Interview

Sizarr


"Was ist das Ekligste auf der Welt?" – bestimmt nicht ein Interview mit Sizarr. Aber was die Jungs auf diese Frage geantwortet haben, wie sich junge Künstler aus der Pfalz gegenseitig pushen und welche Vorteile es hat, einen Sugar Daddy wie die Red Bull Music Academy zu haben, das lest ihr in unserem Interview.

Wir treffen die Band Sizarr vor ihrem Konzert im Bielefelder Forum. Rede und Antwort stehen an diesem Abend Fabian Altstötter (Gesang) und Marc Übel (Drums). Philipp Hülsenbeck (Bass, Synthies) hat leider keine Zeit, denn er wird heute nicht nur ein Konzert für Sizarr spielen, sondern auch bei der Vorband Search Yiu mit auf der Bühne stehen. Deren Soundcheck läuft parallel zum Interview. Search Yiu sind auch eine Band aus der Pfalz, man supportet sich gegenseitig, hilft sich aus, ist sich vom Stil her auch nicht unähnlich, wie zum Beispiel im Song "Drugs I Did" zu hören ist.

In der Pfalz geht gerade so einiges, wie man am Beispiel von FFriends FForever sehen kann, einem Zusammenschluss junger Bands aus dem Landauer Raum. Gab es im Grunde genommen schon immer solch eine große Musikszene dort und man hat nichts von ihr mitbekommen, oder haben Sizarr durch ihren Erfolg eine Art Startschuss gegeben und andere inspiriert, auch ihr Ding zu machen? "Die meisten von denen haben schon vorher Musik gemacht. Was vielleicht geholfen hat, war, dass man uns hatte, bei denen man gesehen hat, dass es funktioniert hat. Nun können wir uns gegenseitig unterstützen", erklärt Fabian.

Gerade kommen aus dem Dunstkreis vor allem Drangsal etwas größer raus. Gab es durch die besondere freundschaftliche Verbindung von Fabian und ihm da nun noch mehr Motivation, ihn zu pushen und mit zu ziehen? "Mit Max habe ich in Leipzig zusammen gewohnt, bevor wir nach Berlin gegangen sind. Wir haben uns tatsächlich relativ spät erst kennen gelernt, obwohl er aus Herxheim ist, was ein paar Dörfer von Landau entfernt ist. Die Zeit, in der wir zusammen gewohnt haben, hat uns beiden sehr geholfen. Wir haben uns übelst viel Musik gezeigt, haben viel abgehangen und hatten einfach eine gute Zeit! Was ihm dann auch geholfen hat, war, dass die Leute ihn mit uns in Verbindung gebracht haben, er Markus Ganter kennengelernt hat und dadurch auch Casper, der wiederum Drangsals Songs gepostet hat und so." 2016 erscheint nun auch endlich das Drangsal-Debüt und man wird sehen, ob es ähnlich erfolgreich sein kann, wie Sizarr es mit ihrem Debüt "Psycho Boy Happy" waren.

Sizarr sind vor einigen Jahren innerhalb von kürzester Zeit groß raus gekommen. Zum Erfolg verholfen hat ihnen nicht nur ihr Talent, sondern auch die Unterstützung durch große Unternehmen wie Melt! Booking und die Red Bull Music Academy. Aber wie fühlt sich das eigentlich an, die Zusammenarbeit mit Red Bull? Ist man da einen Pakt mit dem Teufel eingegangen? "Nein, die sind einfach nur sehr nett und unterstützen uns. Wir haben schon viele schöne Sachen mit denen gemacht, wie gerade die Welttour, das Sónar-Festival, die Mauerpark-Veranstaltung. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie uns unterstützen", berichtet Marc. Fabian bringt dann doch noch ein paar kritischere Gedanken auf: "Natürlich muss man darüber nachdenken, dass das ein Weltkonzern ist, aber ich habe das persönlich noch nicht so hinterfragt. Ich sehe das eher so, dass Red Bull eines der wenigen Unternehmen ist, die wirklich viel Geld in die Hand nehmen, um eine Sache zu unterstützen, die ihnen direkt nicht wirklich was bringt. Die ganze Red Bull Music Academy ist für die eher ein Spaßding und Kulturförderung. Sie sind so etwas wie unser großer Sugar Daddy!"


Photo Credit: Elisabeth Moch

In den Clips zu der Red-Bull-Studios-Tour sieht man lauter schöne, junge Menschen, die glücklich sind und ständig Red Bull trinken. Dass das natürlich nur die besten Momente sind und die Szenen so zusammengeschnitten wurden, ist einleuchtend. Denn schon alleine den Großteil des Tages von einem Filmteam begleitet zu werden, ist anstrengend. Fabian wäre es aber außerdem auch viel zu persönlich, sich mit schlechter Laune vor eine Kamera zu stellen. Generell sieht er einen großen Zwiespalt darin, als Musiker in der Öffentlichkeit zu stehen. "Auf der einen Seite ist es etwas sehr Persönliches, Songs zu schreiben und man verhält sich manchmal fast wie ein Misanthrop, auf der anderen Seite möchte man seine Lieder aber auch der Öffentlichkeit zeigen, um Anerkennung zu bekommen. Ich finde es auch seltsam, auf einer Bühne zu stehen und in Verbindung mit den Menschen im Publikum zu treten. Aber dabei bin ich nicht ich selbst, sondern Person des öffentlichen Lebens und fühle ich mich seltsamerweise nicht so in der Öffentlichkeit, wie ich es tue, wenn ich in der Stadt rum laufe."

