Interview

The Thermals


Die Thermals genau während des konzertvorbereitenden Yoga-Workout gestört, erfahren, dass Hutch Harris gerne Menschen töten würde und dass das nächste Thermals-Album womöglich Alf thematisiert. Hutch Harris (s. Foto links, Gesang/Gitarre), Kathy Foster (mitte, Bass-Gitarre) und Westin Glass (rechts, Schlagzeug) luden beim diesjährigen Phono-Pop-Festival zum lustigen und zugleich "toternsten" Plausch.

Angenommen, ihr müsstet euch entscheiden. Lieber Gras oder Whiskey?

Westin: Wir müssen uns wirklich eins aussuchen?

Hutch: Ich nehm Gras. Gras hat noch niemanden zum Weinen gebracht. Hat es dich mal zum Weinen gebracht, Westin?

Westin: Keine Ahnung, ob ich davon schon weinen musste, auf jeden Fall hat es mir schon das ein oder andere Mal Angst gemacht.

Hutch: Mein Geisteszustand hat sich jedenfalls dadurch noch nie komplett verdunkelt, ich hab noch nie die Gefühle von jemandem dadurch verletzt oder musste mich für etwas entschuldigen, weil ich Gras geraucht hab. Daher die Entscheidung.

Kathy: Ich mag beides!

Zweite Frage: "Full Metal Jacket" oder doch lieber "Easy Rider"?

Westin: Easy Rider?

Hutch: Definitiv Full Metal Jacket!

Kathy: Ich stimme zu.

Vinyl oder CDs?

Hutch: Mp3!

Westin: Super-minderwertige MP3! Oder Streaming. So richtig beschissen komprimiertes Streaming. Für mich muss es schön funkelnd und doch kross und knusprig klingen und ein bisschen nach Musik aus einer Zuckerwatte-Maschine.

Hutch: Ich fasse in meinem Haus wirklich keinerlei Medien mehr an und ich meine das ernst. Fernsehen heißt für mich einfach über Netflix oder einen Kanal Filme abrufen und Musik streame ich nur noch beziehungsweise manchmal geh ich auch auf iTunes. Aber ich fasse Musik gar nicht mehr an, was wirklich ekelerregend und schrecklich ist.

Kathy: Ich hör mir viel Vinyl an.

Hutch: Ja, Kathy ist die Gute.

Ist "Punk" tot?

Hutch: Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich ist er gestorben, als die Ramones ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hatten. Ähm ne, die Sex Pistols...

Was ist Punk für die Thermals?

Hutch: Ich mag die zweite Punk-Welle besonders, wie beispielsweise Minor Threat. Die zweite englische Welle mit Bands wie The Addicts oder Subhumans ist ziemlich cool, aber auch das ganze L.A.-Zeugs wie Adolescents oder X. Weißt du, wir sind aber auch in der Zeit groß geworden, als Green Day und Operation Ivy gerade aufkamen und wir die einfach großartig fanden. Ich weiß gar nicht, ob ich eine wirklich "neue" Punk-Band kenne. Ich finde, Punk ist was mit Irokesenschnitt und Nieten auf der Lederjacke, um ehrlich zu sein. Das ist Punk für mich.

Guided By Voices wird sehr oft als einer eurer größten Einflüsse zitiert. Was haltet ihr vom neuesten Release der Band?

Hutch: Welcher genau? Die neue Platte, die heute morgen erschienen ist oder die, die vor zwei Tagen erst rauskam?

Kathy: Ich hab den Überblick verloren und von den neuen Platten kaum eine angehört. (lacht)

Und sind sie ein großer Einfluss?

Hutch: Nun gut, die ersten 30 Platten schon, aber nicht die neuesten 30. Es gibt einige unserer Songs, z.B. "No Culture Icons", die ein bisschen wie Guided-Songs für mich klingen.

Kathy: Hast du dir die Band angehört zu der Zeit, als der Song entstanden ist?

Hutch: Nee.

Kathy: Dann wars ja kein direkter Einfluss!

