Interview

Sometree


Vor dem Auftritt im Kulturcafè auf dem Mainzer Campus haben wir Sänger Bernd getroffen, um mit ihm über die neue Platte, Emo-Rock und die Zukunft zu reden.

Euer neues Album heisst "Moleskine". Was bedeutet dieses Wort?

Bernd: Das ist französisch und steht für ein Notizbuch. Er öffnet die Jacke und zieht aus der Innentasche ein kleines Büchlein hervor.

Ist das ein allgemeiner französischer Begriff oder ein spezielles Wort?

Bernd: Das ist kein französischer Begriff, das ist ein Eigenname, aber der bedeutet nichts. Ein Name den man dem Notizbuch gibt.

Und wie bist du auf den Namen bekommen?

Bernd: Ich hab mal vor längerer Zeit ein Hemmingway Buch über seine Zeit im spanischen Bürgerkrieg gelesen. Und da hat er geschrieben, dass er in das Buch seine Aufzeichnungen machte. Und dann bin ich durch Hannover gegangen und hab gesehen, dass es die jetzt wieder zu kaufen gibt. Da hab ich mir eins gekauft. Da ist so ein Beipackzettel in dem die Geschichte dieses Buches beschrieben wird. Van Gogh hat das benutrzt und mehrere Schriftsteller.

Die neue Platte ist sehr vielfältig, es wird mit vielen Instrumenten gearbeitet. Was war der ausschlaggebende Grund, dass ihr gesagt habt: "Diesmal packen wir mehr drauf."?

Bernd: Also der ausschlaggebende Grund war wahrscheinlich dass wir die letzten Platten davor mit der Attitüde aufgenommen haben, wir wollen die exat so aufnehmen wie wir spielen. Keine Overdubs, abgesehen vom Gesang, live einspielen, also kein nacheinander einspielen und das haben wir zwei mal gemacht und haben uns halt überlegt offener zu werden, mehr zu machen, mehr umzusetzen, mehr Raum und uns auch mehr zu entfalten als Musiker. Deswegen auch die Entscheidung das nicht mehr mit Kurt (Kurt Ebelhäuser von Blackmail, Anm. d. Redaktion) zu machen, sondern mit Dinesh im Electric Avenue und mehr Zeit. Und wenn man im Electric Avenue ist dann weiss man warum. Weil da steht alles voller Instrumente.

Habt ihr die Instrumente alle selbst eingespielt?

Bernd: Die Trompeten und Hörner haben zwei Freunde, sonst haben wir alles selbst eingespielt.

Wie werdet ihr das nun live umsetzen?

Bernd: Wir haben zwei Sampler. Also ein Schlagzeugsampler und eine Fußorgel auf der Bühne über die wir die jeweiligen Samples dann in die Takte reintreten, weil wir nicht auf Krieg spielen wollen.

Wie war die Zusammenarbeit nachdem ihr den Produzenten nach zwei Platten gewechselt habt?

Bernd: Das liegt einfach daran das Kurt im Prinzip kein Produzent ist.

Warum habt ihr dann zuvor mit ihm zusammengearbeitet?

Bernd: Also das erste Mal, das war ein Zufall. Das war auch glaub ich seine erste richtige Produktion. Wir hatten das BluNoise mit Guido Lucas gebucht und Kurt kam dann einfach dazu. Und wir haben uns mit Kurt ziemlich gut verstanden und das war zu dem Zeitpunkt auch das einzigste Studio was es in Deutschland gab, was den Standart hatte und was man bezahlen konnte. Beim zweiten Mal konnten wir es schon nicht mehr bezahlen, aber kannten halt Kurt. Und dann haben wir ihn halt nochmal angerufen und gesagt: "Wenn wir nur mit dir aufnehmen, was kostet uns das?" Und diesmal war es halt so: Wir hatten von Anfang an vor, wesentlich mehr Geld zu investieren, aber dafür eine Menge Sachen anders zu machen. Die Leute von unserem Label kannten halt Dinesh, haben ihn eingeladen zu einem Konzert nach Hamburg und da war es halt so, dass er hinterher zu uns gesagt hat, dass es ihm so sehr gefällt, dass er es machen will. Der geht total anders ran als Kurt, der wollte die Songs eigentlich komplett vorher wissen, sogar die Texte, alles!

Die neue Platte hat mehr Zeit in Anspruch genommen. Warum?

Bernd: Wir haben uns viel Freiraum gelassen. Der Großteil der Texte war nicht fertig und auch viele Kleinigkeiten und Ideen. Zwei Songs waren komplett nicht durchstrukturiert.

Die Kritiken haben sich alle sehr gut gelesen, die Verkäufe liefen wieder sehr schleppend. Ist es ein Problem das ihr aus Hannover kommt?

Bernd: Ich weiss nicht ob Hannover da eine Rolle spielt. Komisch, weil wir immer auf Hannover angesprochen werden.

Ihr habt einen Ruf zu retten!

Bernd fängt an zu lachen

Bernd: Ja, aber wir haben mit denen ja nix zu tun.

