Interview

The Jai-Alai Savant


Wenn eine Band fünf Jahre benötigt, um ihr Debütalbum zu veröffentlichen, dann ist irgendetwas schief gelaufen. Ralph Darden, Sänger und Gründer von The Jai-Alai Savant, erzählt uns, wo genau die Probleme lagen, wie er mit Eiscreme die Welt retten könnte und was um alles in der Welt das Superheldenkonzept hinter "The Flight Of The Bass Delegate" soll. Was man während des Interviews aber vor allem merkt, ist seine Freude darüber, endlich das passende Line Up für seine Band gefunden zu haben. Um es mit den Worten von Cursive zu sagen: Art is hard.

Habt ihr mitbekommen, wie die Vorband euren Namen ausgesprochen hat?

Ralph: Tschai Alai...

...Sawoi.

Ralph: (lacht) Das ist nicht so schlimm. Irgendwie scheint jeder damit Probleme zu haben.

Michael Bravine: (Drummer bei Jai-Alai Savant; Anm. d. A.) Später haben sie sich noch verbessert und Hai Alai gesagt.

Oh wirklich? Dann war's wohl ein Scherz.

Ralph: Weißt du was? Ähm, Stichwort Eiscreme. Ich habe vor kurzem mit einem Freund Eis gegessen und war an diesem Tag wirklich scheiße gelaunt, und ich sagte so "mir geht's wirklich scheiße, aber lass mich erstmal mein Eis zu Ende essen". Und ich dachte mir, selbst der härteste, böseste Arsch liebt Eiscreme. Also, zum Thema mittlerer Osten, einfach hinfliegen, ein paar Kühltruhen voll Eis fallen lassen und die Leute werden sagen: "Ich bringe dich um, du Penner... Oh schau mal, da ist Eis."

Man wird aber die ein oder andere Packung benötigen. Erzählt doch mal von der Tour. Martin (der Tourmanager, Anm. d. A.) meinte, Köln sei ziemlich gut gewesen.

Ralph: Es war ein ständiges auf und ab. Die letzten paar Tage waren wirklich gut, eigentlich war das ab London schon so, aber anfangs lief es nicht so toll. In Manchester waren zwei Typen da, die zufällig reingeschneit sind, Nottingham war auch sehr schwach. Irgendwann ist man dann schon so weit, dass man sich freut, wenn zehn Leute zu einer Show kommen. Aber in London kam die Sache dann richtig ins Rollen. Das beste Konzert überhaupt war vor ein paar Tagen in Wien. Leute, Licht, Sound, da passte alles. Aber auch Würzburg gestern war gut.

Ihr seid ja ziemlich viel in Deutschland unterwegs, beziehungsweise in Europa. Habt ihr denn überhaupt noch Zeit, in den USA zu touren oder stellt ihr das hinten an? Ich meine, selbst auf Pitchfork konnte ich keine Rezension zu eurer Platte finden. Das ist schon etwas seltsam.

Ralph: Wir sagen immer so: "Ok, die Leute in Europa mögen uns, fuck the states." Was Pitchfork angeht, bin ich auch etwas ratlos. Eigentlich wurde uns bestätigt, dass etwas zu unserem Album veröffentlicht wird, aber bisher kam da nichts.

Das Band-Line-Up hat sich in der Vergangenheit ständig verändert. Erzähl doch mal, wie du zu der jetzigen Konstellation mit Michael und Dan gekommen bist.

Ralph: Ich war in so vielen unterschiedlichen Bands und Projekten, dass ich mir irgendwann mal sagte, fuck that, jetzt will ich endlich etwas machen, hinter dem ich wirklich zu 100% stehen kann. Also habe ich angefangen, mir Leute zu suchen, mit denen ich arbeiten kann. Das hat sich aber als ziemlich schwierig herausgestellt. Mit dem ersten Drummer kam ich nicht zurecht, der zweite, Jeremy Gewertz, spielte auch noch bei An Albatross und war ständig mit denen auf Tour. Chris Wilson von Ted Leo & The Pharmacists war der Ersatz, wenn Jeremy nicht da war. Dann hatten wir auch noch einen zweiten Gitarristen, der aber leichte Bühnenangst hatte und auch lieber in seiner Garage oder im Keller musizieren wollte. Ein anderer hatte wirklich unglaubliche Bühnenangst, und mit dem gab es auch ein einschneidendes Erlebnis auf Tour. Es war in Chicago und...

Michael: Erzähl das lieber nicht.

Ralph: Ok, lass mich nur soviel sagen. Wir waren in Chicago, und er wurde ziemlich krank. Einer hat dann noch die Band kurz vor dem South by Southwest Festival verlassen, ich glaube das war vor drei Jahren. Auch Mike Ali, unser damaliger Bassist wollte nicht mit dorthin, weil seine Freundin schwanger wurde. Du musst dir immer vor Augen halten, dass das alles super Musiker sind, aber es hat einfach nicht funktioniert. Wegen der Sache mit Mikes Freundin, habe ich Dan gefragt, ob nicht er mit zum South by Southwest wolle. Er hat sofort zugesagt, wir haben zwei Mal geprobt und sind dort hin gefahren. Dan, Jeremy und ich.

Und das Konzert war klasse?

