Interview

The Rural Alberta Advantage


Im Oktober 2014 haben The Rural Alberta Advantage ihr zweites Album herausgebracht. Endlich! Drei Jahre hatten es die Musiker um Nils Edenloff ruhiger angehen lassen. Verlernt haben The RAA aber dennoch nichts: Die Bühne des Berliner Lido wurde an diesem Abend jedenfalls souverän gerockt. Im Gespräch vorher sind Nils, Paul und Amy gesprächig und plaudern über Angst im Wald und ausgeprägte Rhythmen.

Du trinkst Tee?

Nils: Ja...ich würde gerade zwar sehr gerne deutsches Bier trinken, aber es geht nun auf das Ende der Tour zu und da reicht es dann ja auch irgendwann.

Ja, stimmt. Ihr habt heute eure vorletzte Show, bevor es zurück nach Toronto geht. Wie war die Tour für euch?

Nils: Es waren zwei Monate hartes Touring.

Paul: Ja aber eigentlich war es echt cool. Die Leute sind gekommen, um uns zu sehen, das ist das Wichtigste. Außerdem touren wir mittlerweile ziemlich bequem, nicht so wie am Anfang, wo es noch sehr hart war. Jetzt haben wir unterwegs sogar etwas Privatsphäre und Zeit für uns und können uns mehr darauf konzentrieren, Freunde zu sein.

2014 war ein ziemlich gutes Jahr für euch: Ihr habt euer Album "Mended With Gold" veröffentlicht. Das wurde, nachdem man drei Jahre darauf warten musste, sehr gut aufgenommen von Fans und Presse. Ich habe eine Rezension zu eurer Platte gelesen, in der ein interessantes Statement stand: "If you care for drums at all, 'Mended with Gold' is a must listen". Stimmt es, dass die Rhythmussektion ein so wichtiger Teil eurer Musik ist?

Nils: Ich denke schon. Ich meine, die Songs wachsen ja zwischen uns dreien und die Drumparts nehmen da einfach einen großen Teil ein, schon beim Schreiben. Die Songs sollten so groß und stark auf Platte wirken wie auf der Bühne und da gehört ein dominantes Schlagzeug für uns eben dazu.

Paul: Wir sind da auch einfach auf derselben Wellenlänge. Egal, ob die Songs sehr laut oder schnell oder sonst was sind, sie sind rhythmisch sehr ausgereift. Aber es ist dennoch der Gesamtsound, der dabei wichtig ist. Das eine beeinflusst ja auch immer das andere: Ob es nun in dem einen Moment Nils Stimme ist oder alles, was Amy an ihren Instrumenten macht, das alles reagiert ja aufeinander und entwickelt sich, auch der Teil am Schlagzeug entsteht so. Es ist aber schön, dass jemand das so herausstellt, dennoch sind es eben viele einzelne Elemente, die zusammenkommen.

Wie sieht es denn aus, wenn dann die Elemente zusammenkommen? Ich habe gelesen, dass "Mended with Gold" auf Tour entstanden ist. Wie war denn das konkret?

Amy: Anfangs sind das nur Impulse, die zu einem Skelett werden. Danach arbeiten wir alle sehr stark zusammen. Ich spiele zum Beispiel einen bestimmten Sound auf dem Keyboard, dazu kommt dann der Rhythmus und so weiter. Das haben wir dann auf der letzten Tour immer sofort ziemlich einfach aufgenommen und es uns dann am nächsten Tag im Tourbus angehört und es dann sofort bewertet und überlegt, wie man es besser machen müsste. Als wir dann nach der Tour ins Studio gegangen sind, hatten wir alle schon sehr viel Gefühl dafür, wo es langgehen soll und wie wir arbeiten wollen. Dadurch hatten wir auf den Songs der Platte sehr viel Zeit für die Feinarbeit.

Ich habe auf eurer Homepage gelesen, dass ihr mit "Mended with Gold" das nächste Level erreicht habt. Was genau ist denn dieses nächste Level? Und vor allem: Was ist das übernächste Level?

Nils: Oh...keine Ahnung! Wir schreiben diesen Mist nicht! (lacht)

Dann solltet ihr vielleicht mal mit den Leuten sprechen, die diese Worte über euch schreiben!

Amy: Also ich für meinen Teil kann sehr bestimmt sagen, dass ich das aktuelle Level sehr gut finde! Wir sind nach dreieinhalb Jahren in Europa und die Leute kommen, um uns zu sehen. Wir füllen außerdem größere Locations als vorher. Das ist fantastisch und fühlt sich wirklich super an! Genau das ist es, was wichtig ist: Wir machen das hier immer noch und wir mögen, was wir tun. Das gefällt mir wahnsinnig gut!

Das kann ich gut verstehen! Euer Album ist streckenweise sehr emotional. Außerdem sind einige deiner Texte in kompletter Einsamkeit entstanden, Nils. Du warst alleine in einer Hütte im Wald und hast dort an den Texten gearbeitet und erzählst in einem Interview, dass du sehr starke Angst dort draußen hattest. Meinst du, dass extreme Gefühle wichtig sind, um Musik zu schreiben?

Nils: Also, ich bin immer schon durch starke Empfindungen inspiriert worden, ob es nun Liebe oder Verlust ist. Mir würde es auch schwer fallen, mit meinen Zuhörern eine Verbindung aufzubauen, wenn das, worüber ich singe, mich so gar nicht berühren würde. Ich hoffe sehr, dass es nicht immer die krassesten Gefühle sein müssen, um inspiriert zu sein, allerdings ist es definitiv ein Weg für mich, Musik zu schreiben.

Es erscheint mir, dass jeder Musiker einen bestimmten Zugang zu den eigenen Stücken hat. Ich hab in Gesprächen mit Künstlern schon so oft gehört, dass sie davon berichten, dass sie einen Song schreiben, ohne wirklich zu wissen, worüber – und wenn sie sich ihren Song dann eine oder zwei Wochen später noch mal anhören, gibt es diese Erkenntnis "Oh, richtig! Das scheint mich beschäftigt zu haben!" Ist das bei dir auch so?

Nils: Manchmal ist das sehr verwirrend, wie stark sowas ausgeprägt ist! Ich habe im Wald mehrere Wochen verbracht und an den Songs gearbeitet. Als ich zurück gekommen bin, hatten meine damalige Freundin und ich eine Unterhaltung, die ich jetzt als Anfang vom Ende unserer Beziehung werten würde. Wir haben uns dann auch letztendlich getrennt. Als ich Monate später nochmal diesen einen Song angehört habe, der damals im Wald entstanden ist, habe ich plötzlich bemerkt, dass ich das Ende dieser Beziehung damals schon vorhergesehen habe. Das war erschreckend! Das ist aber natürlich nicht immer so, aber Musik kann schon wirklich auch therapierend wirken!

So, die letzte Frage: Wir haben drei Jahre auf eure aktuelle Platte gewartet, müssen wir auf die nächste auch so lange warten?

Paul: Nee. Dieses Mal sind es dann sechs Jahre. So doppelt sich das dann ab jetzt! (lacht)

Nils: Genau! Wir lassen alle warten! (lacht) Keine Ahnung, was passiert. Wir gehen im nächsten Jahr wieder auf Tour, darauf freuen wir uns!

Silvia Silko

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Rezension zu "The Wild" (2017)
Rezension zu "Mended With Gold" (2014)

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