Interview

Leo Hört Rauschen


In einer Zeit voller Trubel Panzer als stilistisches Mittel im Musikvideo einsetzen? Es egal finden, was gerade der Trend ist und einfach intuitiv Musik machen? Makabre Dinge im Badezimmerschrank versteckt halten? Das alles tun die Jungs von Leo Hört Rauschen, die wir für euch zum Interview getroffen haben.

Freitag, der 13. November. Während draußen Gewitter mit Hagel und Sturm toben, sind wir drinnen, im Bann der Mensch-Maschinen-Musik von Leo Hört Rauschen. Ein paar hundert Kilometer weiter auf einem anderen Konzert sind die Menschen im Bann von etwas ganz Anderem als der Musik. Im Bann der Gewalt, der Wut und der Unberechenbarkeit. In Paris sind zu diesem Zeitpunkt schon etliche Menschen gestorben, viele mehr sind noch in Geiselhaft. Dass eben solch ein Attentat theoretisch genauso gut hier, bei uns im Bielefelder Club hätte passieren können, bereitet einem ein ziemlich unschönes Gefühl. Trotzdem ist noch nicht so ganz greifbar, was da in Paris passiert ist und welche Auswirkungen es noch haben wird.

Hier, im Bielefelder Club Cutie, sitzen wir mit Leo Hört Rauschen beim Interview. Leo Hört Rauschen, das sind Maik Wieden (Gesang), Uwe Hauptvogel (Gitarre), Benjamin Rottluff (Bass) und Marius Jurtz (Schlagzeug). Das Interview mit ihnen findet erst nach dem Konzert, nach dem Abbau, nach der Fotosession statt – sprich mitten in der Nacht, um halb 3, im gemütlichen Sitzkreis auf dem Teppich, der sonst dem Schlagzeug als Unterlage dient. Trotz der fortgeschrittenen Stunde sind alle präsent und interessiert dabei. Für Sänger Maik gibt es gute Gründe, ein Interview erst nach alledem stattfinden zu lassen. Vielleicht hat der Interviewer bis dahin schon andere Erkenntnisse und stellt andere Fragen. Zudem ist es ihm lieber, ein Konzert vor unbekannten Menschen zu spielen, denn nachdem man sich persönlich kennengelernt hat, steigt seiner Ansicht nach oft der Erwartungsdruck.


Photo Credit: Elisabeth Moch

Leider haben noch zu wenige Menschen Leo Hört Rauschen persönlich kennengelernt – es gibt auch keinen Wikipedia-Eintrag zur Band, in dem man sich über sie informieren könnte. Den würden sie, wie sie behaupten, ohnehin gleich wieder löschen. Es hat sich aber dann doch ein Eintrag eingeschlichen, und zwar im Artikel zum Städtchen Ortrand. Dort heißt es: "Im Bereich Pop/Rock etablierte sich die Ortrander Musikgruppe "Leo Hört Rauschen" weit über die Stadtgrenzen hinaus zu einer gefragten Clubband mit zahlreichen Auftritten im In- und Ausland." Die Jungs müssen erst einmal lachen, als sie das hören. Den Beitrag hat keiner von ihnen jemals gelesen. Leo Hört Rauschen kommen aber zu 50% tatsächlich aus diesem "Nest". "Vielleicht sollten wir wegen dem Denkmal irgendwann mal hin!", meint Maik zu Uwe und kann bei der Vorstellung nur herzlich lachen.

Für die Ortrander ist das, was Leo Hört Rauschen machen, "Pop/Rock". In welche Richtung man sie musikalisch einordnen kann, ist aber gar nicht so klar. Irgendwo zwischen Neo-Wave, Post-Punk und Indie liegt das, was sie machen. "Ich glaube, wir können einfach nicht anders – wir machen einfach so Musik, wie es unsere Gehirne in der Kombination ergeben. Sicherlich gibt es Inspirationen, zu denen auch die großartigen aktuellen Post-Punk-Bands gehören, aber jeder hat für sich so seine eigene Inspiration. Aber wir reiten ganz bewusst keine Welle, weil gerade etwas angesagt ist", meint Uwe. Außerdem muss Kunst politisch sein, ergänzt Maike noch, denn in der aktuellen turbulenten Zeit suchen die Menschen nach Antworten, auch in der Kunst.

Natürlich beeinflusst das Zeitgeschehen auch die Band selbst, die politisch total interessiert ist. Auch ihr Sound hat sich dadurch in den letzten Jahren sichtlich verändert. Zudem gab es auch einen Wechsel in der Besetzung. Benn ist am Bass neu dazu gekommen. Für den hat Maik nur Gutes übrig: "Benn ist eine großartige Bereicherung! Er trägt hervorragend mit seiner Frische zum Projekt bei!"

