Interview

Noah And The Whale


Weiter geht es mit unserer Haldern-Pop-Interview-Serie: Wir trafen Charlie Fink von Noah And The Whale am Abend nach ihrem Auftritt. Charlie sprudelte erstmal los, wie erstaunt und positiv überrascht er über die Englisch-Kenntnisse der Deutschen sei, entwickelte die Theorie, dass die Engländer genetisch dazu veranlagt seien, keine anderen Sprachen erlernen zu können, erzählte viel über die „schöne Traurigkeit“, die ihn wiederum glücklich mache, und verriet uns außerdem, wie er als 11-jähriger zu den Lyrics für seine Songs kam.

Charlie Fink: Ich bin überracht, dass ihr in Deutschland alle so gut Englisch sprecht!

Oh, Danke!

Charlie Fink: Lernt ihr es alle in der Schule? Ich finde es beeindruckend, dass ich in ein Geschäft gehen kann und sagen kann: „Can I have some bread?“ und sie verstehen mich! In England wäre das nicht möglich! Dort spricht niemand etwas anderes als Englisch!

Ja, jeder sollte es in der Schule lernen. Aber es stimmt, die meisten Menschen verstehen recht gut Englisch.

Charlie Fink: In England spricht wirklich niemand eine andere Sprache! Es ist eine Schande! Warum ist das so? Ich denke, es ist so, weil so viele andere Menschen Englisch sprechen… aber… egal, Entschuldigung! (Für seine Rage, Anm. d. Red.)

Sprichst du eine andere Sprache?

Charlie Fink: Nein…

Oh…

Charlie Fink: Ich spreche ein wenig Französisch! Ich würde gerne mehrere Sprachen sprechen können, aber aus irgendeinem Grund funktioniert mein Verstand nicht so recht, was Sprachen angeht…

Vielleicht, weil du Engländer bist?! (lache)

Charlie Fink: Exakt. Wir sind einfach genetisch dazu vorbestimmt, nicht gut im Sprachenlernen zu sein… das wird es sein! Es ist möglich. (ernst)

Möglicherweise ist das so! (muss lachen) Aber du könntest versuchen, ein wenig an deinem Französisch zu arbeiten!

Charlie Fink: Ja, das sollte ich. Deutsch wäre auch interessant, aber es unterscheidet sich sehr von anderen Sprachen. Französisch ist auch kompliziert, aber ich glaube, es wäre einfacher für mich.

Ich glaube, es würde sich sehr schön anhören, wenn du auf Französisch singen würdest!

Charlie Fink: Ja, ich denke, das wäre cool. Kennst du die Band Fairport Convention? Die haben einen Song von Bob Dylan, „If You Gotta Go, Go Now“ auf Französisch aufgenommen. Es klingt fantastisch. Nur die Melodie und die Wörter auf Französisch, das klingt toll.

Euer Konzert war sehr schön ruhig und romantisch! Es hat mir gefallen, euch zuzuhören.

Charlie Fink: Es war unser erstes Konzert in Deutschland! Es ist überhaupt das erste Mal, dass wir in Deutschland sind.

Toll! Aber das heißt auch, dass du noch nichts anderes von Deutschland gesehen hast, nur Haldern?

Charlie Fink: Ja, nur Haldern! Ja, das ist Deutschland für uns! (lacht) Aber wir kommen im September wieder. Wir werden in Berlin spielen. Kennst du die Band Phoenix? Wir werden mit ihnen auf Tour sein!

Ja, ich kenne sie! Sie kommen aus Frankreich! Du könntest also mit ihnen Französisch lernen!

Charlie Fink: Ja, wir können mit ihnen abhängen und Französisch sprechen. Das stimmt. Wir werden mit ihnen im Oktober in Deutschland unterwegs sein. Es ist aufregend. Ich mag das Touren bisher gerne! Es passiert so vieles, über das du keine Kontrolle hast! Es kommt darauf an, wo du bist, wie die Leute sich fühlen, all diese Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Also versuchst du nur, dein Bestes zu tun. Aber ich habe den Gig heute auch sehr genossen. Es war ein guter Auftritt!

Schön! Und nun musst du dir nur noch den See anschauen und dann hattest du einen perfekten Tag!

Charlie Fink: Ja, den See muss ich mir noch anschauen! Und dann ist mein Bild von Deutschland perfekt! (lacht)

Ein anderes Thema: Ich wollte dich zu eurem Namen, Noah And The Whale, befragen. Ich habe den Film „Der Tintenfisch und der Wal“ (Anm. d. Red.: Original: „The Squid and The Whale“) vor längerem einal gesehen und ich mochte ihn sehr! Ist es nun wahr, dass ihr euren Namen dem Film zu verdanken habt?

