Interview

She Owl


She Owl sind zwei magische Wesen. Jolanda Moletta und Demian Endian machen Musik, die ihre Zuhörer verzaubert, in imaginäre Welten entführt und im besten Fall dazu inspiriert, selbst kreativ zu werden, so der Wunsch der Band. Wir trafen sie in Bielefeld, um mit ihnen über ihre Ambitionen, schöne Erfahrungen und die Geschichten, die die Band umgeben, zu sprechen.

Von Mosquitos geplagt, gegen die auch kein tropisches Insektenspray zu helfen scheint, durchforsten wir ein kleines Waldstück in Bielefeld nach einem Ort, der so märchenhaft sein sollte wie die Menschen, mit denen wir es gerade zu tun haben. Jolanda und Demian haben wir am Abend zuvor an einem ebenfalls magischen, verrückten Ort getroffen: dem C.ult Chamber in Bielefeld, das eher einem edlen Wohnzimmer als einem Veranstaltungsort gleicht. Nur zwei Hände voll zahlender Gäste hat es dort hin verschlagen, und alle sind fasziniert und gefangen, im Bann der märchenhaften Erzählungen und der unglaublichen Musik von She Owl.

Zum Bandnamen selbst haben die beiden natürlich auch eine Geschichte zu erzählen. Da Jolanda hauptsächlich singt, war sehr schnell klar, dass "She" im Namen vorkommen muss. Während die beiden nachts im Auto unterwegs waren, auf einsamen Straßen, durch dunkle Wälder, sprachen sie darüber, ob vielleicht noch ein Tier den Namen zieren sollte. Plötzlich erleuchtete das Scheinwerferlicht zwei riesige Augen, die eine hypnotische Anziehung hatten. Gerade noch rechtzeitig breitete das Wesen seine Flügel aus und flog davon. "Owl!" riefen Jolanda und Demian gleichzeitig. Da war klar, dass auch die Eule ein Teil der Band sein sollte. Wenn man Jolanda betrachtet, findet man die Eule überall wieder. Eulenanhänger zieren Jolandas Ketten, Federn schmücken ihre Haare, Eulenaufnäher sind auf ihrer Tasche zu finden, ein Bild einer Eule auf ihrem T-Shirt.

Nachdem sie ihren Bandnamen gefunden hatten, machte alles für sie viel mehr Sinn. Die Inhalte der ersten Songs, die sie schon vorher geschrieben hatten, passten perfekt dazu. "Wir mögen es, mit unserer Musik Dinge zu beleuchten, die im Dunklen geschehen, die oft ungesehen sind", sagt Jolanda. "Außerdem geht die Eule nachts auf die Jagd – und fängt die Geschichten aus unseren Träumen", ergänzt Demian. Wie kommen denn She Owl zu den Inhalten ihrer Lieder, träumen sie vielleicht davon? "Manchmal schon. Die meisten Songs aber entstehen aus Märchen, die ich schreibe. Einige Lieder sind auch später zu Märchen geworden. Ich habe ein cinematisches Gehirn. Jedes Mal, wenn ich ein Lied spiele, sehe ich dazu einen Film vor mir ablaufen", erzählt Jolanda. Ein Traum wäre darum auch, zu jedem Song ein Musikvideo zu drehen, damit auch andere Menschen daran teilhaben können.

She Owl machen Musik, die unvergleichlich wirkt, obwohl man glaubt, hunderte verschiedener Einflüsse darin wieder zu finden. Mal denkt man an Wildbirds & Peacedrums, mal an Daughter, mal an Bat For Lashes. Vielleicht hört jede Person das heraus, was sie heraushören möchte. Nach ihren Shows erzählen die Hörer She Owl oft, welche Erinnerungen und Bands sie mit ihrer Musik verbinden. "Dadurch lernen wir jede Menge wunderschöner Musik kennen!", sagt Demian und lacht. She Owl jedenfalls sagen, dass sie einfach die Musik machen, zu der ihr Herz sie leitet. She-Owl-Konzerte sind sehr emotional. Emotional für die Hörer und die Band selbst. Sie sind ein Hoch und Tief, im Meer der Gefühle. Auch Jolandas Gesang hat eine unglaubliche Bandbreite, die Demian liebenswert als "Jolandise" bezeichnet.


Photo Credit: Elisabeth Moch

Auch die Songs selbst verändern sich, je nach der Stimmung, die gerade im Raum ist, in der sie gespielt werden. Demian erzählt eine Geschichte dazu: "Es war einmal ein afrikanischer Stamm. Der Stammesälteste hat ein Lied gesungen. Als man ihn gebeten hat, es nochmal zu singen, hat er es ganz anders gesungen. Als man ihn fragte, warum er es verändert hat, sagte er: 'Es ist ein Lied über den Regen – die Wolken sind weiter gezogen und haben sich verändert, also muss ich es anders singen.' So ist es auch bei uns. An unterschiedlichen Orten spielen wir unterschiedlich."