Hutch: Doch, war es! Ich hab mir in der Zeit davor die "Alien Lanes" verdammt oft gehört. Und das, was du gehört hast, schwirrt ja immer irgendwo in deinem Unbewussten umher.

Kathy: Wenn ich sagen müsste, was mir an ihnen gefällt, dann zunächst mal die Low-Fidelity. Außerdem mag ich, wie sie Alben mit sowohl kurzen, vollständigen Songs als auch einfachen Ideen und Song-Fragmenten konzipiert haben. Und noch dazu mochte ich sie live.

Du glückliche!

Kathy: Ja, ich hab sie 1995 gesehen. Jetzt ist es zu spät! (lacht)

Jetzt haben wir so viel über Bands, die ihr mögt, erfahren. Gibt es eigentlich auch deutsche Bands, die ihr mögt? Immerhin seid ihr schon viel Male durch Europa getourt und habt da sicherlich einige gesehen?

Kathy: ja, es ist die dreizehnte Tour hier. (wie aus der Pistole geschossen).

Hutch: Echt? Unglaublich. Also deutsche Bands? Ich kenne Kraftwerk, ich liebe Cluster,...

Kathy: Can sind cool.

Ach kommt, das sind echt die, die fast alle nennen würden neben Rammstein.

Hutch: Neuere Bands kenne ich ehrlich gesagt kaum.

Ich hätte bei euch jetzt auf The Notwist oder so getippt, um ehrlich zu sein. Die kennt ihr sicher.

Westin: Die sind cool. Die mag ich!

Hutch: Ja, Notwist sind sehr gut. Ich dachte immer, die wären Holländer. (schaut die anderen Bandmitglieder fragend an)

Jetzt aber wirklich mal mehr zu euch und eurer Musik! Viele eurer Verse könnte man mit einem Ausrufezeichen am Ende versehen, wenn sie Hutch so lauthals hinausschreit und viele eurer Songs beziehungsweise Platten hatten auch schon offensichtliche, politische Aspekte. Geht es bei den Thermals mehr um Ausgelassenheit und Spaß oder nehmt ihr die Themen in eurer Musik doch sehr viel ernster?

Hutch: Es ist uns schon ernst damit, was wir in unserer Musik mitzuteilen versuchen. Hm, aber es ist schon auch Ausgelassenheit vorhanden. Ich glaube nicht, dass das eindeutig ist.

Westin: Wir haben ernsthaft Spaß! (alles lacht)

Hutch: Weißt du, uns geht es nicht darum, uns zu beschweren über etwas. Es gibt viel Punk-Musik, in der sich jemand über irgendetwas beschwert. Bei uns geht es mehr darum zu feiern, dass alles so beschissen ist.

Sub Pop, die eure ersten drei Alben veröffentlicht haben, haben erst kürzlich Reissues von euren ersten Platten rausgebracht. Was ich schon immer mal wissen wollte: Wie fühlt sich eine Band, deren Alben neu aufgelegt werden? Geehrt oder womöglich doch sogar alt?

Kathy: Ich fühl mich nicht alt! (lacht) Nö, es fühlt sich schlicht und einfach gut an. Die ganzen ersten Platten waren ausverkauft und Sub Pop wollte dann eine Neuauflage machen. Es wurde auch echt Zeit, dass die endlich rauskommen. Wir sind einfach happy, dass es die Dinger wieder gibt.

Westin: Außerdem war es cool, dass die da eine so große Sache draus gemacht haben, mit farbigem Vinyl und so.

Mit "Personal Life", eurer vorletzten Platte, konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich eure Musik zunehmend in Richtung cleanerem Power-Pop bewegt und nicht mehr ganz so ungestüm und wütend klingt wie zuvor. Naja, den Eindruck dieser Entwicklung habt ihr mit "Desperate Ground" ja sehr eindeutig widerlegt. Wie kam es dazu?

Kathy: Wir waren von den alten Alben etwas gelangweilt.

Echt?

Hutch: Wir müssen ja dieselben Songs wieder und wieder spielen. (lacht)

Kathy: Wir wollten wieder wilde, laute, übersteuerte Songs machen. Solche wollten wir wieder spielen.

