Interview

Murder By Death


Murder By Death sind vielleicht keine besonders erfolgreiche Band im kommerziellen Sinne, aber haben mit sechs guten Alben in 13 Jahren Bandgeschichte eine feste und hingebungsvolle Fanbase um sich geschart. Für ihren ersten Gig in Berlin seit Jahren hat sich Frontmann und Sänger Adam Turla die Zeit für ein Interview genommen. Im Backstagebereich des Lido stand er, bandtypisch mit einem Glas Whiskey in der Hand, für ein paar Fragen zur Verfügung, um mit uns über das durch Kickstarter finanzierte Coveralbum der Band, Baby-Gift und Baseball-Musicals zu reden.

Guten Tag, Adam. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast.

Adam Turla: Kein Problem.

Meine erste Frage ist: Wenn ihr auf Tour seid, wie jetzt, was hört ihr eigentlich für Musik? Gibt es irgendwelche All Time Favorites, die ihr als Band habt?

Adam: Gute Frage! Also wenn ich fahre, was sehr selten ist, weil normalerweise unser Tour-Manager fährt, dann mag ich es eigentlich leise. Denn wenn man auf Tour ist, hört man immer Musik, sobald man in den Club kommt. Entweder spielt eine Band, man hört dort andere Musik oder man spielt selber. Es ist einfach schön, mal Zeit zum Nachdenken zu haben. Wir haben allerdings eine Playlist, die wir vor unseren Shows hören, die hauptsächlich aus Grinderman besteht. Wir haben aber auch ein paar andere Bands, um uns vor dem Gig einzustimmen, wie Morphine, The Murder City Devils oder The Afghan Whigs.

Keine Platten, die in letzter Zeit erschienen sind?

Adam: Lass mich kurz nachdenken. Unsere Freundin Samantha Crain hat gerade eine neue Platte rausgebracht, die wir viel hören. Und unsere Freunde von Ha Ha Tonka haben uns gerade eine Kopie des Albums gegeben, das kürzlich fertig geworden ist. Wir hören auch einfach viel von Freunden wie Four on the Floor, The Builders And The Butchers und andere Sachen, die wir geschickt kriegen, die noch nicht raus sind. Solche Dinge hören wir dann.

Das ist einer der Vorteile daran, im Musikgeschäft zu arbeiten. Aber was ist eigentlich das Beste am Rockmusiker-Dasein? Ist es das Touren oder ist es der Moment, in dem man den letzten Song der Platte endlich aufgenommen hat?

Adam: Es ist wirklich ein gutes Gefühl, den letzten Song aufgenommen zu haben. Wir haben elf Monate am letzten Album geschrieben und dann dreieinhalb Wochen aufgenommen, also quasi ein ganzes Jahr Arbeit. Irgendwie ist es aber auch ein bittersüßes Gefühl, denn wenn man es aufgenommen hat, will man es am liebsten am nächsten Tag rausbringen, aber dann heißt es erst mal warten, meistens Monate. Normalerweise hat man so ein bisschen Freizeit, wenn man mit dem Aufnehmen fertig ist und kann Ferien machen oder zuhause entspannen ? das ist schon eine gute Sache. Das Tourleben kann ziemlich toll sein, aber die letzten drei Tage sind wir beispielsweise jeden Tag acht Stunden gefahren und konnten nichts von den Städten sehen, in denen wir waren. Das ist natürlich schade.

Ihr kommt also abends an und fahrt morgens wieder weiter?

Adam: Ja, wir schlafen dann wenig und haben nichts von zuletzt Wien und jetzt Berlin gesehen. An guten Tagen haben wir aber auch mal frei, wie in Rom, wo wir viel von der Stadt gesehen haben oder in Madrid, wo wir Zeit für ein Museum mit Picasso-Bildern hatten.

Also gleichen sich gute und schlechte Tage aus?

Adam: Ja, ich finde schon. Man erinnert sich ja Jahre später nur an die guten oder richtig schlechten Aspekte. Man erinnert sich dann ja nicht an die Müdigkeit oder dass man eine Stadt nicht gesehen hat, sondern die coolen Sachen und guten Shows, die man gemacht hat.

Gab es auf dieser Tour denn besondere Dinge oder Menschen, die ihr getroffen habt?

Adam: Meine beiden Lieblingsshows waren das Orange Blossom Festival und die Show in London. Die beiden Shows haben echt Spaß gemacht und waren den ganzen Trip wert. Viele Menschen habe ich leider nicht getroffen, weil es ein kurzer Trip war, aber unsere Freunde von Ha Ha Tonka hatten einen Tag frei und kamen auch zum Orange Blossom Festival und es ist immer schön, Freunde zufällig 5000 Meilen von zuhause zu treffen und an dem Tag auch noch eine gute Show zu spielen. Das Festival kann ich nur empfehlen.

