Interview

The Spinto Band


Ich begebe mich ins noch nie von mir besuchte Mandarin Kasino, um ein Gespräch mit einem der durchgeknallten Southerners von der dementsprechend noch viel durchgeknallteren Spinto Band zu führen. Ich habe zu dem Zeitpunkt keine Idee oder Ahnung von dem, was bereit war, auf mich zuzukommen. Ich hab mich auf ein kurzes verschrobenes Gespräch mit einem von denen eingestellt, wenig Worte, viele Uhhs und Ähhms und dazwischen meine blöden Fragen. Nichts dergleichen: Die gesamte sechsköpfige Band unterhält sich mit mir über Gott und die Welt, dies und das und so ziemlich über den ganzen Rest. Dementsprechend unmöglich ist es für mich, mit meinem kleinen Aufnahmegerät die Stimmen irgendwelchen Gesichtern und Namen zuzuordnen, das tut mir im Nachhinein zwar sehr leid, doch muss man dieses Kollektiv sowieso als Individuum verstehen. Und in diesem Sinne wünsche ich viel Spaß:

Hi Jungs, vorhin bei der Bandprobe, das war spitze. Diese Energie und Wut. Ihr klingt viel abgezockter und tanzbarer, als man das auf den ersten Höreindruck erwarten möchte.

Band: Ein Publikum das nicht tanzt, ist nur ein halbes Publikum, oder vielleicht auch nur ein Viertel oder Dreiviertel, auf jeden Fall kein ganzes. Wenn die Leute nicht denselben Spaß wie wir haben, dann machen wir was falsch, und dass wir immer Spaß haben, darauf kannst du Gift nehmen. "The Kieeetz is going to be spintoed".

Ich bin sehr gespannt, aber meint ihr nicht, dass es recht schwer ist, ganz Musik-Hamburg herzulocken, wenn ihr 18 € nehmt?

Band: 18 €? What the ****? Ist das ein Scherz? Was zur Hölle soll das?

An dieser Stelle holen sie ihren Tourmanager.

Band: Alter, wir kosten 18 €. Was soll der Scheiß?

Tourmanager: 18 €? Bitte? Das kann doch nicht sein...diese verfluchten...

Lasst uns lieber über etwas Angenehmeres reden. Wie ist eure Tour bislang, was habt ihr mitgenommen?

Band: Oh, wir haben sehr viel dazugelernt. Wir sind ja das erste Mal in Deutschland und das Publikum hier ist interessant. Von Menschen, bei denen du glaubst, sie hörten David Hasselhoff, bis zum militanten Independent, ist alles vertreten. Das finden wir großartig, diese Bandbreite spiegelt auch uns als Band wieder. Im Grunde sind wir ja einfach nur Jungs, die das Glück haben, gemeinsam zu funktionieren und sich gegenseitig zu lieben, aber im Herzen sind wir Musikfans so wie die, die zu unseren Shows kommen. Das neue und leider letzte Grandaddy-Album, das ist himmlisch. Richtige Musik bedeutet uns allen mehr als unsere eigene...

Richtige Musik? Was macht ihr denn, wenn nicht richtige Musik...

Band: Ach tu nicht so, du weißt genau, was wir meinen.

Euer Sound ist ja nicht unbedingt massenkompatibel.

Band: Das ist auch gut so. Es gibt viele tolle Musik, die zwar nicht massenkompatibel ist, die trotzdem gut ankommt. Schau dir die Mystery Jets an, großartige Jungs. Oder Clap Your Hands Say Yeah und Dr. Dog. Das sind alles Menschen, die für Musik sterben würden, genau wie wir.

Und Hassbands habt ihr auch?

Band: Whoah...Nickelback! Nickelback sind unser Feindbild.

Ich würde meine Seele für einen Song wie "This Is How You Remind Me" verkaufen. Reich durch so einen Mist. Gott...

Band: Du solltest deine Seele für gar nichts verkaufen. Kennst du die Folge, in der Bart an Muilhouse seine Seele verkauft? Das ist doch nicht schön. Für was würdest du noch deine Seele verkaufen?

Ich schätze für ein Lollapalooza-Ticket.

Band: Das ließe sich arrangieren, du müsstest nur hier unter...nein, Quatsch, wir machen Spaß. Behalt deine Seele, später wird sie dir noch nützlich sein. Außerdem kannst du ohne Seele doch gar nicht mehr Musik genießen.

Da ist was dran.

Band: Willst du ein Bier? Heute hast du Freibier.

Oh, äh....Danke.

Band: Wir dürfen nicht soviel trinken, deshalb geben wir es lieber dir. Ihr Deutschen mögt doch Bier, oder?

