Interview

Gods Of Blitz


An jenem Freitag war es sehr nass auf Darmstadts Straßen. Doch der Regen machte ihnen nichts aus und sie verbreiteten mehr als nur gute Stimmung unter den rockwilligen Besuchern des Schlossgrabenfests. Nach ihrem Auftritt saßen wir mit Olli Wong und Jens Freudenberg im kleinen Tourbus und plauderten über das Leben als Musiker, Festivals und die neuesten Platten.

Ihr und auch die Menge ging ja ziemlich gut ab eben. Seid ihr zufrieden?

Jens: Ja, war eigentlich eine gute Show. Wir hatten ein paar technische Probleme, aber ab dem ersten Drittel war´s super, die Leute gingen steil und wir waren warm. War gut, ja! Also, für mich persönlich, sehr gut!

Olli: Absolut! Kann ich nur zustimmen. Wir kamen vorhin von einem anderen Festival, dem Rocco del Schlacko.

Jens: Das war hartes Brot! Da war es noch viel schlammiger und nasser als hier und es war sehr schwer, die Leute warm zu kriegen. Aber hier waren sie schneller am Start, das war sehr schön.

Im letzten Jahr ging bei euch ja alles ziemlich Schlag auf Schlag...

Jens: Die Band gibt es jetzt seit anderthalb bis zwei Jahren, wir hatten vorher andere Bands in denen wir ähnliche Sachen gemacht haben und dann hatten wir diesen Vertrag mit der neuen Band, das ging recht schnell. Dann war es richtig stressig, weil wir schnell eine Platte machen wollten. Aber seitdem die Platte raus ist, touren wir sehr viel, das ist normal und gut. Es ist gut, dass wir so viel spielen können und dass sich das ein bisschen rumspricht, dass wir eine gute Band sind.

Hättet ihr euch je träumen lassen, dass ihr einen so vollen Terminkalender habt?

Jens: Also wegen der Festivalsaison ist der Sommer voll. Klar, man kann im Sommer nicht in Urlaub fahren. Am Wochenende spielen wir Konzerte und unter der Woche machen wir Lieder für die nächste Platte, aber das ist super so. Darüber hab ich mir nie Gedanken gemacht, was in der Zukunft passiert.

Festivals zu spielen ist doch richtig klasse, oder?

(Grinsen der beiden Jungs, schauen uns mit aufgerissenen Augen an)

Olli: Neeein! (lachen)

Jens: Weil es echt schwieriger ist, die Leute an den Start zu kriegen. Du hast Probleme mit deinem Sound, die Leute sind weit weg, du stehst auf einer riesen Bühne mit einem Graben wie heute. Wenn in einem kleinen Laden Leute sind, die das hören wollen, hast du die so schnell am Arsch, dann schwitzen alle, und es wird so schnell ein Ding. Auf einem Festival ist es schön, dass mehr Leute da sind, aber vorne sind eher die Leute, die tanzen wollen, und von denen, die hinten stehen, weißt du nicht, ob sie nur da stehen oder Langeweile haben. Wenn es in einem kleinen Club abgeht, merkt man, die wollen das und geben es uns zurück. Auf einem Open Air wie hier, mit einem Pressegraben und einer sehr hohen Bühne hat man echt... naja, das sind wir nicht so gewohnt.

Das erste Mal haben wir euch im kleinen Café Central gesehen.

Jens (überrascht): In Weinheim?

Genau.

Jens: Das war der Gig mit dem chaotischen Ende. Ich musste neulich daran denken, dass wir einmal dort gespielt haben und Basti mich ins Schlagzeug geschubst hat.

Ich kann mich an den Spruch eures Sängers erinnern, der sagte: "Jetzt kommt der letzte Song, also macht eure Hosen auf!"

(Jens verrollt die Augen)

Das fanden wir sehr sympathisch...

(Olli und Jens brechen in Gelächter aus)

Jens: Wir dachten immer, dass das gerade eher unsympathisch ist (lacht) Wir finden den Spruch öde, weil er den immer bringt. War ein sehr schöner Abend in Weinheim, auf eine Art auch schräg, weil er schliesslich im Chaos endete, was nicht normal ist bei uns.

Olli (schwärmt): Der Abend war super!

Jens: Ja! Super Laden das Central. Da sehen wir uns auch wieder!

