Interview

Ilgen-Nur


Ilgen-Nur ist krass. Obwohl sie während ihrer Tour in der Notaufnahme eine kleine OP durchführen lassen muss, hält sie das nicht davon ab, die Tour weiterzuführen. Auf der Bühne legt sie dennoch die perfekte Show hin. Dafür kann sie sich dann im neuen Jahr ein wenig in L.A. ausruhen. Was sie dort vorhat, wen sie bei einer Rückführung gerne treffen würde, und wer ihrer Ansicht nach Indie-Dschungelkönig werden würde, lest ihr hier.

Ilgen-Nur steht auf Esoterik, daher habe ich ihr ein paar Beutel Tee mitgebracht, in denen Sprüche auf den Anhängern stehen. Teetrinken hilft vielleicht auch, um die Tour überhaupt durchzustehen und zwischendurch etwas runterzukommen. Denn obwohl Ilgen-Nur vor ein paar Tagen in die Notaufnahme musste, um einen kleine OP durchführen zu lassen, hat sie die Tour weitergeführt, lässt sich auf der Bühne nichts anmerken und zieht die Show voll durch. Der Teebeutel, den sich Ilgen-Nur per Zufall ausgesucht hat, hat den Spruch: "Selbstwertschätzung hilft, um glücklich zu sein". Passt der Spruch zu ihr? "Ja, eigentlich schon. Ich will das oft selbst nicht einsehen, was ich schon für Sachen erreicht habe. Es ist auch schwierig, auf mich selbst stolz zu sein, vor allem, wenn der Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Wenn die Tour vorbei ist, oder das Album draußen ist, dann fällt es mir leichter." Auch die nächste Frage im Interview geht in Richtung Esoterik. Hila Ruach hat im letzten Interview für die nächste Person folgende Frage aufgeschrieben: "Wenn du eine spirituelle Sitzung machen würdest, welche verstorbene Person würdest du zurück ins Leben rufen und welches Instrument würde die Person in deiner Band spielen?" – "Ich würde Elliott Smith zurückrufen und ihn fragen, ob er mit mir Gitarre spielt und singt – und ein neues Projekt mit ihm machen", erzählt Ilgen-Nur. "Er ist einfach eine Person, mit der ich mich gerne noch unterhalten hätte oder bei dem ich gerne auf ein Konzert gegangen wäre, weil mir seine Musik einfach viel bedeutet."

Zum Tag der November-Pogrome gab es leider eine Nazi-Demo in Bielefeld, aber auch sehr viele Gegendemos, mit mehr als 14000 Menschen, die ein paar Rechten gegenüber standen. Ilgen-Nur setzt sich auch gegen Rassismus und für andere wichtige Dinge ein – hat sie eine Idee, was man auf ein Banner schreiben sollte, oder den Nazis sagen sollte? "Ich hab eigentlich keine Worte, ich finde, die müssen einfach angeschrien und angespuckt werden! Ich will eigentlich gar keinen Dialog mit denen suchen. Es geht auch um die eigene Sicherheit, wenn so eine Person da ist", so Ilgen-Nur. Sie selbst hat auf Grund der türkischen Migrationsgeschichte ihrer Familie auch schon rassistische Erfahrungen gemacht. "Aber ich bin immer noch eine white person und weiß, dass es Leute gibt, die viel intensiver davon betroffen sind." Nachdem Ilgen-Nur nach Berlin gezogen ist, hat sie nun wieder die Möglichkeit, in ihrem Alltag mehr Türkisch zu sprechen. "Ja, ich hab das Gefühl, dass ich in Berlin viel mehr Leute habe, mit denen ich Türkisch sprechen kann. In Hamburg war das irgendwie nicht so. Es ist jetzt viel gelassener, sich zum Beispiel einfach einen Tee auf Türkisch zu bestellen. Ich habe früher mit meinen Eltern und meiner Familie Türkisch gesprochen, habe Filme und Serien auf Türkisch geguckt und türkische Musik gehört. Außerhalb der Familie war dann halt alles auf Deutsch. Und ich mag es auch nicht, mich mit Freundinnen auf Türkisch zu unterhalten, mit denen ich sonst immer Deutsch spreche, das fühlt sich dann komisch an."

Im Song "17" singt Ilgen-Nur über die Wünsche ihres 17-jährigen Ichs. Hat sie die Wünsche nun erreicht, die sie damals hatte? "Ja, schon, aber das Ding ist ja, wenn man etwas erreicht hat, was man schon immer wollte, ist es ja noch nicht genug, dann will man noch mehr und noch größer und noch weiter". Und welche Wünsche hat sie für die nächsten sechs Jahre? "Noch mehr Musik spielen, noch mehr Konzerte und noch mehr Menschen erreichen. Ich gehe jetzt im Februar für zwei Monate nach L.A., das wollte ich machen, seitdem ich klein bin. Ich kann mir auch vorstellen mal für längere Zeit in L.A. oder New York zu leben, das würde mich wahrscheinlich weiter bringen als in Hamburg oder Berlin zu leben. Und in den nächsten sechs Jahren möchte ich gerne in einer eigenen Wohnung leben!" Die Möglichkeit, für eine Zeit nach L.A. zu gehen, hat sich ergeben, da Ilgen-Nur einige Leute getroffen hat, die aus L.A. in Deutschland auf Tour waren. Sie hat auch viele Freund*innen bei Instagram, die Musiker*innen in L.A. sind. "Dieses Jahr war so stressig mit Album schreiben und rausbringen und diese heftig lange Tour, die über fünf Wochen geht – da dachte ich, ich mache ein wenig Urlaub und fange aber gleichzeitig auch schon an, neue Sachen zu schreiben."