Ralph: Genau, jetzt kommt das Problem. Es war nicht die supertolle Heldengeschichte, die es sein sollte. Stattdessen war es ein Desaster. Gleich in den Anfangssekunden des ersten Songs spielte Dan einfach in einer komplett falschen Tonart. Und zwar nicht so, dass wir einfach weiterspielen konnten - nach dem Motto, das merkt doch sowieso niemand. Sondern wir mussten abbrechen und so weiter, es war eine einzige Katastrophe. Dazu kam eben, dass wir alle 800 Meilen voneinander entfernt wohnten. Deswegen beschloss ich, das Ganze in Chicago neu aufzubauen - mit Dan zusammen, nur Drummer hatten wir keinen. Also sprach ich mit Ikey von Mars Volta und er meinte, er kenne einen guten Drummer, der in diesem hippen Coffeeshop Filter arbeitet. Ich ging dorthin und fragte, ob sie einen Typen namens Michael kennen, der wohl aus Frankreich kommt und zuvor in LA gewohnt hat. Und man darf nicht vergessen, während dieser ganzen Geschichte habe ich zusammen mit Mike Ali und Jeremy Gewertz die Tracks für das Album "Flight Of The Bass Delegate" fertig gemacht. Jedenfalls: Michael war an diesem Tag nicht da, und so hinterließ ich ihm eine Nachricht. Am nächsten Tag hat er mich dann angerufen, und wir haben uns zum Essen getroffen, um über alles zu reden. Und ich war wirklich beeindruckt und hatte sofort das Gefühl, dass es Schicksal war, dass alles so seltsam abgelaufen ist und dass es jetzt endlich ein gutes Ende finden würde. Also kam er am nächsten Tag zu mir, und wir spielten zu zweit, weil Dan noch dabei war umzuziehen, und er legte so los (imitiert einen verspielten Schlagzeugzeugbeat), und ich dachte mir "alright, yeah. das ist super." Nach zwei Tagen hatte er dann die Grundlagen für die ganzen Songs gelernt, und ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich hier mit jemandem spiele, der mich zu einem besseren Musiker macht. Es fühlte sich an als wären wir 16 und hätten gerade unsere erste Band gegründet. So "oh mein Gott, wir haben ne Band, wir haben ne Band". Ich habe immer Bands bewundert, die ausgehend von einer Stilrichtung irgendetwas neues gemacht haben, und wenn ich mir unsere Lieder so anhöre, dann habe ich das Gefühl, dass es bei uns auch so ist. Das ist wirklich unbeschreiblich. Vor allem, wenn wir jetzt Konzerte spielen und es kommen doch tatsächlich Leute, die das sehen wollen. Auch wenn es nur fünf Leute wären. Ich meine, ich bin nur irgendein normaler Typ aus Philadelphia und jetzt kommen Leute zu mir, weil sie ein Autogramm haben wollen. Das ist doch der Wahnsinn.

"Flight Of The Bass Delegate" ist ja zumindest in Teilen ein Konzeptalbum. Was steht denn dahinter?

Ralph: Ich bin ja ein großer Comic- und Superhelden-Fan, vor allem von Batman.

Der aber doch überhaupt kein Superheld ist.

Ralph: (lacht) Doch, doch, doch, ist er schon. Er hat nur keine Superkräfte, das ist alles. Genau aus dem Grund mag ich ihn aber auch so. Er ist einfach nur ein normaler Typ, der irgendwie ein bisschen verrückt ist. Jedenfalls hatte ich für das Album die Idee von einem Superhelden, der die Stadt, in der er wohnt, gegen riesige Eindringlinge verteidigt. Er verliert den Kampf, flieht aus der Stadt und stellt dann fest, dass die Eindringlinge nur Auswüchse seiner kranken Fantasie waren. Die ganze Idee hinter dem Konzept ist diese Geschichte mit meinem Umzug von Philadelphia nach Chicago und allem, was damit zu tun hat. Es ist so eine Mischung aus Fight Club, Batman, Krieg der Welten und einem japanischen Film über Riesenroboter. Aber daneben gibt es noch viele Dinge, die eher versteckt sind und nach denen man schon suchen muss. Zum Beispiel befindet sich im Song "White On White Crime" eine Hommage an Batman und es gibt viele Bezüge zu Frank Miller, der mein Lieblingscomicautor ist, und zum Wu Tang Clan. Zusätzlich gibt es Lieder über Beziehungen, den Hass auf den eigenen Job und andere verhältnismäßig normale Dinge, die jeden da draußen betreffen. Ich glaube auch, dass man als Künstler die Macht über seine Kunst verliert, sobald man sie veröffentlicht. Deswegen kann jeder selbst entscheiden, um was es auf dem Album geht. Natürlich weiß ich, was ich im Sinn hatte, als ich die Lieder geschrieben habe, aber wenn jetzt jemand kommt und sagt, das Album sei darüber, wie jemand von der Polizei geschnappt wurde, weil er betrunken mit dem Auto gefahren ist, dann ist das ok. Jeder kann das für sich entscheiden. Aber weißt du was, ich glaube, ich muss mich jetzt für den Auftritt fertig machen.

Ja, du hast Recht, sonst müssen deine Leute ohne dich anfangen. Danke für das nette Interview.

Ralph: Ich danke dir.

Matthias Kümpflein

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Rezension zu "The Flight Of The Bass Delegate" (2007)

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