23:00 Uhr Konzerte geplant, da um 20:30 die Partie Deutschland - Ghana stattfindet. Am Wochenende ist es ja noch unsicher, wann Deutschland spielt, Samstag Abend oder Sonntag Nachmittag, aber für den Zeitraum sind auch keine größeren Konzerte angesetzt. Wichtig ist es nur für die PollerWiesen, die je nachdem am Samstag oder Sonntag über die Bühne geht, das wird aber online bekannt gegeben. Wir hoffen auf einen positiven Vermischungseffekt zwischen Festival und Fußball.

Im letzten Jahr habt ihr mit 30.000 Besuchern einen neuen Rekord aufgestellt. Bist du guter Dinge, dass ihr die Zahl halten oder übertreffen könnt?

Tobias: Im Moment bin ich da noch ziemlich hin- und hergerissen. Das Programm taugt eigentlich dafür, die Zahl mindestens einzustellen. Wir haben mehr eigene Veranstaltungen, die früher eher Partner übernommen haben, haben neue Clubs dazugenommen, haben etwa 250 Künstler im Aufgebot. Aber es gibt natürlich auch noch einige Unsicherheiten. Wie kommt der neue Termin an, sind die Leute doch nur auf Fußball gepolt? Wird es 30°C, wird es 25°C, regnet es, ist es heiß? Wenn es regnet, fällt vielleicht eine andere Veranstaltung aus, dafür treibt es andere Leute an kühleren Tagen eher in die Clubs. Ich hoffe auf eine Eigendynamik wie im letzten Jahr und dass es von der Atmosphäre und der Wahrnehmung der Besucher ein gutes Festival wird. Ob es dann jetzt 20.000 oder 25.000 oder 30.000 Besucher sind, ist dann letztlich gar nicht so entscheidend.

Ihr verkauft Einzeltickets und Festivaltickets. Kann es passieren, dass im Zweifelsfall einer mit einem Festivalticket nicht in einen Club kommt, da Einzelticket-Käufer Vorrang haben?

Tobias: Da haben wir bis vor drei Jahren noch recht große Fehler gemacht, da wir es noch nicht besser wussten. Mittlerweile halten wir für unsere Veranstaltungen immer ein gewisses Kontingent an Plätzen für Besucher frei, die sich das Festivalticket kaufen und dafür 70€ ausgeben. Bei unseren Partnern versuchen wir immer sehr eindringlich, eine gewisse Kapazität freizuhalten und Besucher mit dem grünen Bändchen reinzulassen. Bei kleineren Veranstaltungen kann es schon einmal vorkommen, dass man erstmal nicht reinkommt und sich überlegt, okay, ich komm in 'ner halben Stunde noch mal vorbei oder gehe auf eine Veranstaltung. Besucher mit Einzeltickets kommen natürlich immer rein, bei Besuchern mit Festivalticket achten wir drauf, dass sie bevorzugt behandelt werden. Ich glaube, mittlerweile funktioniert das System ganz gut.

Habt ihr das dezentrale Festivalkonzept eigentlich bewusst gewählt oder war es nur unmöglich, einen festen Ort für das gesamte Festival zu finden?

Tobias: Ursprünglich wurde es bewusst als Festival angelegt, unter dessen Dach viele verschiedene Dinge an verschiedenen Orten in ganz Köln stattfinden. Die c/o pop ist ein Festival, das die Stadt Köln und den Sound of Cologne repräsentiert, das möglichst viele und ganz unterschiedliche Leute, Institutionen und Netzwerke in Köln miteinander verbindet. Das sehen wir auch als eine Art kulturellen und politischen Auftrag. Auf der anderen Seite träumen wir natürlich schon ein bisschen davon, einen eigenen Ort zu haben, den wir nach unseren Vorstellungen gestalten und bespielen können und der uns einen Aspekt bringt, den anderen Festivals haben. Kurze Wege, mehrere Hallen auf einem Gelände, ein gewisses Erlebnispotential an einem zentralen Ort, für den dann ausschließlich das Festivalticket zählen würde und für alle anderen Veranstaltungen drumherum gäbe es nur Einzeltickets. Dafür gibt es aber in Köln so gut wie keine Perspektiven. Die Immobilienlage und die Frage der Zwischennutzung von alten Immobilien und postindustriellen Arealen ist schwierig und völlig unterentwickelt. Obwohl wir mit Stadt und Land gut zusammenarbeiten ist es, was diesen Punkt angeht, sehr schwierig. Nicht umsonst haben wir in den letzten sieben Jahren fünf, sechs mal den Ort gewechselt, waren mal auf dieser Rheinseite, mal auf jener, sind jetzt wieder mit der Konferenz in den Rheinparkhallen, mit dem Festival aber eher in den Opernterrassen. Wir sind immer noch nomadisch in der Stadt unterwegs. Das ist schon Fluch und Segen gleichzeitig, es hält die Sache interessant und lebendig. Leute von außerhalb schwärmen im Nachhinein häufig von der Vielfalt und den verschiedenen Gesichtern des Festivals. Dass darunter Locations wie das abgewrackte After-Hour-Areal Odonien, die Philharmonie, ein schöner Konzertsaal wie das Gloria, aber auch ein Kellerclub wie das Studio 672 sind. Dass auf der Straße ein Bus mit verrückten Leuten vorbeikommt, die laut Musik hören oder machen. Dass es kostenlose Open-Air-Veranstaltungen gibt oder Sachen im Museum und im Kino stattfinden. Das würde schon fehlen, wenn das Festival nur an einem Ort wäre.