Eine andere Musikerin, die aus Europa nach L.A. gegangen ist, ist Soko. "Die liebe ich richtig arg. Ich folge ihrem Instagram-Account. Sie hat mit ihrer Freundin zusammen ein Baby und die sind einfach nur mega süß zusammen und haben ein wunderschönes Leben. Und ich denke so: Oh, ich will das auch. Aber wahrscheinlich schreit das Baby auch und vielleicht streitet sie sich auch mal mit ihrer Freundin und dann macht sie ein Break-up-Album. Aber es ist trotzdem schön, von Außen das Leben von solchen Leuten zu beobachten." Generell ist Instagram auch für Ilgen-Nur als Künstlerin wichtig und sie postet dort regelmäßig, um die Menschen auf dem Laufenden zu halten. Könnte sie sich denn auch vorstellen, zum Beispiel über die negativen Seiten vom Tourleben zu posten? "Ich denke, dass bei Bands kaum jemand die Realität vom Tourleben darstellt. Keiner postet, wie man sechs Stunden im Auto sitzt, in einem ranzigen Hotel unterkommt und am nächsten Morgen noch selbst fürs Frühstück zahlen muss. Es ist halt nicht so glamourös darzustellen, wie man über den Tisch gezogen wird." Bei Casting-Shows im Fernsehen wird auch oft nichts von den negativen Seiten gezeigt. Ilgen-Nur hat sich diese trotzdem früher gerne angeschaut und war ein riesiger Fan der No Angels – deren Album war auch ihre erste CD. "Als Kind wollte ich unbedingt bei den Shows mitmachen. Aber letztens hat so eine Freundin von meiner Mutter gefragt, warum ich nicht bei DSDS mitmache!", erzählt Ilgen-Nur und wir müssen über den Vorschlag lachen. "Als Kind fand ich das cool, aber nun würde ich niemals bei DSDS mitmachen. Dieter Bohlen ist zwar lustig, aber total problematisch. Das Konzept ist auch überhaupt nicht indie-credible, und ich will auch nicht die DSDS-Zuschauer als meine Fans haben." Angenommen, Ilgen-Nur hätte damals schon bei DSDS mitgemacht, was würde sie dann heute tun? "Keine Ahnung, gar nichts – oder ich wär Dschungelkönigin! Was ich übelst geil fände, wäre Dschungelcamp, aber für Indie-Musiker. Einige von meinen Kollegen hätten da gute Chancen. Ich wäre schnell raus, weil ich sofort heule. Drangsal, Max Gruber, der würde einfach gewinnen, der würde das einfach durchziehen!"

In diesem ganzen Kreis, der hauptsächlich aus männlichen Indie- und (Post)Punk-Musikern besteht, ist Ilgen-Nur nun fest etabliert. Max Rieger (Die Nerven, All Diese Gewalt) hat ihr Album produziert, sie hat nach und nach alle anderen kennengelernt, die sich nun gegenseitig unterstützen. Ilgen-Nur ist genervt, dass sie immer wieder darauf angesprochen wird, dass sie nur Jungs in der Band hat. "Klar wäre es auch cool mit Frauen, aber für mich war's wichtig, dass es musikalisch gut funktioniert und dass es Freunde von Freunden waren. Es ist auch oft schwierig, noch Frauen zu finden, die Zeit haben, in meiner Band mitzuspielen und dann in mehreren Projekten mitspielen, während Typen einfach so 1000 Sideprojects haben." Ilgen-Nur hat ihr eigenes Label gegründet, möchte gerne rauskriegen, was sie tun will und sich nicht von anderen erzählen lassen, was sie zu tun hat: "Musik ist das Erste, was ich schon richtig lange mache. Davor habe ich immer Studium geschmissen, Schule gewechselt, Job abgebrochen, es war immer irgendwas. Ich finde, mit dem Musikmachen werden die Sachen viel mehr gewertschätzt."

Zum Abschluss wird es dann nochmal esoterisch oder auch science-fiction-mäßig. Ilgen-Nurs eigene Frage für's nächste Interview ist nämlich: "Wenn du dich in einen Moment in der Geschichte (egal welche Zeit oder Ort) zurückbeamen könntest – welcher wäre es? Und was würdest du tun?" Hat Ilgen-Nur selbst eine Antwort darauf? "Man könnte voll die wichtigen Sachen machen, irgendwas forschen oder was sehen. Oder man könnte auch einfach Urlaub machen – in San Francisco rumhängen oder so!", überlegt sie und lacht.

Marlena Julia Dorniak

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