Wie läuft denn eigentlich die Arbeit an diesem "Projekt" überhaupt ab? Uwe sagt dazu: "Wir treffen uns im Studio und spielen – wie die Kinder. Das Songwriting ist nicht verkopft, auch wenn es vielleicht an der ein oder anderen Stelle so klingt." Die Songs klingen tatsächlich danach, als hätten sich die Herren sehr wohl sehr viele Gedanken über die Inhalte gemacht. "Interessanterweise ist das nicht so", meint Maik. "Das Proben läuft so ab, dass wir uns treffen und jammen und dass aus dem Jammen Songs entstehen. Dabei entsteht ein Gruppengefühl. Texte werden auch schon intuitiv gesungen und die übernehmen wir dann tatsächlich größtenteils auch in die Songs."


Photo Credit: Elisabeth Moch

Die Band hat auch für den Dreh zum Musikvideo für "Muster" keinen festen Plan im Kopf gehabt. Darin sieht man junge Männer in alten, russischen Militäruniformen, die mit einem Panzer und schwerem Geschütz hinter einem scheinbar mystischen Mädchen hinterher jagen. "Was ich interessant an dem Video finde, ist, dass man bewusst provoziert, mit einem Panzer und einer Armee – und das in sehr aufgewühlten Zeiten. Sich einfach die Frechheit zu nehmen und einen Panzer zu mieten und irgendwelche Wahnsinnigen, die da irgendwie dahinter stehen und das zelebrieren. Was ich sehr erschreckend finde, sind diese jungen Kerle mit den Gewehren. Die fanden das irgendwie cool, da mit einem Panzer rumzuhängen und mit einem Gewehr in der Hand – auch wenn es nur Softair-Maschinengewehre waren. Es war ein ziemlich befremdliches Gefühl am Drehort", erzählt Uwe recht nachdenklich. Marius muss aber doch irgendwie die Darsteller in Schutz nehmen, denn die wurden vom Filmemacher David Campesino, neben ihrem persönlichen Interesse für Kriegsspiele, auch noch zusätzlich gepusht.

Eine Frage, die nach diesen Ausführungen direkt in den Kopf kommt, ist nun: Wo mietet man bitteschön einen Panzer? "Jeder hat doch irgendwie eine Telefonnummer im Telefon, von jemandem, der einem einen Panzer mieten kann!", behauptet Uwe ganz selbstverständlich. Weil wir das nicht so ganz glauben können, wirft er hinterher: "In Südbrandenburg geht das noch! Da gibt es Menschen, die haben Panzer, die man sich ausleihen kann." Dass solch ein Panzer beängstigend ist, und dass man sich gar kein Bild davon macht, wie es den Menschen in Kriegsgebieten ergehen muss, darüber sind sich alle einig.

Das Video wirkt im Ganzen sehr perfekt und durchdacht, dennoch hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: beim genauen Hingucken kann man in einer Szene im Hintergrund strahlend blaue Dixie-Klos erkennen. Aber da stehen die Herren von Leo Hört Rauschen drüber: "Es wäre ja vermessen zu behaupten, das Video würde aus einer anderen Zeit stammen. Es ist ja keine wahre Geschichte! Vielleicht rücken die Plastikklos das Bild auch wieder gerade und transportieren es in die heutige Zeit... Ich finde es eigentlich ganz schön, dass die zu sehen sind.", meint Maik.

Ins Interviewbuch, in dem jeder Künstler eine Frage für den nächsten stellen soll, schreibt Marius, stellvertretend für Leo Hört Rauschen, eine Frage auf, die er selbst als Vegetarier schwer zu beantworten findet: "Wenn du ein Tier wärst, von wem würdest du gern gegessen werden?" Allerdings ist dann doch für ihn klar: "Von einem Tier, dass mich fressen muss, weil es Hunger hat! Von einem Menschen gefressen zu werden, wäre sinnlos, denn der könnte sich ja ziemlich gut anders ernähren." Zuvor hatten Leo Hört Rauschen eine Frage der Band KARIES beantwortet, die da lautet: "Wenn du heute stirbst, werden deine Hinterbliebenen etwas von dir finden, was sie verstört?". Benn beschreibt ziemlich eindringlich, was man bei ihm im Badezimmerschrank in einer hübschen türkis-gelben Dose in Herzform finden würde: "Meine zertrümmerten Weisheitszähne, in zwanzig Einzelteilen! Das muss ein ziemlich verstörender Anblick sein!" Man kann sich wirklich Schöneres vorstellen.

Marlena Julia Dorniak

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