Gibt es eigentlich einen Shuttle-Service für die Besucher, die von einer Rheinseite zur anderen hoppen wollen?

Tobias: Nein, den gibt es nicht. Wenn wir das komplette Festival auf der anderen Rheinseite gemacht hätten, dann hätten wir uns wohl ganz viel Geshuttle überlegt, Fahrräder, Busse, Boote und mehr. Es ist einfach eine Kostenfrage. Wir müssen sehr viel für die Künstlershuttles investieren, eine Riesenaufgabe für so ein kleines Festival. Wenn wir jetzt auch noch Busse für alle Besucher stellen müssten, würde das die Kapazitäten sprengen. Und ich denke, es ist auch gar nicht so ideal für die c/o pop und Köln. Die Leute entscheiden sich oft total spontan, was sie machen wollen und würden auch gar nicht 20 Minuten auf einen Bus warten wollen, sondern laufen lieber mit ihren Freunden zum nächsten Club und kaufen sich noch was beim Büdchen. Das ist auch irgendwo entspannter, man muss sich keine Gedanken machen, wann der letzte Shuttlebus fährt, so fahrplanmäßig funktionieren wir gar nicht.

Zum Festival gehört eine Convention. Ist die eigentlich nur für die Businessgäste interessant?

Tobias: Ich glaube, das Konzertpublikum ist schon eher eine andere Zielgruppe, wobei ich persönlich denke, dass heutzutage die meisten Leute nicht mehr nur noch Konsumenten sind. Viele haben ein eigenes Blog oder ein Label, arbeiten bei irgendeiner Agentur mit, studieren und legen vielleicht noch irgendwo auf, sind in vielen Bereichen kreativ und haben das Bedürfnis, sich in diesen Bereichen weiter zu entwickeln und vielleicht auch irgendwann einmal Geld damit zu verdienen. Von daher steckt auch in dem einfachsten, unschuldigsten 20jährigen, der auf einem Konzert steht und sich ein Ticket gekauft hat, ein Konferenzteilnehmer von der inneren Haltung her. Ich fände es auch schön, wenn so Leute vermehrt zur Convention kommen würden, was wir insofern abdecken, dass wir in diesem Jahr sehr stark mit Universitäten kooperieren und für diese Leute Schüler- und Studententickets abdecken. Wir sind auch nach wie vor ein Festival und eine Konferenz, das sich an Independent-Leute und nicht unbedingt nur an Business-Leute mit Schlips und Kragen richtet. Das Spannende ist, wenn so ein junger Spinner auf einen Typen trifft, der total etabliert seine Firma führt und der totale Checker ist und schon drei Bücher geschrieben hat und die trotzdem noch etwas voneinander lernen und nebeneinander auf einem Konzert stehen können. Das vermischt sich am Ende zu dem, was die c/o pop auch ausmachen soll.

Wie lief das Booking in diesem Jahr? Habt ihr euch alle Wünsche erfüllt?

Tobias: Dieses Jahr war generell ein schwieriges Jahr. Die Booking-Szene ist sehr umkämpft, die Preise steigen ins Unermessliche und es gibt auch nicht so viele Bands, die so viele Kriterien erfüllen, wie im letzten Jahr zum Beispiel Whitest Boy Alive, die fernseh- und radiokompatibel sind, die ältere Leute kennen, gleichzeitig von den Kids geliebt und vom Spex- und Intro-Leser abgefeiert werden, die ihren Preis haben, aber noch keine sechsstelligen Summen fordern und trotzdem den Offenbachplatz füllen, sympathisch sind und so weiter. Solche Glücksfälle hat man nicht jedes Jahr, wie auch mit The Notwist und Beirut. Das zu wiederholen, war sehr schwierig. Ich wollte gerne Final Fantasy in der Philharmonie haben, das hat leider nicht geklappt. Auf der anderen Seite sind viele Sachen, die jetzt im Programm sind, absolute Wunschbands. Bei den ganz kleinen Bands, die ich auf anderen Festivals gesehen habe, hat es immer geklappt. Dazu gehören Post War Years, Pony The Pirate (s. Foto), The Popopopos aus Frankreich, Helgi Jonsson, Diamond Rings, viele kleinere Bands, die noch Geheimtipps sind und bei denen ich wahnsinnig viel Freude hatte, als ich sie das erste Mal gesehen habe und das gerne weitergeben möchte.

Hast du zum Abschluss noch einen Geheimtipp für alle Festivalbesucher?

Tobias: Meine persönliche Herzensangelegenheit ist auf jeden Fall der Internationalpark im Stadtgarten am Donnerstag und am Freitag. Dort spielen ganz viele Bands, die nicht in die Kategorie große Namen fallen, aber jede ist für sich sehr sehenswert und liebenswert und ich würde mich freuen, wenn das einigen Zuspruch findet beim Publikum.

Photo: Pony The Pirate, Pressefreigabe c/o Pop

Martin Korbach

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