Charlie Fink: Das stimmt.

Was hat dich an dem Film so sehr beeindruckt, dass du deine Band nach ihm benannt hast?

Charlie Fink: Es war eins dieser Dinge… ich denke, es ist mit jedem Bandnamen so. Er muss schön klingen! Die Wörter! Es sind die Wörter! Eine schöne Sammlung von Wörtern. Das, was wir über Französisch gesagt haben: Die Wörter, auch wenn wir sie nicht kennen, sie klingen schön! Und das ist sehr wichtig. Das ist es auch, was „Noah And The Whale“ angeht. Es klingt schön! Es ist eine hübsche Gruppierung von Wörtern. Und… ich meine, ich habe den Film geliebt, und ich habe den Regisseur Noah Baumbach geliebt, aber ich weiß nicht, ich denke einfach … weißt du, es klingt einfach schön. Ich habe seinen neuen Film vor kurzem gesehen, „Margot At The wedding“. Du solltest ihn dir anschauen, er ist wirklich gut! Denn ich hatte etwas Angst, ihn mir anzuschauen, denn ich mochte „The Squid And The Whale“ so sehr und ich hatte gehört, dass der neue Film nicht so gut wäre. Aber in Wahrheit ist er das! Er ist wirklich gut!

Gut zu wissen, ich werde ihn mir anschauen. Zu einer ganz anderen Sache: Ich wollte dich fragen, was das allererste Album war, das du dir in deinem Leben selbst gekauft hast?

Charlie Fink: Nun… die ersten Platten, die ich mir angehört habe, waren die meiner Mutter. Sie hatte all diese Platten: Bob Dylan, Buddy Holly, Beach Boys, dieser… wie soll ich sagen… Classic Pop und es war auch Folk dabei. Aber… die erste Platte, die ich mir gekauft habe?! Hmm… Ich kann mich nicht erinnern… ehm… (denkt nach) Ich glaube, es war ein Tape! Ja, es war Blur! Ja, das Album „Blur“, das orange! Darauf ist… ehm… (denkt nach). Ja, es ist „Song 2“ darauf! Und… was war nochmal der erste Song, der erste Song ist sensationell! „Country Sad Ballad Man“! Kennst du diesen Song? Er ist der erste auf dem Album! (Anm. d. Red.: „Country Sad Ballad Man“ ist der dritte Song des Albums) Kennst du ihn? Er ist super! Aber ja, das war das erste Tape, das ich mir selbst gekauft habe! Und ich erinnere mich auch an Supergrass! „I Should Coco“. Aber ich denke, es war Blur, die ich mir als allererste gekauft habe!

Wie alt warst du damals?

Charlie Fink: Wahrscheinlich… etwa 11.

Und wann hast du angefangen, deine eigene Musik zu spielen?

Charlie Fink: Als ich anfing, Musik zu machen, fing ich an Gitarre zu spielen. Ich wollte unbedingt Songs schreiben. Aber zu der Zeit hatte ich… weißt du, es war, als ich ungefähr elf Jahre alt war, und ich habe versucht, Blur- und Oasis-Songs nachzuspielen. Aber ich wollte meine eigenen Songs schreiben. Doch mit elf Jahren waren mir die Lyrics einfach nicht so wichtig. Jetzt liebe ich sie, aber zu der Zeit waren sie mir egal. Mir war die Melodie wichtig, und die Akkorde, weißt du?! Und ich ging häufig in diesen CD-Shop, am Ende meiner Straße, dort konnte man zehn CDs kaufen, aber sie waren alle dunkel zusammengeklebt, also konnte man nicht sehen, was es war.

Ein Überraschungspaket?

Charlie Fink: Ja, so in der Art, es war wirklich eine Überraschung. Man zahlte fünf Pfund für zehn CDs, das war wirklich günstig. Ich habe sie also mit nach Hause genommen, und habe sie geöffnet, aber mit der Absicht, sie mir niemals anzuhören! Ich habe mir nur die Hülle genommen und habe die Lyrics gelesen. Und dann habe ich Songs zu diesen Lyrics geschrieben. Aber ich habe mir niemals die Musik auf den CDs angehört.

Cool. Das ist eine gute Idee!