Nein, es ging auch viel mehr darum, ob der mangelnde Erfolg daran liegt, dass ihr eine deutsche Band seid?

Bernd: Deutsch ist es schon schwieriger, es gibt halt Ami-Bonus oder Ausländer-Bonus. Das man als deutsche Band nicht so Aufsehen erregt, außer du singst deutsch!

Warum habt ihr euch damals entschieden nicht deutsch zu singen?

Bernd: Die lange oder die kurze Version?

Och, wir haben Zeit.

Bernd: Zu der Zeit wo sich Sometree so formierte war deutsche Musik noch nicht so präsent. Da war das noch gar nicht so gang und gäbe. Also haben wir uns die Frage auch nie wirklich gestellt. Abgesehen davon ist die Musik mit der wir aufgewachsen sind Englisch. Und was auch noch hinzukommt: Wenn man deutsche Texte macht, dann sollte man es auch können! Dann sollte man was zu sagen haben und gute Texte schreiben. Und ich hab es nicht so mit explizieten Aussagen, das ist sehr viel persönlicher und sehr viel assoziativer, da eignet sich eine Fremdsprache sehr gut., weil sie sehr viel Platz zwischen dem lässt was du denkst und sagen willst und das was dir in der Sprache zur Verfügung steht.

Wird "Moleskine" auch im Ausland veröffentlicht?

Bernd: Sie wird in Amerika rauskommen, wie die letzten beiden auch. Und wir haben einen Vertriebsvertrag mit der EFA für Europa, deswegen wird sie auch in den meisten europäischen Ländern veröffentlicht, aber nicht auf einem eigenen Label, sondern nur über die EFA. Was dann ein bißchen schwierig ist, weil die natürlich nur begrenzt Promotion machen.

Die Homepage ist auch in der englischen Sprache, obwohl es eine deutsche Domain ist und ihr eine deutsche Band seid. Warum?

Bernd: Ein Grund an dem du es selber sehen kannst: Geh mal in's Gästebuch! Da sind bestimmt die Hälfte bis ein Drittel der Postings in Englisch und dadurch das wir weltweit veröffentlichen ist das einfach angemessener. Ich weiß das wir in der ersten Platte, glaub ich, auch noch deutsch in's Booklet geschrieben haben, weil wir nie dran gedacht hätten, dass das außerhalb irgendwen erreicht. Das ist nicht, weil wir denken Englisch ist cooler, sondern weil es Leute gibt, die nicht Deutsch sprechen und unsere Musik hören.

Ist die Resonanz im Ausland größer?

Bernd: Ich glaub schon, dass wir in Deutschland bekannter sind, aber wir haben in Amerika genauso viele Platten verkauft wie hier. Das kann man nicht vergleichen, aber wir können da auch nicht touren.

Hast du was dagegen wenn man euch in die Emo-Ecke steckt?

Bernd: Das Ding ist nur, dass man mit so einer Schublade, natürlich Assoziationen öffnet, die eigentlich mit uns nichts zu tun haben. Also weder mit dem musikalischen Background, ein paar von uns die in der Band spielen, wir haben nie damit was am Hut gehabt. Wir haben das früher so bezeichent, aber das ist auch schon fünf Jahre her. Und das was man jetzt darunter firmiert, damit können wir alle komplett nix anfangen. Wir hören das nicht und sind auch nicht auf dem neusten Stand.

Welchen Bands würdet ihr sagen, steht ihr musikalisch nah?

Bernd: Das ist eine schwierige Frage. Die einzige Band die alle richtig gut finden in der Band ist Radiohead.

Das wäre die nächste Frage gewesen. Ihr werdet gerne als die deutsche Antwort auf Radiohead bezeichnet. Nervt das auf die Dauer?

Bernd: Wenn das Ernst gemeint ist, fühl ich mich grenzenlos überschätzt, aber geschmeichelt.

Wie sehen eure Pläne nach der Tour aus?

Bernd: Im November werden wir noch ein oder zwei Auftritte mit Blackmail spielen. Es ist so angedacht im Februar/März mit Appleseed Cast die Tour außerhalb Deutschlands zu spielen, England vor allen Dingen. Und dann haben wir weiterhin angedacht, vor der Festivalsaison noch eine Deutschlandtour zu machen, aber nur große Städte.

Werdet ihr dann auf der Festivalsaison dabei sein?

Bernd: Das ist halt immer so eine Sache. Da muss man halt Glück haben.

Müsst ihr euch noch um die Plätze bewerben?

Bernd: Das ist die Aufgabe unseres Bookers. Der wird uns anbieten. Ich weiß nicht wie die Nachfrage ist.

Euer Auftritt als Ersatzband auf dem Immergut müsste doch einige Veranstalter überzeugt haben. Die Resonanz danach war...

Bernd: ...sehr gut. Da haben wir auch eine Zusage das wir nächstes Jahr wieder spielen.

Dann hoffen wir mal das noch ein paar Festivals dazu kommen. Wir wären dann schon fertig, oder hast du noch was zu sagen?

Bernd: Wir wollen nur noch in Ruhe alt werden. Das ist unser Lebensmotto seit dieser Tour.

Carsten Roth

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