(Die Bustür geht auf, ein sympathischer Kerl namens Rainer kommt herein und setzt sich zu uns)

Ihr habt letztes Jahr kein einziges Festival gespielt. Für die kommende Festivalsaison erwarten euch gleich knappe 25.

Olli (grinst): Das kann gut sein.

Habt ihr Schiss?

Jens: Das schräge ist, wir hatten jetzt vier Festivals, davon hat es bei dreien geregnet. Wenn das so weiter geht... Aber Schiss auf keinen Fall, nein.

Olli: Nur davor, dass es ständig regnet.

Jens: Bei Festivals ist es ja so, es gibt solche und solche. Es gibt welche, bei denen man denkt: sind wir hier die richtige Band am richtigen Ort? In einem Club wird man eben gebucht und es kommen die Leute, die einen sehen wollen. Bei einem Festival bist du dir nicht sicher, warum die Leute da sind. Wegen des Events, der Band oder einer anderen Band.

Olli: Wir ziehen aber immer unser Ding durch. Also wenn wir Bock haben und da steht auch nur ein besoffener Onkel (lacht)...

Für euch wird es normal sein, aber wie sieht denn ein Tag zwischen zwei Auftritten aus?

Jens: Öde. Das Schlimme ist, man wartet die ganze Zeit. Man wacht im Hotel auf, frühstückt, wartet bis alle da sind, dann fährt man los, im Wagen hängt man nur rum. Irgendwann kommt man an. Macht Soundcheck oder isst. Es ist die ganze Zeit nur Warterei und am Ende spielt man nur eine Stunde pro Abend. Klar, man baut auf und ab und macht ein bisschen Party. Aber 10 Stunden am Tag sind Rumhängen und Warten.

Olli: Das ist auch das coole an Festivals. Wenn man dort ankommt, kann man wenigstens Bands angucken. Oder ey! (schaut Jens mit riesen Augen an) Die Stadt angucken!

Jens: Zu viel Party geht eben auch nicht, du musst ja fit sein und fahren.

Ihr fahrt selbst?

Olli: Ja. Hier fahren wir jetzt ausnahmsweise nicht nur selbst, weil zwei Kumpels dabei sind. Entspannend sind die Nightliner, wenn du nicht selber fahren musst.

Jens: Da gibt es aber wieder das Problem, dass du nicht sagen kannst, ich bleib noch die Nacht hier. Der Bus fährt dann um elf los, du pennst im Wagen der morgens irgendwo ankommt. Dann kannst du auch nicht mehr Party machen. Normalerweise spielen wir, packen, ab ins Hotel, einer muss noch fahren. Wir machen das alles selbst und haben eben niemanden, der die Drecksarbeit macht, sozusagen. Deshalb ist das ein bisschen wie ein Job. Wir machen ihn gerne, aber es ist nur wenig Romantik dabei. Das ist mehr Männerautobahnromantik.

Olli: Männerwohnheimautobahnromantik (grinst).

Jens: Party machen kann man nur dann, wenn Leute da sind, die mit Party machen. Man kann sich auch mal im Hotel daneben benehmen, aber das wird auch langweilig.

Dieses typische Rockstarhotelzimmerzertrümmern?

Jens: Das macht keinen Sinn. Ich glaube, das machen nur Leute, die so frustriert sind, weil sie keinen Kontakt mehr zur Welt haben. Du lernst die Leute im Hotel ja kennen und willst ihnen nichts Böses. Das sind alles Leute, die schlecht bezahlt werden, warum soll ich mich daneben benehmen, die müssen das ja alles sauber machen. Das trifft die armen Leute mit den schlechten Jobs, deshalb machen wir das nicht.

Die VW Sound Foundation hat es sich zum Ziel gesetzt, junge Talente in der Musikszene zu fördern. Von ihr wurdet ihr anfangs auch unterstützt, richtig?

Olli: Die haben uns unterstützt, auf jeden Fall. Sie haben uns einen Bus gegeben, und das war echt cool. Der Bus ist klein und man kann nicht viele Leute mitnehmen, aber er fährt sich super und vor allem schnell. Was ich nicht cool finde, ist, dass du Dinge vorweisen musst, zum Beispiel ein Video oder eine Single, und die Tour muss gebucht sein. Du musst überhaupt schon am Start sein, um diesen Bus zu bekommen. Wir wissen von unseren alten Bands, dass wir die Sound Foundation damals viel nötiger gehabt hätten (lacht).