Klingt gut, aber zu etwas anderem. In einem Interview vor ein paar Jahren hast du etwas darüber gesagt, dass ihr gerne mal einen Soundtrack für einen Film machen wollt. Hat sich da irgendwas ergeben?

Adam: Leider nicht so richtig. Wir haben den Soundtrack zu einem Science-Fiction-Buch gemacht, Quentin Tarantino hat "Coming Home" in einem Preview für "Inglourious Basterds" benutzt und derselbe Song kam auch in "Sons Of Anarchy" vor. Wir hatten noch ein paar Songs in anderen Serien, wie in "Shameless" und so. Aber ich würde richtig gerne mal einen Score beisteuern, weil das kreativer abläuft, als wenn man eine Anfrage bekommt und einfach annimmt oder ablehnt. Auch wenn das mit dem Geld natürlich eine nette Sache ist.

Sagt ihr bei Sachen prinzipiell eher zu?

Adam: Es ist echt schwer. Früher haben wir zu allem erst mal "Nein!" gesagt, weil wir fanden, dass das Sellout wäre, aber irgendwann haben wir gemerkt, dass das eigentlich keiner mehr denkt. Heutzutage werden Bands bekannt durch eine Platzierung in einem Apple-Spot, obwohl das eine riesige, düstere Organisation ist (lacht). Solche Dinge sind heute cool und man muss wohl mit der Zeit gehen. Wir hatten allerdings auch das Glück, dass wir bis jetzt nicht für Sachen angefragt wurden, die wir schlecht finden. Tarantino mögen wir alle und unser Bassist ist großer Fan von "Shameless" und auch von "Sons Of Anarchy". Falls wir eine Anfrage für Baby-Gift bekommen sollten, werden wir vermutlich darüber länger nachdenken (lacht). Wobei es eine Sache gab, wo wir abgelehnt haben: Wir sollten bei einer Show für etwas Geld Poster einer Zigarettenmarke aufhängen und da es eine Show ohne Altersfreigabe war, konnten wir das nicht tun. Es wäre moralisch einfach falsch, Kindern zu sagen, dass es cool ist, wenn man raucht.

Ihr habt euer Album ja über Kickstarter finanziert und man konnte sich Coversongs wünschen, wenn man eine bestimmte Summe investiert hat. Wart ihr überrascht von der Auswahl oder gab es sogar einen Song, der euch besonders begeistert hat? Ich mochte ja "Little Red Riding Hood" sehr gern.

Adam: Oh ja, den mochte ich auch sehr gern. Das war auch der Song, der mich am meisten gereizt hat und den wir sogar vorher mal covern wollten. Es gab ein paar Songs, die ich auch gar nicht kannte.

So wie der letzte Song von der Band, die für ihr eigenes Lied gespendet haben?

Adam: Ah, das muss ich klarstellen! Eigentlich haben die gar nicht gespendet, sondern ein Freund von ihnen, der es als Geschenk wollte. Wir hatten nämlich Anfragen von Bands, die ihre Lieder gecovert haben wollten und so billig an etwas Bekanntheit kommen wollten ? beziehungsweise teuer wahrscheinlich (lacht). Aber dieser Typ hat mir eine richtig nette Mail geschrieben und mich gebeten, es geheim zu halten, bis es rauskommt, damit es eine Überraschung ist und ich dachte einfach, das ist ein richtig guter Freund, weil sie anscheinend auch große Fans waren. Aber von den anderen Songs kannte ich eben ein paar nicht und das hat etwas Mühe gemacht. Richtig Spaß gemacht hat auch "Never Tear Us Apart" von INXS und am besten ist meiner Meinung nach "Kiss" von Scout Niblett geworden, was mich überrascht hat. Ich mochte das Original gar nicht so sehr, aber unser Horn- und Piano-Spieler Scott hat sich ein neues Arrangement überlegt und es in einen Soul-Song verwandelt, was klasse war.

Aber alles in allem ein erfolgreiches Projekt, oder?

Adam: Ja, es war sehr interessant. Wir haben wirklich mehr bekommen, als wir dachten, aber wir hatten auch richtig viel zu tun. Aber das war es auf jeden Fall wert.

Können wir mit so einer Aktion in 2014 nochmal rechnen? Und wird?s wieder ein Kickstarter-Projekt geben?