Ihr habt mal erwähnt, dass "Desperate Ground" unter anderem durch ein altes, chinesisches Buch von Sunzi, "Die Kunst des Krieges", inspiriert wurde.

Hutch: Ja. Das Buch erzählt keine Geschichte oder ähnliches, sondern es ist eine Art Handbuch. Es ist allerdings sehr poetisch geschrieben. Den Titel "Desperate Ground" haben wir unter anderem aus "Die Kunst des Krieges" entnommen. Es finden sich wirklich starke Ausdrucksweisen in dem Buch. Sehr intelligente Inhalte finden sich darin ebenso. Klar ist es ein altes Buch, aber es lässt sich auch heutzutage noch "anwenden". Schau, Rom ist inzwischen untergegangen und Bush oder irgendwer sonst, der einen Krieg angezettelt hat, wie im Irak zum Beispiel, ist zwar keinesfalls unschuldig, hätte aber dieses Buch lesen müssen, wenn er denn je einen wirklich erfolgreichen, kurzen, guten Krieg hätte führen wollen.

Was ist ein guter Krieg?

Hutch: Normalerweise will ja niemand in den Krieg ziehen. Es ist eine sehr teure Angelegenheit, es ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen und Menschen. Schau, China hatte damals diese riesige, mächtige Armee und sie haben versucht, sie möglichst nie einzusetzen. Danach ist ein erfolgreiches Militär ein solches, das eigentlich gar nichts machen muss. Und das, was die USA machen, ist ja genau das Gegenteil davon. Sie schicken die eigenen Leute weg und lassen sie fernab der Heimat sterben. Nicht gerade klug...

Du hast mal versucht, "Desperate Ground" so auf den Punkt zu bringen, indem du gesagt hast, es sei ein Album übers Töten. Hat Krieg heute sich nicht total verändert und Töten bedeutet heutzutage, ein Knöpfchen zu drücken, das zig Menschen am anderen Ende der Welt umbringt?

Hutch: Es heißt ja immer noch, dass Menschen umgebracht werden. Aber ja, es geht bei dem Album mehr um die Schlacht als um einen Drohnenkrieg.

Was fasziniert dich so am Töten?

Hutch: Es ist etwas, was die Menschen mehr als alles andere machen. Sie töten sich gegenseitig. In der Vergangenheit haben sie es immer getan und ich sehe nicht, dass sich das jemals ändern wird. Es geht dabei nicht bloß um das Lösen von Problemen zwischen Staaten, sondern auch zwischen zwei Personen. Das Album ist zum Großteil aus der Sicht einer Person geschrieben und zumeist geht es mehr um das Verlangen zu Töten als um stumpfe Gewalt. Ich glaube, dieses Verlangen ist etwas zutiefst Menschliches. Überleg mal: Warum gibt es Gesetze? Die Leute würden sich ständig gegenseitig umbringen! (wird laut)

Gibt es oft Situationen, in denen du am liebsten jemanden umbringen würdest?

Hutch: ich würde sagen, ja. (lacht)

Irrwitzigerweise endet die neue Platte mit dem Song "Our Love Survives". Ein klassisches Liebeslied? Ist es überhaupt ein Liebeslied?

Kathy: Ja, ist es.

Hutch: Es ist ein gewalttätiger Love-Song. Kathy meinte, wir brauchen auf der Platte einen Love-Song, also haben wir einen geschrieben. Der Song ist ein bisschen so wie Bonnie und Clyde.

Bekommen wir als nächstes von den Thermals ein Konzept-Album mit lauter Love-Songs? Das wäre doch was.

Hutch: Das gibt es schon. Das ist "Personal Life".

Westin: Wahrscheinlicher ist ein Konzept-Album über Alf. Den kennst du, oder?

Achim Schlachter

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Rezension zu "We Disappear" (2016)
Rezension zu "Desperate Ground" (2013)
Rezension zu "Personal Life" (2010)
Rezension zu "Now We Can See" (2009)
Rezension zu "The Body, The Blood, The Machine" (2006)

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