Die Band hatte, als sie um 2009 ihre ersten Konzerte spielte, noch nicht vor Augen, den großen Erfolg zu haben. Marc erzählt immer noch ziemlich euphorisch, dass es einfach alles gut gelaufen ist, und dass sie nie so richtig wussten, was als nächstes kommt. Fabian hat heute allerdings ziemlich klare Vorstellungen: "Wenn man etwas hauptberuflich macht, dann muss man auch davon leben können!". Sizarr können heute von ihrer Musik leben. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben die Musiker aber auch stark geprägt. Auch der Fakt, dass sie noch so "verdammt jung" waren, als sie mit Sizarr durchgestartet sind, spielt eine große Rolle. Denn es ist ganz klar, dass man, wenn man noch keine 20 ist, erst mal auf der Suche nach dem eigenen Stil ist und sich noch stark verändert. Auch klar ist, dass jede Erfahrung neue Denk- und Arbeitsweisen eröffnen kann – so auch die Arbeit mit anderen Musikern wie Jesse Boykins, Nick Hook, Robot Koch und UMA bei der Red Bull Studios Tour. Denn anders als sonst, wenn Sizarr ins Studio gehen, um einen fertigen, hundertmal durchdachten Song aufzunehmen, sind sie dieses Mal nur mit einer Skizze ins Studio gegangen und haben den Song "Forest" innerhalb von zwei Tagen geschrieben und fertig gestellt.


Photo Credit: Elisabeth Moch

In ihrer Anfangszeit haben sich die drei Künstlernamen gegeben: Deaf Sty, P Monaee und Gora Sou wollten sie genannt werden. Sind die Namen noch aktuell in Verwendung, oder sind sie eher Relikte aus der Jugend? "Die sind gestorben!", sagt Fabian dazu und grinst. Außer Marcs Künstlernamen. Unter dem Pseudonym Gora Sou macht er nach wie vor seine Solosachen. "Nichts mit Schlagzeug und nichts mit Gesang – das wollen immer alle wissen", sagt er dazu. Im weitesten Sinne, meint er, ist es elektronische Musik. Am Anfang ihrer Karriere haben alle drei in einer WG in Mannheim zusammen gewohnt, mittlerweile leben sie verstreut: Fabian in Berlin, Philipp in Leipzig und Marc in Frankfurt. Wie funktioniert das dann mit dem Proben? "Das funktioniert so..., dass wir übelst faul sind und nie proben!", erzählt Fabian und muss erst mal lachen. "Von der Arbeitsweise waren wir aber nie eine Band, die im Proberaum zusammen Songs schreibt. Nun ist der logistische Aufwand ein wenig größer, aber wir haben das große Glück, dass wir in Leipzig ein Studio haben, das dem Fritz gehört, der hier heute auch den Sound macht, und in der die Band White Wine spielt, mit denen wir unterwegs waren. Dort hängen wir mit drin und machen unsere Sachen."

Die letzte Frage im Interviewbuch, in dem sich jeder Künstler eine für den folgenden Interviewpartner ausdenkt, kommt von Leo Hört Rauschen und heißt: "Wenn du ein Tier wärst, von wem würdest du gern gegessen werden?". Fabian muss sich erst mal ziemlich den Kopf zerbrechen, kommt dann aber doch ins Phantasieren. "Wahrscheinlich wäre eine Schlange ziemlich angenehm. Wobei – eigentlich auch nicht, weil man dann da drin hockt und zersetzt wird und das bestimmt übelst scheiße ist. Dann vielleicht eher so was wie ein Krokodil, die machen eine Todesrolle und dann ist man direkt tot – oder... so etwas wie eine Spinne oder ein Skorpion, die einen mit ihrem Gift betäuben. Ja." Als Fabian sich selbst eine Frage ausdenken soll, ist er erst mal gefühlte fünf Minuten ratlos. "So was weiß ich zu Hause immer – und wenn es dann drauf ankommt, fällt mir nichts ein...", sagt er, vergräbt sein Gesicht hinter seinen Händen und denkt nach. Dann schreibt er auf: "Was ist das Ekligste auf der Welt?" Bei der Beantwortung seiner eigenen Frage überlegt Fabian kurz und beginnt dann mit einer spannend klingenden Geschichte aus einem Wartezimmer bei einem Arzt, in dem er mal saß – macht dann aber doch den Rückzieher, zeichnet ein durchgestrichenes Dollarzeichen und sagt: "Der Kapitalismus!".

Marlena Julia Dorniak

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Rezension zu "Nurture" (2015)
Rezension zu "Psycho Boy Happy" (2012)

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