Adam: Also ein Album scheint mir unwahrscheinlich, doch Kickstarter wieder zu verwenden, ist schon eine Idee. Aber das Erfüllen der ganzen Aufgaben nimmt noch eine ganze Weile in Anspruch. Es ist einfach so viel Arbeit. Wir haben jetzt die vier Privatshows und alle sind sehr unterschiedlich: Zwei Hochzeiten, ein Gig in einem Antiquitäten-Laden und einer bei einem Outdoor-Barbecue-Cook-off in Kanada, was alles viel Planung erfordert. Beim nächsten Album werden wir die Fans wahrscheinlich fragen, ob sie das machen wollen. Wir haben viele E-Mails bekommen und anscheinend wollen die Leute, aber das kann sich ja auch ändern.

Hat sich denn die Art, wie ihr an ein Album rangeht, über die letzten Jahre verändert? Oder ist es immer noch so, dass du mit den Ideen ankommst und dann wird ein Song daraus?

Adam: Normalerweise ist es noch so, aber Sarah hat jetzt angefangen, an Songs zu schreiben, und dann schaue ich rüber und versuche, aus ihren Ideen etwas zu machen, und bei Scott ist es genauso. Ich versuche dann zu helfen, das zu organisieren und zu strukturieren. Wir haben jetzt auch ein bisschen in der Gruppe gespielt. Man könnte vermutlich fast von einem Jam reden, aber eigentlich mag ich das nicht so. Ich denke, wir lassen uns jetzt etwas mehr Zeit und experimentieren ein wenig. Mal sehen, was dabei rauskommt.

Als letztes ist euer neuestes Musikvideo zu "Lost River" rausgekommen, was so ähnlich wie das "White Noise"-Video ist und meiner Meinung nach perfekt zu der düsteren Thematik des Songs passt. Können wir da noch einen Clip erwarten?

Adam: Ich denke nicht. Irgendwie ist es heutzutage so seltsam, ein Musikvideo zu machen. Es ist einfach zu teuer und dementsprechend eher so ein Eitelkeitsding, für das wir selber zahlen müssen. Wir fanden die Idee in dem Fall einfach cool, für das Lied ein Video zu haben und dann kam unser Freund Gabe von O?Death zu uns und hat das Video im Alleingang gemacht. Wir haben da schon länger drüber geredet und dann ist es einfach gemacht worden. Die MTV-Videozeiten sind halt einfach vorbei und es ist einfach nicht mehr so hilfreich wie früher. Dann macht man es auch eher aus Spaß.

Vor ein paar Jahren habt ihr in einem Interview ja auch gesagt, dass ihr besonders in Bloomington, wo ihr herkommt, gar keine Berühmtheiten seid. Hat sich das mittlerweile ein wenig geändert?

Adam: Immer noch nicht so wirklich eigentlich. Es ist zwar eine kleine Stadt, aber dadurch, dass die Stadt eine Universität hat, kommen und gehen die Leute eh ziemlich schnell. Die meisten Leute wissen schon, wer wir sind, und wir kennen die Bartender und kriegen mal ein Freigetränk oder in einem Coffee-Shop sagt plötzlich jemand in der Schlange hinter mir, dass er meinen Kaffee gerne bezahlen möchte. Die meiste Zeit ist es aber keine große Sache und manche wissen wahrscheinlich nicht mal, dass wir noch da wohnen. Aber das ist auch gut so. Ich mag es, in eine ruhige Stadt heim zu kommen.

Das bringt mich auch schon zu meiner letzten Frage. Ihr seid ja ziemlich große Filmfans. Deshalb wollte ich für die Fans einfach mal fragen, ob es drei Filme gibt, die jeder Murder-By-Death-Fan gesehen haben sollte.

Adam: Also ein Film, den unser Drummer Dagan bis heute selber nicht gesehen hatte, den ich aber sehr liebe, ist der Film "Death Race 2000" aus den 70ern. David Carridine, der auch bei "Kill Bill" mitgespielt hat, ist ein Rennfahrer in der Zukunft, der einmal im Jahr an einem Rennen teilnimmt, bei dem man Punkte kriegt, wenn man Menschen überfährt. Der Film ist sehr seltsam, eigentlich total schrecklich, aber irgendwie eben total toll. Ich mag einfach Filme nach denen man sich fragt, was da eigentlich gerade passiert ist. Ich hab kürzlich auch einen japanischen Film gesehen, der "Battlefield Baseball" heißt und ein Baseball-Musical-Film ist, der aber auch Zombie-Baseballspieler enthält und Ninjakämpfe und dann noch eine Teenager-Romanze. Aber um nochmal einen richtig guten Film zu sagen ? ich habe kürzlich wieder "Lawrence Von Arabien" gesehen. Das ist in jedem Fall ein Klassiker und für das Kickstarter-Projekt hatten wir auch einen Filmclub, in dem wir alle drei Filme hatten.

Da ist sicher was dabei. Dann danke ich dir ganz herzlich für das Interview und wünsche viel Erfolg bei dem Auftritt.

Adam: Ich danke dir!

Arne Lehrke

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