Charlie Fink: Ja. So war es. Aber dann: Ich meine… ich habe auch früher schon immer Bob Dylan angehört… aber dann, als ich 16 war, habe ich mir Bob Dylan nochmal von mir aus für mich angehört. Und dann bemerkte ich plötzlich die Lyrics! Ja, Lyrics! Zu der Zeit fing ich dann an, Songs mit anständigen Lyrics zu schreiben. Das heißt, ich habe es versucht. (lacht verlegen)

Aber das mit dem Lyrics-Klau finde ich eine interessante Idee! Du hast dich nicht einmal für den Bandnamen interessiert, kein einziges Mal die CDs angehört?!

Charlie Fink: Nein, nichts, nur die Lyrics.

Ich mag das. Es ist so ähnlich, wie wenn Künstler Gedichte vertonen.

Charlie Fink: Ja, das ist es! Genau! Und das war auch eine andere Sache, die ich gemacht habe. Ich hab Gedichte gelesen und habe versucht, Songs daraus zu machen. Weißt du, ich hatte nicht wirklich etwas zu sagen, als ich elf war, ich wollte nur… irgendetwas schreiben!

Ja, und vielleicht auch die Stimme einfach als Instrument benutzen… Zurück zu deinen heutigen Lyrics. Ich habe in vielen Artikeln gelesen, dass deine Lyrics so melodramatisch und traurig sind, sogar wenn es fröhlich klingt…

Charlie Fink: Ja, das trifft manchmal zu. Oftmals ist es hart, so etwas zu sagen, denn ich habe bisher nur zwei Alben geschrieben. Ich werde mehr Alben schreiben, und manche von ihnen werden anders sein. Es ist nur so, weil die Alben, die wir bisher veröffentlicht haben, in traurigen Zeiten geschrieben wurden. Aber es dreht sich um eine ganze Reise, man muss es als Ganzes betrachten, mit einem optimistischen Ende. Und ich denke, dass es gut ist.

Also hast du durchaus schon einmal einen fröhlichen Song geschrieben?

Charlie Fink: Yeah, yeah, das habe ich. Ich sehe das nicht so strukturiert. Es gibt nicht nur fröhlich und traurig. Es gibt auch alles dazwischen. Manchmal kann etwas wunderschön und traurig sein… und darum macht es wiederum glücklich. Ich meine… ich bin immer auf der Suche nach der Schönheit in den Dingen, die ich kreiere… und die finde ich häufig in der Traurigkeit. Aber manchmal auch nicht… verstehst du?! (lacht verlegen)

Das stimmt. Ich verstehe, was du meinst. Zu deinem ersten und deinem zweiten Album: Ich weiß nicht, ob es stimmt, ich habe nur darüber gelesen, also frage ich dich lieber nochmal. Auf dem ersten Album hast du die Songs für dich persönlich geschrieben. Du konntest dir nicht vorstellen, dass sie mal groß raus kommen und so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, denn eigentlich wolltest du ja nur für dich diese Songs schreiben.

Charlie Fink: Ja, genau.

Für das zweite Album seid ihr zu einem größeren Label gewechselt…

Charlie Fink: Weißt du, sie haben uns schon während wir das erste Album gemacht haben zu sich genommen, und dann machten wir das zweite auch bei ihnen.

Ok. Ja, aber beim zweiten Album war es dann vielleicht schwieriger, weil ihr dieses Label im Rücken hattet, die euch gesagt haben, ihr solltet euch weiterhin auf Pop-Songs konzentrieren…

Charlie Fink: Um ehrlich zu sein: Der Druck, der mich erwartete, führte dazu, dass ich mich in eine völlig andere Richtung bewegte. Eben genau ein Album zu produzieren, das nicht so werden würde. Ich meine, dieses Album ist viel weniger poppig als das erste. Ich denke, es ist genau aus diesem Grund: Jemand sagt dir, was du zu tun hast: „Schreib ein neues Pop-Album!“ und ich dachte: „Nein, eben genau das werde ich nicht tun!“.

Also bist du ein Rebell?

Charlie Fink: Genau! Das Ding ist, dass ich meinem Instinkt folge beim Musikmachen. Und ich mache das, was sich richtig anfühlt. Ich würde niemals etwas tun, nur weil mir jemand anderes befiehlt, es zu tun. Ich mache das nur, wenn es sich für mich gut anfühlt. Das ist der einzige Weg.

Das stimmt. Und darauf sollte es doch beim Musikmachen ankommen, dass man sich eben gut dabei fühlt, diese Musik zu machen. Wenn du deine Songs schreibst, hilft es dir mit anderen Problemen zurecht zu kommen?