Jens: Es ist gut, wenn ein Millionenkonzern wie VW Kultur fördert. Es gibt ja soviel Kulturförderung in Opern und solche Sachen. Wir sind wenigstens in einer Kultur, die Leute ohne Geld hören wollen. Wenn sie nur in große Theateraufführungen von André Heller investieren würden, wäre das komplett für den Arsch. Das hier bringt der RocknRoll-Szene was. Natürlich könnten sie noch kleineren Band helfen, aber die wollen natürlich auch Bands, die schon eine Tour haben. Für die ist das Werbung, klar, aber ich finde das eine angenehme Art von Werbung, es gibt so viel Scheißwerbung auf der Welt, da ist das eine sehr korrekte Form von Werbung.

Habt ihr euch dort beworben?

Jens: Man kann sich da bewerben, aber im Grunde läuft es über Bookingagenturen, weil man dieseTour vorweisen muss, damit man auch genug Konzerte hat.

Würdet ihr Nachwuchsbands empfehlen, sich dort zu bewerben?

Jens: Klar, immer! Je mehr Bands sich dort bewerben, desto mehr überlegen sie vielleicht, noch mehr Busse anzuschaffen. Immer bewerben, klar! Der kleine Haken ist nur, man muss schon einen Namen haben. Es ist trotzdem eine gute Sache, weil Geld in Rockmusik investiert wird, die auch junge Leute ohne Geld hören wollen.

Was sagt ihr zu Vergleichen mit den Beatsteaks und diversen Schwedenbands?

Olli: Da kann ich was zu sagen. Auf jeden Fall wurden wir am Anfang mit denen verglichen, aber das war, glaube ich, vorwiegend wegen dieser Berlin-Geschichte. Thomas, der Drummer der Beatsteaks, ist ein super Freund von uns und hat einen Song auf der Platte getrommelt. Das hat aber nichts mit der Musikrichtung zu tun, wir kannten ihn damals schon. Eine andere Sache sind die Produzenten. Thorsten Otte, der unsere Platte produziert hat, war auch bei den Beatsteaks dabei. Gordon Raffael, der die Strokes produziert hat, hat bei uns das Vocalzeug gemacht, war auch bei den Beatsteaks Vocalproduzent. Natürlich schreibt man das in die Plattencredits, natürlich wird das immer von der Presse aufgegriffen, weil das Bands sind, die man einfach kennt. Aber das ist eigentlich total egal. Wir sind Leute in Kreuzberg, wir kennen uns alle, wir machen zusammen irgendwas, wir treffen uns in Kneipen und sie sagen: "Hey, checkt das doch mal mit denen", und wir sagen: "Okay, mit denen machen wir was". Und das ist alles gut so.

Jens: Das stimmt alles. Wenn man eine neue Platte macht, wird man immer mit anderen Bands verglichen. Das macht man ja selbst auch, wenn man sich eine Platte von einer Band kauft, die man noch nicht kennt, ordnet man sie gleich irgendwo ein. Das ist völlig normal. Eigentlich ist das schöne bei uns, dass so viele verschiedene Bands genannt wurden. Keiner erfindet das Rad neu oder nicht komplett neu. Klar, hat man seine Einflüsse und findet Sachen gut. Vielleicht sagt man bei unserer zweiten oder dritten Platte: "Das ist ein typisches Gods of Blitz Album" oder irgendeine andere Band erinnert sogar an Gods of Blitz. Das finden wir gut. Wir würden dann nicht sagen, die wollen uns nachmachen, sondern hey, die werden mit uns verglichen, das finden wir schön. So entwickelt sich ja der RocknRoll weiter, oder eigentlich jede Musik. Irgendwas wird aufgebaut, dann wieder was Altes genommen oder was anderes zusammengesetzt. Es gibt ja keinen RocknRoll, der nicht irgendwelche Einflüsse hat. Solange nicht immer die gleiche Band genannt wird, wenn wir verglichen werden, ist alles gut.

Also seid ihr nicht genervt davon.

Jens: Nein, vor allem sind die Beatsteaks so nette Jungs, da kann uns das gar nicht nerven.