She Owl verstehen es gut, Stimmungen im Raum aufzunehmen und möchten durch ihre Musik mit den Menschen in Kontakt kommen. "Uns ist wichtig, dass wir mit den Menschen durch unsere Musik in Verbindung treten. Wir sind auf einer Ebene als Band nicht besser als das Publikum. Ich möchte Menschen dazu inspirieren, selbst kreativ zu sein und sich gut zu fühlen. Unsere Hörer sind Individuen, die ihren eigenen Kopf haben. Genau wie wir." Jolanda lächelt, während sie das sagt. "Als Kind habe ich Udo Lindenberg oder die Scorpions gehört und wollte so sein wie die. Wenn ich mir jetzt She Owl anhöre, dann denke ich: ich möchte ich sein! Ich bin zufrieden mit mir und mit unserer Musik," sagt Demian.

Über Freunde und Familie sind She Owl vor einiger Zeit nach San Francisco gekommen. "In unserer ersten Nacht dort sind wir zu einer Open Mic Session gegangen. Der Gastgeber JJ Schultz kam nach dem einen Song, den wir gespielt haben, begeistert zu uns und fragte: 'Welche Shows in San Francisco spielt ihr sonst noch?' Wir sagten ihm: 'Keine, keiner wollte uns! Wir haben so viele E-Mails rausgeschickt und keine Antwort bekommen.' Da sagte JJ: 'Im Namen von San Francisco bitte ich um Entschuldigung!' An dem Abend kamen all die Musiker und Musikinteressierten aus dem Publikum zu uns. Sie boten uns an, Shows mit ihnen zu spielen, uns Leuten vorzustellen. Nach einer Nacht hatten wir fünf bis sechs neue Shows, nach jeder Show lernten wir mehr großartige Menschen kennen und schon waren wir mittendrin in der Szene!"

She Owl haben eine positive Ausstrahlung, die andere positiv denkende Menschen scheinbar magisch anzieht. So haben sie zum Beispiel momentan auf der Tour kein richtiges, festes Zuhause, aber immer einen Schlafplatz, oder auch einen Ort, an dem sie für längere Zeit bleiben dürfen. Miete könnten sie nicht bezahlen, dafür bezahlten sie mit ihrer Musik und Menschlichkeit. Momentan bleiben She Owl noch ein wenig in Deutschland. Im Juli haben sie zum Beispiel ein Festival in Halle mitorganisiert, das HER-Fest. "Es gibt so wenige Frauen, die in der Musikszene im Vordergrund stehen! Wenn man sich Line-ups von Festivals anguckt, ist das wirklich erschreckend. Darum war es uns wichtig, ein Festival zu machen, bei dem Musikerinnen im Vordergrund stehen und diese Stimmung einfangen. Wir haben kein Problem mit männlichen Musikern, aber wir wollen Musikerinnen dennoch fördern und unterstützen."

Zum Schluss gibt es noch eine Frage für She Owl vom letzten Interviewten, Thees Uhlmann: "Warum bist du Künstler oder Künstlerin geworden? Hast du Angst? Bist du glücklich?" "Ich denke, dass jeder Mensch Künstler ist! Die Menschen verdrängen es nur, weil man damit so schlecht Geld machen kann, weil es schwierig ist, Kunst zu machen. Wenn du dich einmal dafür öffnest, dann gibt es kein Zurück mehr! Und: Nein, ich habe keine Angst. Und ja! Ich bin glücklich!", sagt Jolanda. Demian ergänzt: "Es gibt für mich zwei wichtige Aspekte, die mich zum Künstler machen. Zum einen die Fertigkeit, wie das Spielen eines Instruments, das Zeichnen... Dann gibt es aber auch noch die Fähigkeit, Dinge überhaupt wahrzunehmen, offen für die Welt und das Geschehen zu sein. Angst habe ich auch keine. Und glücklich bin ich noch nicht ganz, ich möchte die Welt noch zu einem besseren Ort machen, um glücklicher zu sein." Auch She Owl schreiben ihre Fragen für das nächste Interview auf: "Warum spielst du?" Demian antwortet auf seine Frage mit einem zufriedenen Lächeln. Jolanda schreibt auf: "Was möchtest du mit deiner Musik erreichen?" und antwortet darauf: "Wie schon gesagt: Ich möchte mit Menschen in Kontakt treten, sie inspirieren, die Welt im Kleinen verändern!" Inspirierend sind She Owl in jedem Fall und die Orte, die sie mit ihrer Musik verzaubern, lassen die Welt bereits ein klein wenig besser erscheinen.

Marlena Julia Dorniak

Finden


Bye-Bye



Am 5. Januar 2021 haben wir éclat eingestellt. Mehr Infos hierzu gibt es auf unserer Startseite!
Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.