Charlie Fink: Ja, manchmal schon. Weißt du, das neue Album habe ich in Zeiten geschrieben, in denen ich oft recht unglücklich war. Für mich ist meine Musik meine eigene Welt. Der Fakt, dass ich diese Welt habe, übt so viel Druck auf mich aus… (sucht nach Worten)… Das ist das schöne am Songwriting: Du kannst auf deine Lebensgeschichte zurückblicken, und du kannst sie erzählen. Manchmal passiert nun mal etwas Beschissenes mit dir und du denkst: „Hey, das ist eine gute Story, ich sollte darüber schreiben.“ Also macht es wieder alles ein bisschen gut. Aber es ist auch der Prozess beim Aufnehmen, auch das hat einen Effekt auf mich.

Also schreibst du über deine eigene Geschichte? Oder denkst du dir auch manchmal Geschichten aus? Würdest du all das, was du in deinen Songs singst, auch im „normalen“ Gespräch sagen?

Charlie Fink: Nein, nein, nein, nein! Das ist das Ding! Ich bin eine sehr private Person. Mit meinen Freunden bin ich sehr vertraut, aber ich bin sehr zurückhaltend. Aber die Musik gibt mir die Möglichkeit, so ehrlich zu sein, wie ich es möchte. Ich kann all diese Dinge sagen, die ich normalerweise nicht sagen würde. Ja, es ist schon bizarr. Eine merkwürdige Sache… wie ich gesagt habe, bin ich sehr zurückhaltend. Wenn ich Menschen treffe, spreche ich selten über persönliche Angelegenheiten. Weißt du, und dann gehst du auf diese Bühne, und du fängst an, diese Songs zu singen, zu hunderten oder tausenden von Menschen, und du denkst nur: (leise und ängstlich betont:) „Warum erzähle ich diesen Leuten das?“ Aber so ist es nun mal… du hast eine Verpflichtung, das zu tun.

Ich werde dich noch eine letzte Sache fragen: Es geht ums Mood-Management. Welche Musik hörst du in welcher Stimmung? Was, wenn du fröhlich und was, wenn du traurig bist?

Charlie Fink: Es ist unterschiedlich. Wenn ich traurig bin, höre ich mir das Album von Nick Cave an, das ich absolut liebe: „The Boatman´s Call“. Der erste Song ist „Into My Arms“. Kennst du den Song? Ich liebe es, mir das anzuhören. Ich höre auch gerne Klassik. Ich liebe Mendelssohn, Beethoven, Stravinsky, und ich höre mir Neil Young an, Bob Dylan und vieles mehr. Ich denke, manche Menschen sollten keine Angst davor haben, traurig zu sein, weißt du?! Man sollte es nicht immer verdrängen! Man sollte es annehmen! Ein Freund erzählte mir davon, wie wichtig es sei zu weinen, denn wenn du weinst, lässt du Dinge los, die raus müssen. Gewissermaßen greife ich es auf, wenn ich traurig werde. Ich verweile darin, und ich genieße es schon fast. Es ist gut, die Menschen brauchen das. Sicherlich kann es auch hart sein, aber wenn man traurig ist, sollte man keine Angst davor haben! Wenn es zu lange andauert, ist es nicht gut. Aber kürzlich habe ich darüber nachgedacht, dass es wichtig ist, einfach positiv zu denken, negativ zu sein ist solch eine schlechte Sache!(lacht)

Ja, das ist es. Was du sagst ist richtig, man sollte seine Traurigkeit nicht immer verdrängen, sondern sich auch damit beschäftigen. Aber viele versuchen, schnell aus ihrer Traurigkeit wieder heraus zu kommen. Das scheint bei dir anders zu sein, und das ist gut.

Charlie Fink: Das stimmt.

Aber wenn du nun fröhlich bist, welchen Song würdest du dir anhören?

Charlie Fink: Ehmm… vielleicht Paul Simon. Oder auch die Flaming Lips. Viele verschiedene Dinge… Ich weiß nicht, es sind eine Million Sachen! (lacht) Die Leute glauben es nicht, aber ich liebe Kanye West! Er ist brilliant! Ich mag eine Band, die sich Thanksgiving nennt. Sleeping States sind auch eine Band, die ich mag. Viele, viele Sachen! (lacht) Ich möchte noch einen guten nennen… an was hab ich kürzlich gedacht? (denkt nach) Da ist ein Album… ach… wer weiß, wer weiß. Egal. Ich hab dir ja schon eine lange Liste genannt. (schmunzelt) Cool.

Dann danke ich dir!

Charlie Fink: Danke dir auch!

Marlena Julia Dorniak

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