Was geht euch direkt vor Auftritten durch den Kopf und mit welchem Ziel betretet ihr die Bühne?

Jens: Da herrscht eine angenehme Leere, weil man auf den Punkt richtig eingestellt ist. Man hat zwei Bier getrunken, man denkt nicht zu viel und auch nicht zu wenig. Man hat sich warm gemacht und ein bisschen Adrenalin ist da, da geht einem eigentlich nichts im Kopf vor.

Auf was steht ihr musikalisch zur Zeit?

Olli: Also was ich mit gekauft hab, was sich sonst niemand aus der Band kaufen würde, ist Tool. Die neue Chili Peppers hab ich mir gekauft, die find ich furchtbar.

Ich habe sie noch nicht gehört, aber ich glaube, mir ist das zuviel Musik auf einmal. Doppel CDs schrecken mich ab.

Olli: Da hast du völlig Recht, auf jeden Fall. Du hättest sie genauso auf eine Platte zusammenkürzen können, dann wäre es immer noch ein Ok-Album. Von alten Songs kannst du Refrains über Songs der neuen Platte singen. Weil es alles das Gleiche ist, die Harmonien, das ist unglaublich. Aber egal. Trotzdem eine geile Band, weil die Chili Peppers dürfen das. Was ich mir noch gekauft habe sind die Arctic Monkeys, die find ich supergeil.

Die haben wir neulich live gesehen.

Olli: Echt? Gut?

Sie gehen ab wie Drecksau, auf jeden Fall. Aber ich finde, man merkt, dass sie einfach keine Lust mehr haben. Sie kommen auf die Bühne, spielen, und gehen. Zugaben geben sie aus Prinzip nicht, weil sie wohl zu kalkuliert sind.

Jens: Aber sie aus Prinzip nicht zu geben, ist ja genauso kalkuliert. Die Strokes haben auf ihrer ersten Tour auch nur ihr Album gespielt. Nicht mehr, nicht weniger. Aber im Grunde geht es darum, dass die Leute ein Schweinegeld bezahlen und was sehen wollen.

Olli: Ich habe vorhin erfahren, dass ich zu Metallica gehen darf. Am 06.06.2006 in Berlin, Weltslayertag.

Jens: Schön, dass ihr euch gar nicht dafür interessiert was ich mit gekauft habe (lacht). Ich hab ehrlichgesagt kein Geld, mir Platten zu kaufen.

Ach, komm...

Jens: Ohne Scheiß. Ich kauf mir nur Vinyl. Es gibt Leute die haben kein Geld und kopieren sich CDs oder brennen sich MP3s. Ich hab wirklich nur einen Plattenspieler und ein Tapedeck, aber keiner macht mir mehr Tapes. Ich habe eigentlich fast nichts neues gekauft. Aber ich habe die Stranglers wiederentdeckt. Fehlfarben "Monarchie und Alltag" hab ich von meinen Eltern wieder vom Dachboden geholt, wo ich mal alle alten Platten gelagert habe. Ich hörte sie mit offenem Mund und dachte mir, noch nie gehört, die ist ja geil. Beste deutschsprachige Platte, wie ich finde.

Olli: Absolut!

Jens: Der Kopf ist größer als der Hut, will ich nur sagen.

Olli: Genau, und es liegt ein Grauschleier über der Stadt. Das ist eine Platte, die uns auf jeden Fall verbindet. Und von wegen alte Sachen hören: NinaMarie, die Band von Thomas, dem Drummer der Beatsteaks. Kann ich auch nur empfehlen.

Jens: Gut, der Name ist schon scheiße.

Olli: Aber wer Fehlfarben mag, mag die auch.

Damit werde ich mich mal beschäftigen. Wir bedanken uns für das Interview und wünschen euch noch eine gute Heimfahrt!

Jens: Danke ebenfalls!

Stefanie Graze, Ramona Krause

Lesen


Rezension zu "Reporting A Mirage" (2007)
Konzertbericht (2006)

Finden


Bye-Bye



Am 5. Januar 2021 haben wir éclat eingestellt. Mehr Infos hierzu gibt es auf unserer Startseite!
Alles gelesen? Guck doch mal in unserem Textarchiv vorbei, dort gibt es fast 5000 Rezensionen und mehr als 400 Konzertberichte und Interviews.