Naja, ihr Amerikaner nicht?

Band: Wir sind noch zu jung für sowas. Noch nicht auf den Geschmack gekommen. Ihr in Europa fangt ja an, euch bereits mit 12 abzuschießen. Da spielen wir noch mit Actionfiguren.

Es sollte Spinto Band-Actionfiguren geben.

Band: Ja, großartige Idee. Hier nimm noch ein Bier...

Ich hab doch vom ersten gerade einmal einen Schluck getrunken.

Band (alle zusammen): TRINK!

Na gut, Danke.

Band: Hättest du noch einen Arm, dann gäben wir dir noch eines. Ja, wenn wir als Band die Actionfiguren sind, dann seid ihr Musikpresseleute die dazugehörigen Bösewichter, die Villains. Du bist The Horrible Music Journalist mit den vier Armen und dem Aufnahmegerät. Und du schießt mit leeren Bierflaschen. Tagsüber arbeitest du in einer Videothek und schielst nach sexy Musikern (alle lachen).

Das ist eine grandiose Vorstellung.

Band: Finden wir auch. Wir sollten einen Song darüber schreiben. "The Spinto Band vs. The Soul-Selling Music Journalist League From Outer Space And Hell".

Das könnte ein Hit werden. Gibt es denn schon Pläne zum neuen Album?

Band: Wir sind im Kopf ja mit dem ersten noch gar nicht fertig. Opa Spinto hat gesagt, ähnlich wie Konfuzius, nur besser: Wenn du glaubst, mit etwas fertig zu sein, mach ein Photo und arbeite dann weiter daran. Nach einer Zeit wirst du das Photo sehen und wissen, dass du zu dem Zeitpunkt noch gar nicht fertig warst. Dann mach noch eins. Und irgendwann hast du ganz viele Photos und bist tot.

Wow. Opa Spinto war eine sehr große Inspiration, oder?

Band: Die allergrößte für uns. Ohne ihn gäbe es uns nicht. Er ruhe in Frieden.

Ich bin beeindruckt. Das ist das merkwürdigste aber auch lustigste Interview, das ich je geführt habe.

Band: Dann nimm noch ein Bier. Sag mal, druckst du den ganzen Quatsch hier so eigentlich auch ab? Ich meine, du könntest über Probleme in der Welt schreiben und Menschen darauf aufmerksam machen, stattdessen schreibst du über sechs Jungs die Musik machen. Ist das keine Papierverschwendung?

Ähh....ähhm...naja, der Treibstoff mit dem ihr nach Europa geflogen worden seid, hätte auch dazu genutzt werden können, Wasser nach Afrika zu fliegen.

Band: Wow. Da ist was dran. Okay, 1 zu 0 für dich, aber das nächste Mal kriegen wir dich. Wie lebt es sich eigentlich in Deutschland?

Oh, ich kann mich nicht beklagen. Eigentlich soweit alles gut.

Band: Das freut uns.

Das freut mich.

Band: Jetzt, wo wir uns alle freuen, wollen wir was vom kalten Buffet nehmen? Willst du?

Oh, nein vielen Dank, ich will euch euer Essen nicht wegschnappen.

Band: Glaub uns, wir können Touressen nicht mehr sehen. Es gibt ja in jeder Band den Vegetarier, genauso bei uns, der ist zufrieden, aber manche vermissen schon das Steak daheim.

Wieso geht ihr nicht essen?

Band: Wir können uns nie auf die Bestellung einigen.

Jeder kann doch was anderes bestellen, oder?

Band: Wow. Das haben wir so noch nie gesehen. Leute, das müssen wir mal ausprobieren.

Man kann zwischendruch auch einfach vom anderen Teller was nehmen.Und gegenseitig voneinander probieren.

Band: Nein, jeder bleibt schön auf seinem Teller. Das sind die ureigenen Revierinstinkte, das stammt noch aus der Steinzeit.

Spielt ihr für mich den Gummy Bear-Song?

Band: Haha, du kennst den Gummy Bear-Song? Der ist großartig, oder? Der beste Song der Welt. Wir sehen was sich machen lässt.

Ich danke für das tolle Interview.

Band: Nimm noch ein Bier.

Später haben die Jungs dann vor ca. 40 Leuten die großartigste Show geboten, die das Mandarin Kasino jemals beherbergte. Mit Kazoos natürlich. Zweimal wurde mir riskanterweise dann noch ein Beck's von der Bühne geschmissen und ich hab verstanden, warum diese Jungs so tolle Musik machen. Auf die Freundschaft. Cheers!

Konstantin Kasakov

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